Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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fürchtiger Frömmigkeit auch ahne das Bestehen von Strafgesetzen das Böse zu unterlassen. Ja, noch mehr, die Gottesfurcht! und -die sonstigen religiösmoralischen Gebote sollen in der Erziehung, wie der Talmud bemerkt, in der lebendigen Vorstellung lbeigebvacht werden, als ob der erziehende Vater mitsamt seinen Kindern oder der unterrichtende Lehrer mitsamt seinen Schülern gleich den Vorfahren am Fuße des Sinai stünden, wo sie, wie einst: jene, diese Lehren und Gesetze unter gottesfürchti>gem Erbeben anhören und in sich aufnähmen. Wie oft wird nicht die Lehre eingeprägt: „Du sollst wegschaffen das Böse aus deiner Mitte." Auch das Gefühl der scheinbaren Sicherheit, das im Herzen des Verbrechers dadurch entstehen könnte, weil die Strafe Gottes chm nicht auf dem Fuße folgt, wird stark erschüttert durch den Hinweis der Bibel in Koheleth (Kap. 8, V. 11—14): „Weil nicht vollstreckt wird die Strafe für die böse Tat sogleich, darum ist voll das Herz der Menschenkinder in ihnen. Böses zu tun. Mag der Sünder auch hundertmal BöseS tun, und Gott ist langmütig gegen ihn, dennoch weiß ich, daß es gut gehen wird den Gottesfürchtigen, da sie sich gefürchtet haben vor ihm. Und nicht gut wird es ergehen dem Frevler, er wird nicht so lange leben wie ein Schatten, da er sich nicht gefürchtet hat vor Gott." Ueberdies hat die Ethik des Judentums in den Sprüchen der „Väter" eine Warnungstafel vor den Augen des Menjschen aufgestellt mit den Worten: „Wisse, was über dir ist: ein allsehendes Auge, ein allhörendes Ohr und alle deine Taten werden in ein Buch geschrieben", das heißt, vor der Allgegenwart und der Allwissenheit Gottes blecht nichts verborgen und nichts vergessen. Einen Begriff, ein Wort gcht es in der jüdischen Ethik, das jedem Juden geläufig ist und vor dem jeder wahrhaft gläubige Jude erzittert, weil es den, der eine böse Tat begeht, brandmarkt, an den Schandpfahl kettet und chn der Verachtung preisgibt, und dieses Wort heißt: „C h i l l u l - H a s ch e m", E n t w e i h u n g des göttlichen Namens." Das sind alles rvligiöS-isittliche Motive, die nicht minder stark sind zur Abwehr -des Bösen als die weltlichen Strafgesetze. Und werden denn nicht unter den Augen dieser Strafgesetze Verbrechen über Verbrechen verübt? Und ist die Sicherheit unter diesen Kriminalgesetzen selbst in unserer kulturell so hoch gepriesenen Zeit so groß, daß man auch nur am hellichten Tage, geschweige denn in der Nacht es wagen dürfte, allein über die Straße zu gehen? Die Erziehung im Judentum zur Gottesfurcht hat es bewirkt, 'daß es in der Judenheit nur wenig Verbrecher und fast kaum schwere Verbrecher gibt (die tendenziöse Statistik lügt in dem Vertrauen, daß die Leser nicht in der Lage sind, dieselbe nachzuprüfen). Die Gottesfurcht konnte sich so in den Herzen verdichten und sie beherrschen, daß tatsächlich der Zustand eintreten konnte, wie die Schrift sagt: „Jeder sitzt unter feinem Weinstock und unter feinem Feigenbaum und niemand schreckt." Im Hinblick auf die -das Volk so erfüllende Gottesfurcht, bei der alle Unsicherheit ausgeschlossen ist, fetzte sich der Prophet Samuel dafür ein, daß in Israel nicht eine Königsherrschaft, sondern eine Gottesherrschaft (Theokratie) bestehen soll. Zweitens sagt Schopenhauer der Religion iur allgemeinen nach: „Girr gewisser Grad allgemeiner Unwissenheit ist die Bedingung aller Religionen, ist das Element, in welchem allein sie leben können. Sobald hingegen Astronomie, Naturwissenschaft, Geologie, Geschichte, Länder- und Völkerkunde chr Licht allgemein verbreiten und endlich gar die Philosophie zum Worte kommen darf, da muß jeder auf Wunder und Offenbarung gestützte Glaube untergehen, worauf dann die Philosophie seinen Platz einnimmt." Auch hier sieht sich das Judentum mit keinem einzigen Worte getroffen. Es perhorresziert direkt die Unwissenheit, indem es sagt: „Der Unwissende kann nicht wahrhaft fromm fein"-weil er durch seine Unwissenheit den Vorurteilen, abergläubischen Vorstellungen und religiösen Irrungen leicht.zugänglich ist-. Eine Religion wie die jüdffche, die nach Wissen und Aufklärung lechzt, indem sie in ihren heiligen Urkunden ausrust: „Wo ist die Weisheit zu finden, und wo ist die Quelle der Vernunft und der Einsicht?" Eine Religion wie die jüdische, die in ihrer Heiligen Schrift allen Aberglauben, wie Totenbeschwörung, Wahrsagerei und dergleichen mehr, aus der Mitte Israels bannt; eine Religion wie die jüdische, die aus den erzählten Wundern kein Glaubensdogma macht — man wird ein solches in den dreizehn Glaubensartikeln des Araimonides vergeblich suchen —; ein Judentum, in dem die Rabbinen, sowohl orthodoxe wie liberale, bis auf den heutigen Tag religiöse Fragen zum größten Teile nach der Ansicht des tief frommen, großen Rationalisten Maimonides entscheiden, eine solche Religion ist selbstverständlich rationalistisch und scheut nicht nur nicht das Wissen, sondern leitet bei jeder Gelegenheit an, Erkenntnis und Wissen zu erwerben. Was immer auch die Wissenschaften an Ergebnissen erzielen mögen, eine geheimnisvolle, unergründliche erste Ursache muß doch angenommen werden, wie so viele Größen der Wisseuschaft — unter anderen Kant, Darwin, Haeckel — anerkannt haben, und diese geheimnisvolle erste Ursache ist im Judentum der lebendige, einzige Gott, dem in seiner Heiligkeit nachzustreben, d. h. ihn immer mehr zu „erkennen", die Hoffnung, das Ziel und Ideal der jüdischen Religion ist und bleibt, wie geschrieben steht: „Und es wird voll sein die Erde der Erkenntnis Gottes, wie das Wasser den Meeresgrund bedeckt." Lljah Mlns als Verehrer prokaner Mlduns, leine lchsrke Gesnerlchakt sunr LhaMMsmus lowie lein Verhältnis?u Labbi lösruch Dortsr'). Skizze zum 200 jährigen (1720—1920) Geburtstag des wtlnaer Gaön. Von Pros. vr. med. Rainer (Wiesbaden, 3. Z. Kopenhagen). 3n einer der Nummern des Jahrgangs 1918 dieser Zeitung habe ich den Brief Salomon Maimons an Moses Mendelssohn über Eljah Wilna wiedergegeben, welcher uns das klare Bild des Gaön im Urteil eines zeitgenössischen, unparteiischen Philosophen zeigt. Es sei mir nun gestattet, noch einiges zur Charakteristik dieser überragenden Persönlichkeit vergangener Zeit hinzuzufügen. Wir haben ja bei Gelegenheit schon erwähnt, daß Eljah Wilna sich mit allen Wisienschaften seiner Zeit befaßte und Werke darüber hinterließ, welche nach seinem Tode von seinen Schülern veröffentlicht wurden. Das Verhältnis des Gaön zur profanen Bildung markiert am besten sein lapidarer Spruch: „Fehlt jemandem nur ein Teil profaner Wisienschast, dann gehen ihm dadurch hundert Teile von der Thorakenntnis ab!" Nun, über des Gaüns *) Einige nähere Notizen von mir hierüber, ebenso über die Akademie des Rabbi Jüsuah Zeitlisch, wo Rabbi Baruch arbeitete, siehe „Frankfurter Israelitisches Familienblatt" (in diversen Nummern der Jahrgänge 1915 und 1916). Genaueres über das Leben dieses hervorragenden Zeitgenossen Eljah. Wilnas erscheint von mir hebräisch im nächsten Jahrbuch des „Haeschkol", herauisgegeben von Dr. I. Günzig (Loschitz i. Mähr.). Die an der hebräischen Enzyklopädie „Ozar Israel" unter dom Schlagwort „Schklow" angeführten Data über Rabbi Baruch und Rabbi Zeitlisch stammen ebenfalls von mir. Leider hat I. D. Eisenstein, der Herausgeber, meinen Namen darunter zu setzen vergessen (?!). I