Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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phänomenale Kenntnis aller Zweige, speziell jüdischer Wissenschaft sind ja die größten Autoritäten im Urteil einig. Si e war stupend, seit Maimonid es' Tode nie dagewesen . . . Eljah Wilna gilt auf biblifch-talmudischem Gebiete als hellster Stern, als eine der seltensten Erscheinungen . . . Und dieser konversativste der Konversativen, dieser autorlitative Dezisor in judaicis animierte geradezu seine Vertrauten, sich gründliches profanes Wissen neben Thorastudium anzueignen. Ja, er schrieb sogar zu diesem Behufe seine Werke . . ., sogar eine kurze hebräische Grammatik verschmähte er nicht zusammenzustellen ... Er hielt förmlich darauf, daß jedes Bibelwort mit größter Genauigkeit, sogar der Vertonung, zitiert werde. Seinen Günstling und Vertrauten Rabbi Baruch Doctor oder Schklower — ein hervorragender Talmudgelehrter, der sein Oberrabbinat aufgab, mn sich der Wissenschaft, speziell der Mathematik und Medizin, zu widmen, vielfach zum Wanderstab griff, um in Berlin, London, Amsterdam persönliche Bekanntschaften mit großen Zeitgenossen anzuknüpfen und bei dieser Gelegenheit Werke zu veröffentlichen, später sogar Hofarzt beim Fürsten Radziwill in Litauen wurde—, diesen seinen Liebling veranlaßte der Gaün, den Euklides aus dem Griechischen ins Hebräische zu übertragen, um dadurch den jüdischen Gelehrten die Elemente der Geometrie zugänglich zu machen. Er, der Gaün selber, schrieb zu diesem Behufe sein äußerst lakonisches Repetitorium „Ajil Meschulosch" Mer Algebra, Geometrie, Trigonometrie (ebene und sphärische) sowie über die Elemente der Astronomie nieder. Obgleich selber Prominente Autorität auch auf kabbalistischem Gebiet — speziell genauer Sohar-Kenner, wie dies seine zahlreichen in äußerst kurzer, scharfsinnig,er Form abgefaßten Werke hierüber zur Genüge bezeugen—, war Eljah Wilna erbittertster Gegner des damals im Entstehen begriffenen Chassidismus. Warum? Weil er ihn als Irrlehre geradezu betrachtete, die sich nur ein kabbalistisches Mäntelchen umgehängt; als krasseste Mystik, die nur Verwirrung hervorzurufen geeignet wäre; als Zerstörer wahrer Wissenschaft, die er über alles achtete. Und in der Tat hat ja der .Chassidismus bald die Wissenschastsächtung aus seine Fahnen geschrieben . . .! Er, der Gaün, war so fest von der Schädlichkeit des Chassidismus für das Gesamtjudentum überzeugt, daß er, obgleich sonst der Sanfteste und Versöhnlichste, im Kampfe gegen diesen Schmarotzer vor der schärfsten Waffe nicht zurückschreckte . . . Er wollte mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht den artfremden, schrecklichen, vom wallachischen Hysteriker ,Mescht" heraufbeschworenen jüdischen „Papismus" mit Stumpf und Stiel ausrotten,' der nur Sittenverrohung, Alkoholmißbrauch, krasseste Ignoranz und Aberglauben im. Gefolge hatte . . . Und ist es ihm auch nicht ganz gelungen .. so hatte er doch die drohenden Gefahren mit seinem weitschauenden Genie rechtzeitig erkannt . . .! So'' steht Eljah , Wilna als überragender Geist seines Jahrhunderts da . . . 1« als Genie, das seiner Zeit weit voraäs war. Probleme der neuen Milchen palättinakebluno. Von Davis Trietsch. n einer Zeit, in der die durch den Krieg verwüsteten Länder raschestens wieder ausgobaut werden sollen und in der auch sonst eine durch den Krieg veranlaßte große neue Siedlungstätigkeit einsetzt, die mit einer starken Tendenz der Rückkehr zum Lande und der Selbstversorgung Hand in Hand geht, erleben wir das Schauspiel >einer Art von Völkerwanderung: die Rückkehr großer Massen von Juden in das alte Land der Väter. Schon vor dem Kriege waren die Verhältnisse der Juden in Osteuropa und anderwärts derartige, daß große Wanderungen resultierten, die noch viel größer geweisen wären, wenn ein Land offen gestanden hätte, so wie jetzt durch den Spruch der Mächte Palästina der jüdischen Wanderung sreistehen soll. Wenn nicht alles trügt, werden nunmehr jährlich Hunderttausende auS dem jüdischen Osten nach Palästina wandern unter der Sympathie der ganzen Welt, die mit diesem ersten großen versöhnlichen Akt der ganzen Weltkriegsperiode ein altes Unrecht wieder gutgemacht, und unter Mitwirkung fast der gesamten Judenheit. Diese bevorstehende Wanderung hat ihre besonderen Probleme. Zum erstenmal geht ein an mehr oder weniger europäische Verhältnisse gewöhntes Element in großer Masse und dichter Siedlung in ein stark vernachlässigtes Land. ES ist also alles — oder fast alles — neu zu schaffen. Dabei handelt eS sich in ziemlich weit gehendem Maße darum, diese fast ausschließlich an städtische Existenz gewöhnten Juden wieder zur Landwirtschaft oder wenigstens zur Selbstversorgung zu bringen. Zudem sind die Landesverhältnisse denen der Herkunftsländer der Einwanderer durchaus unähnlich. Die beste Wirtschaftsform für Palästina muH erst noch gefunden werden. Die landwirtschaftliche Technik von heute ist fast ausschließlich den Bedürfnissen europäischer Länder und Betriebsweisen angepaßt. Die jüdische Einwanderung bringt nichtlandwirtschaftliche Berufe mit sich, die nach Möglichkeit verwertet werden müssen, usw. usw. Man sieht, es gibt eine Fülle von Fragen, von deren Lösung Erfolg oder Mißerfolg dicher Ansiedlung abhängen wird. Dabei haben wir von den finanziellen und kulturellen Problemen gar nicht gesprochen. Aber man wird annehmen dürfen, daß die auf bereits annähernd 16 Millionen angewachsene Judenschaft der ganzen Welt die Rettung der Ostjuden im Aufbau Palästinas mit hinreichenden Mitteln unterstützen wird. Ansiedlung im vorderen Orient ist auch, wesentlich billiger durchzuführen, als man gemeinhin glaubt. Einige Jahre vor dem Krieg sind beispielsweise in G r i e ch e n - l a n d Tausende von aus dem bulgarischen Schwarzmeergebiet flüchtenden Griechen in ganz neuen Ortschaften, Städten und Dörfern angesiedelt worden mit einem Kostenaufwand von etwa 2000 Goldfrancs pro Familie. Noch viel billiger haben die Türken es zuwege gebracht, die muselmanischen Rückwanderer, die zu verschiedenen Zeiten aus unter christliche Herrschaft gekommenen Gebieten sich nach Kleinasien zurückzogen, anzusiedeln. Die jüdische AnsiMungstätigkeit in Palästina dürste für die Mittellosen und Minderbemittelten auch unter den heutigen Umständen mit etwa 5000 Goldfrancs pro Familie oder 1000 Goldfrancs pro Kopf durchzuführen sein. In geistiger Hinsicht ist bei der ganzen Veranlagung der Juden zu erwarten, daß hier eher ein Zuviel als ein Zuwenig Platz greifen wird. Das Schul- und Fürsorgewesen wie auch die höhere Ausbildung werden in .einer sich neu bildenden jüdischen Konzentration zweifellos gut versehen sein. Das kann man schon in den bisherigen jüdischen Kolonien und städtischen Ansammlungen in Palästina sehen, und eine der ersten Aeußerungen des damals noch nicht einmal bestätigten jüdischen Gemeinwesens war die Grundsteinlegung einer hebräischen Universität in Jerusalem im Jahre 1918. Das Siedlungsproblem im engeren Sinne wird seine Lösung ungefähr auf folgenden Linien finden, die auch deutschen Siedlungsbestrobungen in manchen Fällen als Richtlinien werden dienen können. Zunächst einmal — in Anbetracht des städtischen Charakters der einwandernden Juden und ihrer vorwiegend handwerklichen und industriellen Betätigung — dürfte die Gartenstadt (im Sinne von Industrie-