Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
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242 hat — und gegenüber dem Feind; denn anders als durch den Frontdienst sind kaum Juden Offiziere geworden: Die Gesamtzahl von zweitausend bis zum Kriegsende zu Offizieren beförderter Juden, die Otto Armin von einigen jüdischen Publizisten übernimmt, d. h. erst ein paarmal als jüdische Großsprecherei bemäkelt, umsie hernach als Beweis für ungerechte Bevorzugung der Juden bei der Beförderung — jawohl! — zu ihren Ungunsten statistisch als zutreffend zu verwerten, mag etwas zu hoch gegriffen sein, aber doch annähernd zutreffen. Man muß sich mit dieser Vorsicht ausdrücken; denn in der Tat ist idie genaue Gesamtzahl, es sei denn in einer etwa bis zu>m Kriegsende durchgeführten geheimen amtlichen Konfessionsstatistik, bisher nicht festgestellt. Freilich steht eine Ziffer fest als bisheriges Ergebnis der Ermittelungen des Verbandes der deutschen Juden; aber diese auf ganz zuverlässigen Angaben gegründete Ziffer ist noch> nicht die abschließende, sie ist unzweifelhaft — vielleicht recht erheblich — geringer als die wirkliche Zahl. Der Verband der deutschen Juden unternahm in Voraussicht der Notwendigkeit, mit zuverlässigen Feststellungen über den Umfang der Beteiligung und die Bewährung der Juden im Kriegsdienst künftigen judenseindlichen Angriffen entgegenzutreten, sofort nach Kriegsausbruch die Einrichtung einer genauen Kriegsteilnehmerstatistik und wandte sich an alle Gemeinden mit dem Ersuchen um ihre Mitarbeit. — Schon die ersten Wochen brachten eine solche Flut von Meldungen, daß sich die Unmöglichkeit erwies, die systematische Grundlegung einer derartigen umfassenden Statistik nebenher im Bureau des Verbandes durchzuführen. Der Verband begründete daher unter Zuziehung der sonst interessierten Organisationen einen besonderen Ausschuß für Kriegsstatistik, der die Werterführung einem eigenen Bureau übertrug. Nur die Ermittelung und Nachprüfung der Beförderungen zum Offizier verblieb weiter dem Bureau des Verbandes, weil dieser nach den Erfahrungen mit den 1870/71 erfolgten Offiziersernennungen die künftige Beobachtung der Weiterbeförderung bzw. Uebergehung der jüdischen Offiziere in Aussicht nehmen mußte. Die Meldungen über Beförderungen von Juden zum Offizier wurden mit der äußersten Sorgfalt nachgeprüft; kein Fall wurde in die Liste ausgenommen, bei dem noch, irgendein Zweifel möglich schien, daß der Beförderte auch in der Tat Jude war. (Selbstverständlich für den Verband der deutschen Juden, daß aus dem Judentum Ausgetretene außer Betracht geblieben sind.) Die letzte Zählung der so entstandenen Liste ergab 1347. Die letzte Zählung der außer diesen noch „in Ermittelung" stehenden Meldungen ergab gegen tausend. Bestätigt sich von diesen noch die Hälfte, so würde die Zahl 2000 annähernd erreicht. Nun halte ich persönlich' freilich nicht für wahrscheinlich daß sich so viele Ermittelungsfälle in der bisherigen Weise noch klarstellen lassen. Wohl aber ist damit zu rechnen, daß eine beträchtliche Zahl von Beförderungen dem Verband bisher überhaupt nicht bekannt geworden ist. Und, wenn auch sonst die Ueberzeugung, daß Ziffern noch nicht abgeschloffen sind, gegen ihre Verwertung spricht, so wirkt doch als Grund für die nunmehr erfolgende Veröffentlichung gerade die Erwartung mit, Ergänzungen einmal durch Mitteilungen bisher nicht verzeichneter Fälle, dann aber auch durch die Vervollständigung lückenhaft gebliebener Einzelangaben betreffend die Entwicklung und den Abschluß der Kriegslaufbahn. Eine Veröffentlichung der namentlichen Liste ist deshalb notwendig, weil bei der Kampfesweise der antisemitischen Publizistik nur die Mitteilung nachprüfbarer Einzelangaben allenfalls gegen die bequeme Verdächtigung sichert, die Ziffern seien verfälscht, erfunden, erlogen. Soweit freilich die Gewährsleute des Verbandes die Veröffentlichung der von ihnen gemeldeten Namen ausdrücklich untersagt hatten, mußten 'diese natürlich — zum Schaden der Uebersicht — fortgelassen werden. Uebrigens sind die Namen, und zum Teil die Truppenteile und Daten, ohnedies durch die Veröffentlichung der Beförderungen im Armee-Wochenblatt bereits der Geheünhaltung entzogen, und im Grunde hat niemand Anlaß, sich durch die Nennung seines Namens in Verbindung mit seiner militärischen Beförderung oder Auszeichnung beschwert zu fühlen. Diejenigen aber, die etwa eine übertriebene Scheu vor der Oefsentlichkeit Anstoß daran nehmen läßt, dürfen dies persönliche Empfinden hier hinter das allgemeine Interesse zurückstellen. Denn der Hauptgrund für die Veröffentlichung der — des weiteren noch stafistisch zu erörternden — Liste soll in keiner Weise verschleiert werden. Es ist die Notwendigkeit — die wir nicht minder bitter darum empfinden, weil wir sie voraussahen —, dem aus Unwissenheit oder wider besseres Mffen erhobenen Vorwurf zu begegnen, an der Front, wo es galt, daS Vaterland mit >dem Einsatz von Blut und Leben zu verteidigen, seien die Juden nicht zu finden gewesen. Ihn widerlegen die Tausende jüdischer Gefallener, deren Namen die Kriegszeit hindurch reihenweise die Traueranzeigen der io jüdischen Kreisen gelesenen Zeitungen füllten; ihn widerlegen die Namen von fast anderthalb Tausend deutscher Juden, die Offizier geworden sind, zumeist, nachdem sie sich erst ihr Eisernes Kreuz zweiter oder erster Klaffe oder andere Auszeichnungen in einem Dienstrang hatten erkämpfen müssen, bei dem deren Verleihung, noch dazu an einen' Juden, sich nicht von selbst verstand. (Ein zweiter Artikel folgt.) Die Lerlimr Seprslknlsnttnwshlrn und die Lutzunkt des deutschen Judentums. Von Sanitätsrat Tr. S. Steinthal. achdem der traurige Frieden von Versailles große Gebietsteile von unserem Vaterlande abgetrennt hat, befindet sich etwa der dritte Teil aller Inden Deutschlands in Groß-Berlin. Es kann deshalb für das gesamte deutsche! Judentum nicht gleichgültig sein, in welchem Geiste die Gemeinde, die sein eines Drittel umfaßt, verwaltet wird. Dessen waren sich die Verfasser des neuen Programms des libevalen Vereins Wohl bewußt, indem sie an seine Spitze den Satz stellten: Die jüdische Gemeinde ist eine Religio n s g e m e i n d e. Alle n a t i o n a I en Bestrebungen müssen ausgeschaltet bleiben. „Wir bekämpfen alle nationaljüdischen Bestrebungen innerhalb unserer Gemeinde; außerhalb derselben unterstützen wir solche, wie die Unterschriften so vieler Liberalen unter den Aufrufen für alle Hilfsaktionen in Palästina beweisen, und nicht nur die Unterschriften, sondern auch die offenen Hände. In religiöser Hinsicht dagegen unterstützen wir auch innerhalb unserer Gemeinde die Glaubensgenossen jeder Nationalität, insbesondere diejenigen, welche aus dem östlichen Europa vertrieben wurden oder vor ihren Verfolgern und Peinigern hierher geflüchtet sind. Das große Interesse der libevalen Verwaltung an der Talmud Thora Kneßet Jisroel wird immer ein Ruhmesblatt derselben bleiben. Wir fordern auch in Zukunft aus religiösem Gebiet gleichmäßige Berücksichtigung aller Richtungen, natürlich auch der liberalen. Die bevorstehenden Wahlen sind aber auch deshalb von ganz besonderer Bedeutung, weil die Gesamtorganisation der deutschen Juden, die seit Jahren von so vielen ersehnt war. nun endlich verwirklicht werden soll. Das unselige preußische Judengesetz von 1847 chatte uns ja in jeder Beziehung Fesseln