Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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246 Polen, Tschechen, Slowaken, Finnen und andere in ihre befreite Heimat ziehen. Aber auch die Zustände in Amerika selbst, die steigende Teuerung, die Hetze und die Vexationen, unter denen Fremde jetzt stark zu leiden haben, besonders aber der noch immer herrschende Kriegszustand mit seinen Kriegsgesetzen, fördern die Auswanderung aus Amerika; hofft doch der Auswanderer, in seiner Heimat Freiheit, Toleranz, Arbeit und 150 Mark für einen Dollar zu haben. Je stärker die Fremdenhetze wird, desto größer wird der Mangel an fremden Arbeitshänden in unseren Industrien, und während die Zahl der Arbeiter durch die Auswanderung von Tag zu Tag kleiner wird, steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften immer mehr. Vor allem ist die Produktion gesteigert, da die ganze Welt die amerikanischen Produkte braucht. Dazu kommt auch die Verkürzung der Arbeitszeit, welche eine Vergrößerung der Arbeiterzahl erfordert. Dieser Zustand bildet ein ernstes Problem für Amerika. Tie vier Millionen fremder Arbeiter, welche heute der amerikanischen Industrie fehlen, sind eine der Hauptursachen der Teuerung und damit der sozialen Unruhe, welche alle Schichten der Bevölkerung ergriffen hat. Hier ist nur eine Hilfe möglich: freie Einwanderung nach Amerika! Die Tore Amerikas müssen jedem Fremden, der hinkommen will, um zu arbeiten, offenstehen. Das Verhältnis zwischen Emigration und Immigration muß wieder ausgeglichen werden. Auswanderung ist schon für ein Industrieland, wie es Amerika ist, ein Unglück. Um so mehr muß das Nichtige getan werden, um die Einwanderung, welche das Land braucht, hinzuleiten. Die Tore Amerikas müssen offen sein! Wer sich Patriot nennt und die Fremden von dem Gestade Amerikas fernhalten will, schädigt das Land, dem er zu dienen glaubt." Die erkte Gknerslvrrlsmmluns des Vereins?ur Gründung und Lrhallung einer Akademie kür die Willenlchakt des Judentums. Der Verein zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums hielt am 17. d. M. im Logenhaus in der Kleiststraße seine erste öffentliche Mitgliederversammlung ab, die von Zahlreichen namhaften jüdischen Gelehrten und den führenden Persönlichkeiten des geistigen jüdischen Berlins besucht war. Ein Vortrag über Hermann Cohen, den eifrigen Förderer des Akademie gedankens, den der berühmte Schüler des Verstorbenen Professor Dr. Ernst Cassirer (Hamburg) hielt, bildete den Höhepunkt der Veranstaltung. Die Versammlung wurde vom ersten Vorsitzenden, Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Landau, mit einer Begrüßung der Mitglieder unid der geladenen- Gäste eröffnet. Professor Dr. Ernst Cassirer (Hamburg) würdigte die Persönlichkeit und das Schaffen . Hermann C o he ns in begeisterten Ausführungen. Er hob Cohens Verdienste um die Begründung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, die sich der Tote zur philosophischen Aufgabe gestellt hatte, hervor. Hermann Cohen erwartete von der Akademie eine Vertiefung und Erneuerung des Judentums, dem er mit ganzer Seele verbunden war. Der Drang nach Wahrheit und Klarheit war der Quell des gesamten Schaffens des großen Toten. In seinem Suchen nach der Wahrheit wurde der große Philosoph zum religiösen Seher, zum Propheten. Auf drei Grundpfeilern rüht Cohens Lehrgebäude: auf Plato, Kant und den- Propheten. P l a t o s Jdeenlehre verband er harmonisch mit Kants transzendentaler Methode. Der Monotheismus ist der schärfste Protest gegen jede Vermischung des Geistig-Sittlichen mit dem Sinnlichen. Wurzel und Schwerpunkt der Religion sind durch, den Monotheismus von den Naturkräften zum Sittlichen übergegangen. Diese geistige Urkraft des Monotheismus ist in den Propheten am klarsten für Cohen in die Erscheinung getreten. Hier fand feine rein geistige Auffassung der Religion immer wieder neue Kraftquellen. Mit der höchsten Schärfe des Denkens verband der Verewigte die tiefe Glut sittlichen Empfindens. Religion und Wissenschaft wurden ihm zu einer ^euen, wahrhaft philosophischen Einheit. Die tiefsten Wurzeln feiner Kraft lagen in seiner eigenen Brust. Ein durch Namen nicht zu bezeichnender besonderer Geist bildete den Urgrund der lauteren Persönlichkeiten des großen Philosophen. Nach diesem Vortrage, der einen tiefen Eindruck hinterlieb, erstattete Sanitätsrat Dr. Brasch den vorläufigen Verwaltungsbericht über das erste Geschäftsjahr der Akademie. Ein vorbereitender Ausschach begann im Februar 1919 mit den ersten Arbeiten, denen, ein Plan -des Privatdozenten Dr. Tä ub l-e r. zugnmde lag. Es wurde eine rege Werbetätigkeit eingeleitet, die zur Gründung von Ortskomitees in Leipzig und Frankfurt a. M. führte. In anderen Gemeinden, wie Bresl a u und H a m b u r g, ist die Arbeit noch nicht abgeschlossen. Auch mit Amerika, Dänemark und Holland wird noch verhandelt. Don den Großgemeinden bewilligten Breslau und Berlin größere Beiträge; im Orden Bne Brith wird ebenfalls geworben. Sehr erfolgreich war die Agitation bei ausländischen Glaubensgenossen, die gegenwärtig in Deutschland leiben. Diese stellten freudig. Mittel und Arbeitskraft in den Dienst des Akademiegedankens. Die Akademie ist bereits im Besitze einer sehr wertvollen Bibliothek, die der Vorsitzende, Geheimrat Dr. Landau, stiftete. In Dr. Täuber fand der Akademievorstand den tatkräftigen wissenschaftlichen Leiter, dessen große Fähigkeiten und Kenntnisse die Zukunft der wissenschaftlichen Aufgabe der Akademie verbürgen. — Privatdozent Dr. Tä übler erstattete den wissenschaftlichen Bericht. Die Arbeiten der im Werden begriffenen Akademie begannen in einem Forschungsi n stitu t. Am 1. Juli 1919 wurde die historische, am 1. Oktober 1919 die tal-! mudische, am 1. Januar 1920 die sprachwissenschaftliche Sektion eröffnet. Die Arbeiten der Mitarbeiter sollen in der Reihe der Veröffentlichungen des Forschungsinstituts erscheinen, sür die außerdem vom Vorstand aus Dr. Täubler eine Schrift über die Begründung des Makkabäerstaates, vorbereitet. Die größte und notwendigste Aufgabe, die die Akademie sich stellen kann, ist die Schaffung einer Bibliotheca Judaica. Diese soll in losen Aufeinanderfolge die Texte sämtlicher jüdischer Schriften bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts in Ausgaben enthalten, die dem höchst erreichbaren Maß kritischer Durcharbeitung entsprechen. Die Aufgabe der Akademie soll nicht nur darin bestehen, diese Ausgaben anzuregen und zu finanzieren, sondern vor allem die Arbeitsmethoden im engeren Kreise ihrer Mitarbeiter zu schaffen und über den Kreis der von diesen selbst besorgten Ausgaben hinaus über ihre Durchführung zu wachen. Die Akademie braruht ihre eigene Zeitschrift nicht, um neben die bestehenden eine neue treten zu lassen, sondern um die in ihr durch sie zu entwickelnden Grundsätze der Arbeit zu propagieren und ihnen in weiteren Kreisen zum Durchbruch zu helfen. Fast noch mehr, als durch selbständige Untersuchungen wird dies durch kritische Auseinandersetzungen möglich werden. Das soll schon im Titel „Kritische Vierteljahrsschrift 'für die Wissenschaft des Judentums" zum Ausdruck kommen. Für diese Zeitschrift liegt bereits eiye Anzahl geeigneter Arbeiten vor. Bibliotbeca Judaica wird mit einer Ausgabe der hebräischen Kreuzzugs geschichte eröffnet'werden. Neben dieser Zeitschrift soll ein besonderes Korrespondenzblatt der Aufgabe dienen, von den Arbeiten der Akademie dauernd Kunde zu geben in einer Form, die imstande wäre, einen weiteren Kreis zu interessieren; ebenso aber auch von den Arbeiten aller anderen jüdisch-wissenschaftlichen Vereinigungen und Institute. Für diesen Zweck ist es möglich, daß die Akademie eine Verbindung, mit allen diesen Vereinigungen und Instituten herstellt und ihre Zentrale wird. Auf diese Weife soll zugleich ein Austausch von Ansichten, Anregungen, Diensten, Anfragen und Antworten angebahnt und die Verbindung über Einzelausgaben hinaus nicht nur aus Gründen, die außerhalb der Wissenschaft liegen, sondern aus den gegebenen wissenschaftlichen Notwendigkeiten heraus zum Ausdruck der wissenschaftlichen Einheit des Judentums werden. Die jüdische Wissenschaft steht im Schatten; die Akademie soll der Hebel werden, der sie in den Kreis der allgemeinen Wissenschaften hineinhebt und sie zu der Wirksamkeit bringt, die ihr nach ihrem inneren Reichtum über den völkisch-religiösen Rahmen hinaus im Kulturganzen gebührt. Unter Leitung des zweiten Vorsitzenden der Akademie, Justizrat Lilienthal (Berlin), nahm die Versammlung den Finanzbericht entgegen. Der Ausschuß wurde durch die Zuwahl der Herren Rechtsanwalt Brasch (Berlin), W i l b u s ch e w i tz (Jaffa), Professor Modern Caro, Eitiugou (Leipzig)., Rabbiner Dr. Weiße (Berlin) und Geheimer Archivrat Warschauer ergänzt.