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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-28 · Heft 22 (28.5.1920) · p. Seite 250

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 22 (28.5.1920)
Date
1920-05-28
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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250 - dorf) der Haupttypus dieses neuen Siedlungswerkes werden. In der Landwirtschaft müssen die intensivsten Formen wie der Gartenbau vorherrschen. -Dies ermöglicht kleine Landparzellen. Bei Böden, die künstlich bewässert werden können, genügt für die Selbstversorgung eine Fläche von etwa 500 Quadratmetern Gartenland Pro Familie (100 Quadratmeter Pro Kopf). Hierbei kann der Gartenbau nebenberuflich ausgeübt werden, sei es, daß der Mann ihm täglich ein bis höchstens zwei Stunden zu widmen hat, sei es, daß Frau und Kinder sich täglich einige Stunden damit beschäftigen. Für den hauptberuflichen Gartenbau, von dem die Familie leben kann, genügt bei bewässerbaren Böden ein halbes Hektar, bei unbewässertem Boden etwa 1 bis VA Hektar. Ein Hauptvorteil dieser neuen Art von Siedlung ist das Beieinander von Haus und Land, wie es überhaupt der große Vorzug der gartenstädtischen Siedlung ist, daß sie die Annehmlichkeiten des städtischen und des ländlichen Lebens miteinander verbindet. Der Weg zur Arbeitsstätte ist gleich Null. Die Bewachung entlegenerer Feldstücke kommt nicht in Betracht. Wenn die Siedlung entsprechend groß angelegt ist und mehrere hundert, möglichst sogar nicht weniger als tausend Familien zählt, kann für Fachleute auf allen einzelnen Gebieten des landwirtschaftlichen Betriebes gesorgt sein, so daß Fehlschläge so gut wie völlig vermieden werden können. Gemeinsame Verwertungs- und Absatzorganisationen entlasten den einzelnen ebenfalls weitgehend und sichern ihm den besten wirtschaftlichen Erfolg unter Vermeidung jeder Konkurrenz. Die hochintensive landwirtschaftliche Arbeit auf Grund moderner Methoden und der besten maschinellen und sonstigen Behelfe hat aber nicht nur den Vorzug gesicherter Erträge, j rudern auch, den, daß industrielle Arbeits- und Denkweise im Gegensatz zur bäuerlichen, die den Juden ja abgeht — hier ein vorzügliches Feld findet. Es ist nicht einzusehen, weshalb nicht die neuen industrialisierten Formen der Landwirt!schast auch hinsichtlich des materiellen Ertrages so lohnend sein sollen wie bestausgeübtes Handwerk oder Industrie. Von großer Wichtigkeit ist die Baufrage bei diesem jüdischen Siedlungswerk in Palästina. Der Grund und Boden ist in dem ziemliche vernachlässigten Lande billig genug, so daß man hier die Begrenzung der Einzelparzellen nur nach dem Gesichtspunkt der Bearbeitungsmöglichkeit mit eigenen Kräften zu bemessen braucht, und nicht nach dem Geldpunkt. Dagegen ist der Hausbau nicht billig, und es wird darauf ankommen, für die mittellosen oder Minderbemittelten Einwanderer diese Schwierigkeit zu überbrücken. Dies kann in Palästina auf verschiedene Weise geschehen. Zunächst ist ja das Wohnbedürfnis in allen wärmeren Ländern viel geringer als beispielsweise in Mitteleuropa. Eine ländliche Bevölkerung braucht das Haus eigentlich nur zum Schlafen. Das Leben vollzieht sich mehr im Freien, und auch die offene Vorhalle eines Häuschens vergrößert den Wohnraum. Wenn auch in den gebirgigen Gegenden ein kurzer Winter eintritt, der für eine europäische Bevölkerung Heizung erfordert, so ist die Küstenebene so warm, daß Oefen durchaus nicht unbedingt erforderlich sind, und in manchen anderen Teilen des Landes ist es noch wärmer. Diese Gebiete werden im Anfang der jüdischen Einwanderung vorzuziehen sein, um die Hausbaufrage zu erleichtern. Daneben wird man sich auch hier mit dem Gedanken befreunden müssen, zunächst sehr bescheiden zu bauen und sich auf das Allernotwendigste zu beschränken. Die Wohnhäuser können so eingerichtet werden, daß sie durch bereits im ursprünglichen Plan liegende Anbauten später vergrößert werden können. Oder man kann die ersten Bauten in einer Weise Herrichten, daß sie, wenn später unter günstigeren Bedingungen an den Bau geschritten werden kann, als Wirtschaftsgebäude dienen können. Auch die Materialfrage bietet einige Schwierigkeiten. Der Lehmbau, der gegenwärtig ja auch in Deutschland wieder zu Ehren kommt, stammt ja aus dem Orient, wo ganze Länder überhaupt keine andere Bauweise kennen. Dies gilt nicht nur für das Altertum, sondern auch für die Gegenwart, und >venn auch die primitivsten Lehmbauten des Orients sehr schlecht und unansehnlich sind, so daß diese Beispiele nur abschreckend wirken können, so gibt es doch auch sehr gut gebaute, dem Klima vorzüglich angepaßte und durchaus nett gehaltene Häuser. Unter Zuhilfenahme der zahlreichen Verbesserungen, die gerade in den letzten Jahrenim Lehmbau Deutschlands. Anwendung gesunden haben, liehe sich also eine Wohnweise erzielen, die auch den Bedürfnissen eines Mittelstandes vollauf genügen kann. Auch diese Frage der Baumaterialien ist im übrigen so wichtig, daß man im Anfang der Kolonisation solchen Gegenden den Vorzug geben wird, wo Lehm als Baumaterial an Ort und Stelle zur Verfügung steht. Im übrigen ist man gerade in Palästina wegen der Baustoffe gar nicht so sehr in Verlegenheit. Es gibt Leute, die behaupten, daß Palästina überhaupt nur aus Baumaterial besteht. In der Tat weist der ganze gebirgige Teil des Landes einen sehr brauchbaren Kalkstein aus. Die Küstenebene ist stark isandig. Die Rohstoffe für Zementfabrikation sind ebenfalls an verschiedenen Teilen des Landes in bequemer Weisß vereint zu finden, so daß mit Hilfe des reichlich vorhandenen Sandes sowohl Zementsandwie Kalksand-Baumaterialien hergestellt würden können. Und zwischen dem Gebirge und der Küstenebene ist meist Lehm in Mengen und geeigneter Qualität zu finden. Was besonders knapp ist, wäre das H o lz. Schon vor dem Kriege hat Palästina!so gut wie gar keinen Waldbestand gehabt, und das wenige, das noch vereinzelt hier und da zu finden war, ist dem Kriege zum Opfer gefallen, mußten doch die Militärtvansporte in Ermangelung von Kohlen vielfach mit Holz geheizt werden, und da auch dieses nur knapp vorhanden war, blieb eben der Zug von Zeit zu Zeit stehen, bis man im Umkreise von vielen Meilen das wenige Holz zusammengeschafft hatte, um den Transport eine kleine Strecke weiterzubringen. Aber dafür sinddie Bauweisen des Orients von jeher darauf eingerichtet, mit einem Minimum an Holz auszukommen. Und schließlich werden kleine Quanten ja immer zu importieren sein. Interessant ist übrigens-, daß der Holzanbau mit zu den rentabelsten Dingen im Orient gehört, so daß eine planmäßige Aufforstung nicht nur einem Bedürfnis entspricht, sondern auch dem Staate ein sehr hohes Einkommen bringen kann. Damit kommen wir zu dom Gebiet der öffentlichen Arbeiten, das im vorliegenden Falle neben der Aufforstung vor allem die Ausdehnung des Verkehrsnetzes, Schaffung weiterer Bahnlinien-'Und Häfen, die Errichtung von zahlreichen größeren und kleineren Bewässerungssystemen, die Trockenlegung der Sümpfe und andere Saniervngsarbeiten sowie die Versorgung des Landes mit elektrischer Kraft umfaßt. Für die letztere eignen sich vorzüglich Jordan, Litani und Aarmuk sowie einige kleinere Flüsse, die bei ziemlich starkem Wasserquantum ein ungewöhnliches Gefälle zeigen, so daß von einigen .wenigen Stellen aus das ganze Land mit elektrischer Kraft versorgt werden kann, die dem Verkehrswesen, der Bewässerung, dem Bedarf der Industrie -und der Beleuchtung oienen wird. Eine Schwierigkeit liegt darin, daß zu Anfang j der Bedarf nicht sehr groß sein kann und daß infolgedessen größere Anlagen inder ersten Zeit mit einer Unterbilanz arbeiten würden. Wer die Verwendung .der überschüssigen Kraft zur Herstellung von Lustftickstoff oder von Karbid wie auch zum Aufstauen von Wasser für Berieselungszwecke kann weitgehend über diese Schwierigkeit hmweghelsen. Bei Erwähnung des Luststickstofss wäre auch noch darauf hin-

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