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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-28 · Heft 22 (28.5.1920) · p. Seite 243

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 22 (28.5.1920)
Date
1920-05-28
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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243 angelegt; es schrieb Die Anzahl der Vorsteher und Repräsentanten vor, ohne aus die etwa wachsende Zahl der Gemeindemitglieder Rücksicht zu nehmen, so daß die Verwaltung den ungeheuren Aufgaben, die an sie gestellt wurden, nicht mehr gewachsen sein konnte. Alle Hemmungen und Verzögerungen wichtiger Angelegenheiten, über die so oft von Mitgliedern der Gemeinde geklagt wird, sind darauf zuvückzusühren, daß die Angelegenheiten von 150 000 Juden von nicht mehr (ehrenamtlich tätigen) Vorstehern besorgt werden dürfen, als die von 20 000 und noch weit weniger. Jedes einzelne Mitglied des Vorstandes ist natürlich überlastet, wie auch jeder Repräsentant dadurch, daß er in zu vielen Kommissionen arbeiten muß. Nun hat glücklicherweise die Reichsverfassung durch den § 137 dafür gesorgt, daß die jüdische Gemeinde ihre Angelegenheiten selbständig ordnen und verwalten kann. „Sie verleiht ihre Aemter ohne Mitwirkung des Staates." Dieser Paragraph gibt ihr auch das Recht, mit anderen Gemeinden sich zu einem Verbände zusammenzuschließen, so daß kein Hindernis mehr besteht, alle jüdischen Gemeinden Deutschlands zu einem Reichsverbande zu vereinigen. Die Leser dieser Zeitung wißen ja, daß ein Entwurf zu solchem Reichsverbande von Dr. Jsmar Freund ausgearbeitet worden ist, ein Entwurf, dessen Verwirklichung die Möglichkeit bietet, daß liberale und orthodoxe Gemeinden an den kulturellen Aufgaben' des Judentums gemeinschaftlich arbeiten können, während es ihnen unbenommen ist, ihre religiösen Interessen je nach ihrem Standpunkt zu pflegen, ohne daß Konflikte entstehen. Hoffentlich werden auch die deutschen Zionisten sich bald davon Merzeugen, daß es genug gemeinsame jüdisch-kulturelle Ausgaben gibt, an welchen sie mit den nichtzionistischen Deutschen Juden zusammenarbeiten können — nicht bloß in der einzelnen Gemeinde, sondern erst recht im Reichsverband aller jüdischen Gemeinden Deutschlands. In diesem Reichsverbande werden die großen Gemeinden hoffentlich einen bedeutenden Einfluß haben — durch die S u m m e der Intelligenz, die sie in die Organe des Verbandes (Bundestag und Rat) abordnen können. Sollten die Großgemeinden aber Vorrechte auf Grund chrer größeren finanziellen Leistungen geltend machen wollen, so würde der Reichsverband entweder gar nicht erst zustande kommen oder bald wieder von der Bildfläche verschwinden Die finanziellen Leistungen, man kann getrost sagen — Opfer der Großgemeinden für den Verband werden freilich recht bedeutende sein müssen. Wird es sich doch darum handeln, die Keinen Gemeinden, die noch bestehen und dem Untergange nahe sind, zu erhalten, es ihnen zu ermöglichen, einen Lehrer — den einzigen Träger jüdischer Kultur für so manche kleine Gemeinde — anzustellen und die Kinder dieser kleinsten Gemeinden vor der Entfremdung vom Judentum zu bewahren. Nicht oft genug können die Vertreter der Berliner Gemeinden daran erinnert werden, daß das ungeheure Wachstum dieser nicht etwa in einem Ueberschuß von Geburten seinen Grund hat, sondern in der Abwanderung so vieler Juden aus kleinen Städten nach Berlin. Deshalb ist es eine vornehme Pflicht für uns, den durch die Abwanderung gerade der vermögenden Mitglieder in Schwierigkeiten geratenen Gemeinden zu helfen, sie so zu stützen, daß vor allem die daselbst aufwachsende Jugend dem Judentum erhalten bleibt. Leicht ist es sicher nicht für die Repräsentanten der Berliner jüdischen Gemeinde, neben der Befriedigung der großen finanziellen Ansprüche, welche ein ausgedehnter Verwaltungsapparat an sie stellt, auch noch die vornehme Pflicht, von der wir soeben gesprochen haben, zu erfüllen. Allein das Bewußtsein, daß sie den dritten Teil aller Juden Deutschlands vertreten, kann und muß sie in den Stand setzen, vor ihren Wählern und ihrem Gewiflen die alleräußerste Opferwilligkeit zu vertreten und sie da auch vom Finanzminister der Gemeinde zu fordern, wo es sich um eine Lebensfrage des deutschen Judentums handelt. Sache der Wähler wird es sein, nur solche Männer in die Gemeindevertretung zu entsenden, welchen das Verständnis für die höheren Gesichtspunkte nicht fehlt, welche nicht nur Verwaltungstalont, sondern auch ein Herz für das gesamte deutsche Judentum haben, das jetzt in Gefahr sich befindet. Dir Woche. Berli n. 25. Mai. ur noch eine kurze Spanne Zeit trennt uns von dem Tage, an dem das deutsche Volk über die Zusammensetzung seiner gesetzlichen Vertreter für die nächsten vier Jahre entscheiden soll, für diese vier Jahre, die nach menschlichem Ermessen die kritischten seiner Geschichte als Staat und Volk sein werden. Gelingt es ihm in diesem Zeitraum nicht, allen Quertreibereien der gestürzten reaktionären Mächte und allen Phantastereien bolschewistischer Menschheitserlöser zum Trotz, zu geordneten, ruhigen Zuständen zu gelangen, ein Staat zu werden, in dem alle Staatsbürger unter gleichem Schutz und Zwang des Rechtes stehen, gleichgültig welchen Blutes und Glaubens, welcher Klasse oder politischen Ueberzeugung sie sind, dann steht es trübe um unsere Zukunft. Der Wahlkampf ist bereits in vollem Gange und seine Heftigkeit entspricht der Höhe des Einsatzes. Mit ungeheurer Kraftanstrengung versuchen die Antisemiten und ihre reaktionäralldeutsch-chauvinistischen Trabanten nun durch den Stimmzettel zu ihrem Ziele zu kommen, nachdem der ihnen genehmere Weg über die Handgranaten und die Gewalt sich in dem lächerlichen Zusammenbruch des hochverräterischen Kapp-Putsches als ungangbar erwiesen hat. Man muß es ihnen lassen, sie haben ebenso fleißig und geschickt wie skrupellos gearbeitet, und ihre Skrupellosigkeit kennt bekanntlich keine Grenzen. Es ist, bemerkten die „Mitteilungen des Abwehrvereins", die letzte aber auch furchtbarste Rache des alten Regimes an dem jungen deutschen Volksstaat, daß dieser nun Herr über all die Nöte werden soll, in die uns jenes verstrickt hat, über die Folgen des unseligen fünfjährigen Krieges mit seinen vernichtenden Wirkungen, über Lebensmittel- und Rohstoffmangel und über die Verzweiflung der Menschen, die sich im Bolschewismus austobt. Die Deutschnationale Volkspartei gedenkt schmunzelnd die Früchte der verbrecherischen Fehler ihrer Gesinnungsgenossen^ einzuheimsen, für die sie natürlich in ihrer vollendeten Heuchelei jetzt die Koalitionsparteien, die Judenregierung, in der gegenwärtig nicht ein einziger Jude sitzt, und überhaupt die Juden verantwortlich macht. „Die fremde Nation," führte erst vor einigen- Tagen die „Kreuzzeitung" in einem Leitartikel aus, „die unser Vaterland heute innerpolitisch als okkupiertes Gebiet behandelt, die es wirtschaftlich auszubeuten und geistig zu beherrschen strebt, die uns Das herabsetzt, was uns heilig ist, und uns Gesetze und Verfassungeil aufzuzwingen sucht, die ihren Wünschen gemäß sind, aber nicht unserer Eigenart — diese fremde Nation, die uns durch Herrn P r e u ß und Herrn Hirsch und Herrn Freund belehren will, was eine deutsche Verfassung und was die Pflichten Preußens seien, wird den Haß zu tragen haben, der in einem verblendeten Volk wach wird, wenn es erkenut, daß man es um die Güter und Kräfte seiner eigenen Vergangenheit betrogen hat." Doch bedrücken die Juden nicht nur Deutschland; sie streben auch nach der Weltherrschaft. Dafür erbringt Graf R e v e n t - l o w in -einem Leitartikel in der „Deutschen Tageszeitung" „unumstößliche" Beweise, indem er sich auf ein soeben -erschienenes

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