Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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®tn Schlußwort, in dem Justiz rat LilierrLhal noch einmal an das tätige Interesse der Mitglieder und Gäste appellierte, beschloß die erste Tagung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Die Verhandlungen hinterließen den Eindruck, daß diese erste wissenschaftliche Anstalt des deutschen Judentums ernste, zielbewußte Arbeit leisten wird. E. M. Las jüdische Kkligionsidesl. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick (Berlin). (Schkuh.) enn doch manchmal der Gotteslohn in Aussicht gestellt wird, so soll das nur eine Anregung für schwächere Gemüter sein. Das Beispiel eines starken Geistes, der nicht fragt nach Lohn und Seligkeit aus Erden und im Himmel, hat Rabbi Akiba, von dein wir im ersten Kapitel sprachen, gegeben. Er hat den wahren, reinen, edlen Geist des Judentums mit seinem Martertod -besiegelt; und es ist nicht zu verwundern, wenn er das Hohelied für das Verhältnis zwischen Gott und Israel in Anspruch nahm, das Hohelied, das die todesmutige Liebe verherrlicht, indem es singt: „Stark wie der Tod ist die Liebe." „Viele Gewässer können die Liebe nicht verlöschen, und Ströme können sie nicht überfluten." Im übrigen widerspricht sich Kant in bezug aus das Judentum so handgreiflich, daß -man sich über diesen großen Geist wundern muß (dieses Wunder findet aber darin seine Lösung, daß er, wie -aus einer später zu zitierenden Bemerkung Hermann Cohens -hervorgeht, mit der Bibel und mit dem Geiste des Judentums nur wenig vertraut war). -Er spricht dem Judentum wahre, autonome Religion ab, und doch sagt er an einer anderen Stelle: „Der Spruch: „Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit, und außer mir ist kein Gott!" ist der erhabenste Gedanke der Religion." Aber das ist doch der ureigenste Gedanke und das ureigenste Bekenntnis des Judentums! Er spricht dem Judentum wahre (autonome) Moral -ab, und doch bezeichnet er an einer anderen Stelle den Hiob als die moralisch große Persönlichkeit. — Aber die Moral des Hiob ist doch die des I u d e n t u m s, da doch das gleichnamige Buch einen Bestandteil der -heiligen Urkunden des Judentums bildet. Ist doch das Judentum oder Israel der Hiob inmitten der Völker, der, geschlagen, gemartert, gepeinigt, unter den furchtbarsten Verlusten von Blut und -Gut, ganz nach dem Vorbilde jenes, wie er im Buche steht, immer sesthält an seinem Glauben undseiner religiös-sittlichen Aufgabe. Wie jenem angesichts der schrecklichen Leidenzugemutet wurde, sich von Gott loszujsagen, so wurde die christliche Kirche nicht müde, dem Israel-Hiob durch unmenschliche Grausamkeiten zu beweisen, daß ihr Bekenntnis das Alleinselignrachende ist und daß Gott Israel verworfen und daß demnach die „verstockten Juden" sich zu der -christlichen Religion, als der Religion der Liebe, bekehren müssen. Wie jener hartgeprüft-e Dulder sagte: „Sollen wir denn nur das Gute aus der Hand Gottes hinnehmen, nicht aber auch das Neble, das er uns zuschickt?", so sprach auch auf seinem schweren Leidensgange Israel-Hiob: „Der Mensch ist verpflichtet, Gott sowohl für die Leiden als für das Gute zu danken." Wie jener sprach: „Bis ich verschieden sein werde in meinem Reste, werde ich von -meiner Treue nicht lassen," so sprach auch dieser: „Wen habe ich im Himmel, -und bin ich'-mit dir vereint, so frage ich nichts nach der Erde. Und walle ich auch im Todesschattentale, so walle ich ohne Furcht, denn -du bist bei -mir." „Und trotzdem und alledem sind wir Gottes, und unsere Augen sind auf ihn gerichtet." - Die Liebe zu Gott umfaßt auch den Begriff der Gottesfurcht. Unter Gottesfurcht versteht die Bibel nicht etwa bloß die Furcht des Sünders vor Gott als dem strafenden Richter, sondern- und hauptsächlich, wie anvielen Stellen der Schrift nachweisbar, wie die Furcht des Sohnes oder der Tochter, den bösen Lockungen zu folgen, um die Eltern nicht zu kränken, den Namen und die Ehre der Familie zu verunglimpfen und herabzuwürdigen: „Kommet, Kinder, höret auf mich, Gottesfurcht will ich euch lehren! Wer von euch will Leben gewinnen und glückliche Lebenszeiten -erwerben: Bewahre deine Zunge vor Bösem, und deine Lippen, daß sie nicht Lügnerisches und Hinterlistiges reden, meide das Böse und tue Gutes, suche Frieden zu halten und strebe ihm nach!" „Aller Weisheit Anfang ist Gottesfurcht." Die -Gottesfurcht ist hier ehrfürchtige, demutsvolle Ergebungiu Gott, bei der der Mensch sich nicht aufloh-nt gegen Gott wegen der üblen Schickungen, die die Menschen oft treffen, eine Gottesfurcht, bei der der Mensch nicht fragt: warum ist dieses oder jenes so Mel in der Welt eingerichtet, eine Gottesfurcht, die ihre -Stärke findet in dem Glauben an die Allweisheit und die Alliebe Gottes, der alles über Schmerz und Tränen und -Bitternisse zum Guten wendet. Eine solche demutsvolle und vertrauensinnige Gottesfurcht nennt die Bibel einen ,,S ch a tz" für den Menschen und für das Zeitalter, in -dem sie alle beherrscht. Und er sprach zum Menschen: „Siehe, Gottesfurcht ist Weisheit und Sündenscheu ist Einsicht." Der Talmud stellt dafür ein treffendes Gleichnis aus, indem er sagt: „Ein Mensch, der Gelehrsamkeit besitzt, aber keine Gottesfurcht, der gleicht -einem Verwalter, der wohl die Schlüssel zu den inneren Gemächern des Palastes in Händen hat, dem aber der Schlüssel zum Eingang in denselben fehlt. Wie soll er da hineinkommen!" In denselben Schriften der alten Rabbinen lesen wir: Als- Rabbi Jochanan ben Sakkai schwerkrank danieder lag, versammelten sichseine Jünger um ihn. Als er sie s-ah, brach ,ec in Weinen aus. „Leuchte Israels, mittlere Säule des Judentum," sprachen seine Jünger, „warum weinest du?" ,Sedenket," erwiderte der Rabbi, „wenn ichvor dem König erscheinen sollte, um mich wegen einer Sache zu verantworten, vor dem König, -der doch nur von Fleisch und Mut ist, heute hier und morgen vielleicht schon im Grabe liegt, so würde ichdoch vor Angst weinen, geschweige denn, daß ich weinen muß, da ich jetzt vor Gott, dem König aller Könige, dem Heiligen, gelobt sei er!, erscheinen >nuß, und ich nicht weiß, was er über mich verhängen wird, ob zum Paradiese oder zur Hölle -einzugehen." „Erteile uns den Segen!" baten die Jünger, und der Ra-bbi sprach: „Wvlltc der Himmel, daß eure Gottesfurcht so groß sei wie die Furcht vor den.Menschen!" „Nicht -größer als diese?" gaben die Jünger verwundert zurück. „Jawohl," erwiderte der Rabbi, „möchte es nur so sein; denn seht, wenn jemand Schlechtes tut, ist seine einzige Sorge, d-aß es nur kein Mensch sehen möchte." Das gleiche Problem hat auch -Schopenhauer in Betracht gezogen. Er hat der Religion im allgemeinen viele Schwächen nachgesagt, darunter zwei, die, wenn sie zuträfen, geeignet wären, die Religion überhaupt zu entwerten. -Er läßt in einem Zwiegespräch den Phil-alet-hes sagen: „Denke dir einmal, es -würden jetzt plötzlich durch öffentliche Proklamationen alle Kriminalgesetze für ausgehoben erklärt, -so glaube ich, daß weder du noch ich den Mut hätte, unter dem Schutz der religiösen Motive auchnur -von hier allein -nach Hause zu gehen. Würde hingegen aus gleiche Weise -alle Religion für unwahr erklärt, so würden wir unter dem Schutze der Gesetze allein ohne sonderliche Vermehrung unserer Besorgnisse und Vorsichtsmaßregeln nach wie vor leben." Von diesem Einwurf wird das Judentum nicht getroff-m, denn wie wir soeben a-useinanderg-esetzt haben, strebt das Judentum aus allen Kräften. Die wahre Gottesfurcht, d. h -die Scheu vor jeder Wien Tat, so konkret ins Herz zu prägen, daß sie jeden Menschen befähigt, fest und tüchtig macht, die Scheu vor jeder üblen Tat, -so konkret ins Herz zu prägen, die Leidenschaften des Herzens zu beherrschen, aus gottes-