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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-28 · Heft 22 (28.5.1920) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 22 (28.5.1920)
Date
1920-05-28
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
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„Ueberwachung der Untersuchung gegen Dr. Löw" in Szegedin. Die Szegediner Judenschaft verläßt fluchtartig die Stadt. J- P- Der ungarische Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung" schreibt: Die politischen Parteien versuchen die durch die Friedensbedingungen geschaffene Lage zu ihren Parteizwecken auszubeuten. Die christliche Parteivereinigung beschuldigt 'die liberalen Parteien und das Judentum wegen des ungerechten Friedensvertrages. Die Judenverfolg'ungien setzen mit erneuter Kraft ein. Aus allen Landesteilen strömen Nachrichten über grausame Mißhandlungender Juden und >der liberalen Volksteiie, namentlich aber aus Abvny und Szolnok, wo die Militärabteilung, Hejjas Gewalttaten begeht. In einem Budapester Hotel hat ein galizischer Kaufmann namens Gelber gerade den Meldezettel ausfüllen wollen, als er. von einem Brachiialoffizier beiseite gerufen, zur Ausweisleistungi ausgefordert und schließlich an ihm eine Leibesvisitation vorgenommen wurde. Nach dieser Prozedur wurde Gelber abgeführt und seitdem fehlt jede Spur von ihm. Von den aus der Gemeinde Jszäk (Pester Komitat) anläßlich der Osterpogrome vertriebenen U'nd mißhandelten Juden ist ein Mann namens Groß seinen Verletzungen erlegen und die Frau des Kovacs- Kohn infolge der ausgestandenen Schrecken dem Wahnsinn verfallen. *- ÄurrDgebrrng des Vorstandes der Wiener Knltnsgemeinde betreffend die Verhältnisse in Ungarn. Der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde lenkt die Aufmerksamkeit der gesamten Kulturwelt auf die gegen die Juden Ungarns unter Duldung der Behörden hauptsächlich von im Dienste des. Staates stehenden Offiziersdetachements und Brachialformationen verübten Greuel, sowie auf die Verfolgungen, denen die jüdische Hochschuljugend ausgesetzt ist, welche es ihnen unmögliche wachen, ihren Studien in der Heimat zu obliegen, und sie zwingt, ins Ausland auszuwandern. Mose Kulturschande kann unmöglich die Billigung der zivilisierten Welt finden. Das stillschweigende Gewährenlassen der kulturwidrigen Vorgänge in Ungarn bildet eine eminente Gefahr für den Frieden der ganzen Welt und wirkt — wie die jüngsten Vorgänge an der Wiener Universität beweisen — anspornend auf alle Feinde einer friedlichen Entwicklung, ungestraft das gleiche zu tun wie in- Ungarn. Der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde protestiert mit aller Entschiedenheit gegen den Versuch, die jüdischen Hörer von der Wiener Universität auszuschliehen, und appelliert an die österreichische Regierung, dem Uebergreifen des Budapester Kurses nach Oesterreich unverzüglich Einhalt zu gebieten, ruft aber auch das Gewissen der Mächte an, den den Friedensbestrebungen der ganzen. Welt hohnsprechenden kulturwidrigen Vorgängen in Ungarn ein Ende zu bereiten. * Der Beschluß von San Remo im englischen Unterhause. In einer großen Parlamentsrede über die Beschlüsse von San Remo erklärte Lloyd George, daß das Mandat über Palästina England übertragen wurde, um unter voller Anerkennung der Balfour- Deklaration dort ein nationales Heim für die Juden zu schaffen. Asquith erklärte, es beunruhige ihn sehr, daß England für neue Gebiete zu sorgen habe, jedoch mache er eine Ausnahme mit Palästina, über das er nicht sprechen wolle. Lord Robert Cecil drückte seine außerordentliche Freude darüber aus, daß endlich das Mandat über Palästina endgültig England zugesprochen wurde, und zwar nicht deshalb, weil England daraus Nutzen ziehen werde, da dem Mandatar schwere Arbeit bevorstehe. Earl Winterton sprach seine Hoffnung für,ein verständnisvolles und friedliches Zusammenleben der Juden und Araber aus, und England habe keine größere Aufgabe, als Frieden im nahen Osten und Palästina zu schaffen. Lloyd George erklärte sein volles Einverständnis mit den Ausführungen des Carl Winterton, betreffs der ungeheuren Wichtigkeit einer Verständigung mit Emir Feysul, die nicht schwer fallen dürfte. Auf der Sitzung der Angko-Jewish Association lenkte der Vorsitzende, Claude Moutesiore, die Aufmerksamkeit der Versammelten auf den Umstand, daß die Monatsversammlung gleich nach dem Beschluß von San Remo stattfinde, die Association müsse ihren Dankgefühlen also Ausdruck geben. Die von. Prag vorgelegte und begründete Dankresolution wurde einstimmig angenommen. Bei dieser Gelegenheit zählte Prag auch alle Arbeiten auf, die Vertreter der Jewish Association für Palästina geleistet haben, darunter hauptsächlich die Leistungen von Oberst Goldsmid. Kisch erklärte im Namen der Provinzmitglieder, wie sehr die Massen in der Provinz für den Zionismus begeistert seien, und daß die Jewish Association viel Boden in der Provinz gewinnen würde durch Unterstützung des historischen Beschlusses, ein jüdisches Heim in Palästina zu gründen. Die Stellungnahme des Wiener Knltnsvorstandes zum Beschluß von Sa» Remo. Der Vorstand der Israelitischen Kuiltusgemeinde in Wien hat in feiner Plenarsitzung vom 28. April l920 die nachstehende Kundgebung beschlossen: Eine offiziöse Meldung aus San Remo, dem Sitze der Beratungen der Friedenskonferenz, brachte die Mitteilung, daß die alliierten Mächte beschlossen haben, die noch während des Krieges namens der englischen Regierung abgegebene, als die Balsour-Deklaration bekannte Erklärung, wonach Palästina als nationale Heimstätte für die Juden eingerichtet werden solle, dem Friedensvertrag mit der Türkei zu inkorporieren und das Mandat über Palästina an Großbritannien zu übertragen. Noch sind die Einzelheiten dieser Neuordnung in Palästina nicht bekannt, aber schon die Tatsache allein, daß die Großmächte, in deren Händen heute das Schicksal Europas liegt, dem in der Zerstreuung lebenden jüdischen Volke Gerechtigkeit widerfahren lassen und den tausenden und aber tausenden Juden, die gerade jetzt in den Ländern, in denen sie in großen Massen leben, den heftigsten Verfolgungen und Bedrückungen ausgesetzt sind, eine Zufluchtsstätte eröffnen, wo sie nach ihrer Eigenart unter dem Schutze des Völkerbundes leben und sich entwickeln können, erweckt überall, wo es Juden gibt und wo noch ein Gerechtigkeitsgefühlt lebt, das Gefühl aufrichtigster Freude und innigster Genugtuung. Dieser innigen Freude gibt auch der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde, der, im Durchgangstor zwischen Ost und West wirkend, zu allererst die Wirkungen der Pogrome im Osten und des Flüchtlingsstromes nach dem Westen zu fühlen bekommt, aus vollem Herzen Ausdruck. Mögen aber auch die im Zusammenhänge mit der obigen Meldung laut gewordenen Versicherungen der Großmächte, daß, wie im neuen Palästina die volle und effektive Gleichberechtigung aller Bewohner des Heiligen Landes gewährleistet werden solle, auch die bürgerlichen und politischen Rechte der Juden in ihren derzeitigen Wohnländern ungeschmälert erhalten und gewahrt werden sollen, in Erfüllung gehen! * Die Einwandererfrage in Amerika. Die Regierungskommission zur Untersuchung der amerikanischen Einwanderungsverhältnifse hat in der Oefsentlichkeit erklärt, daß in Amerika nicht weniger als vier Millionen fremder Arbeiter fehlen. Daran knüpft das New Porker „Morgenjournal" folgende Bemerkungen: „Der Mangel an Arbeitskräften hat in Amerika einen für die wirtschaftliche Zukunft des Landes bedrohlichen Grad erreicht. Seit Abschluß des Waffenstillstandes sind aus Amerika mehr als eine Million fremder Arbeiter ausgewandert und Millionen sind zur Auswanderung bereit. Ihre Arbeitsplätze sind nicht besetzt, weil die Zahl der neuen Einwanderer bisher verschwindend klein ist. Im nächsten Jahr werden wohl etwa 300 000 Einwanderer erwartet; doch die Auswanderung dürfte ein Vielfaches betragen. Die Gründe dieser Erscheinung liegen im Mangel an Arbeitskräften in Europa, auch in patriotischen Tendenzen, welche viele

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