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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-28 · Heft 22 (28.5.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 22 (28.5.1920)
Date
1920-05-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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84. Isbrgang. Nr. 22 Berlin, 28. Mai 1920 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rad bi ner Dr. Ludwig Pbitippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint «Schentltch. Abonnements.Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. 1—--- ♦2)ie jüdischen Offiziere im deutschen Kri-ogsheer. Von R-echts- IJ UUli *anwult Dr. Max Loewenthal. — Die Berliner RepräsentantenwahLen und die Zukunft des deutschen Judentums. Von ^-anitätsrat Dr. S. Steinthal. — Die Woche. — Die erste Generalversammlung des Vereins zur Gründung undKErhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Von E. M. — Das jüdische Religionsideal. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick (Berlin). sSchluß.j — Eljah Wilna als Verehrer profaner Bildung seine scharfe Gegnerschaft zum Chassidismus sowie sein Verhältnis zu Rabbi Baruch Doctor. Von Prof. Dr. rned. Rainer (Wiesbaden, zurzeit Kopenhagen). — Probleme der neuen jüdischen Palästinasiedlung. Von Davis Tri et sch. — oc u i> lle 1 0 n: Esther. Roman von C l e m e n t i n e Krämer. 18. Forts.j. — Prolog zur zweiten Säkularfeier der Gesellschaft Hachnasfath .ikallah zu Berlin am 16. Mai 1920. Verfaßt und gewidmet von Nathan E v h n. — Lefefrüch t e. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Memel, Königsberg, Posen, Breslau, München. Köln, den Haag, Budapest. — Von Nah und Fern. Die Milchen Mki-iere im deutschen Lriegsheer. Bon Rechtsamv-alt Dr: Max Loewenthal. I. aß die Juden schlechthin' die Seele des Kapitalismus seien, der das arbeitende Volk zu entrechten und auspl saugen trachtet, und zugleich, daß die Juden schlechthin die Fackelträger des Bolschewismus seien, der das besitzende Bürgertum zu enteignen und auszuplündern begehrt, haben mir von den „Volksausklärern" des Antisemitismus schon so oft vernommen, daß wir für den Widersinn solcher wirtjchafts'politischen Weisheit nur noch ein Achselzucken haben. Ein Lächeln aber — wenn auch ein bitteres — entlockt uns denn doch noch als neue Erkenntnisfrucht der antisemitischen Demagogie die Predigt eines „Otto Armin" in seiner Broschüre „Die Juden im Heer": der Zusammenbruch des deutschen Heeres ist wesentlich 'durch die Schuld der Juden erfolgt, „durch das Eindringen der Juden ins Offizierkorps". „Das war vorauszufcheu; die Tatsachenaber .bestätigen nachträglich nur, wie recht diejenigen hatten-, 'die sich der Ernennung von Juden zu Offizieren widersetzten. Die wenigen rühmlichen Ausnahmen vermögen es keineswegs zu rechtfertigen, daß man eili Heer unv ein Ofsizierkorps, die als die tüchtigsten in der Welt sich bewährt haben, auf solche Weife dem unvermeidlichen Untergänge Preisgab . . ., aber die Minderung des Ansehens der Offiziere trat doch erst mit der Zunahme jüdischer Vorgesetzter hervor; die schlimmsten Anwürfe über Mißbrauch der Amtsgewalt wurden laut, als die handeltreibenden, .meist jüdischen Offiziere anfingen, ihr Unwesen zu treiben ... Insbesondere unabwendbar war als Folge davon das Schwinden des Ansehens und der Achtung vor dem Ofsizierkorps, was feine Stellun-g den Mannschaften und dem Volke gegenüber rasch untergraben mußte. Bis dahin war der Geist des Offizierkorps einheitlich und kameradschaftlich gerichtet gewesen; es war von echt soldatischem Geiste beseelt und« getragen. Was ist schließlich daraus geworden? Wohin sind diese edlen Tugenden bei. einem großen, leider allzu großen Teile der Offiziere 'geschwunden? Sie sind verjudet, das ist des Nebels Kern: darum auch war das Verhängnis des Umsturzes nicht mehr aufzuhalten." Und dieser „Zersetzungsprozeß" ergab sich ohne weiteres zwingend — nach „Otto Armin" und seinen Ziffern — aus der Tatsache, daß es unter etwa 135 000 deutschen Offizieren schließlich gegen 2000 Juden gab. Und diese ungefähr zweitausend „völlig ungeeigneten", ^handeltreibenden" jüdischen Offiziere, die unter 135 000 — also im Durchschnitt etwa vier unter je dreihundert — verstreut waren, verdarben der anderen edle Tugenden und untergruben so die Achtung vor dem Offizier bei der Mannschaft und im Volk! Es wird nicht viele tot deutschen Volk geben, nicht einmal unter den für antisemitische Schlagworte empfänglichen Gesinnungsgenossen des Broschürenverfassers, der seine eigenen edlen Tugenden bescheiden in ein symbolisch! deutsches Helden- Pseudonym hüllt, die diese „Volksaufklärung" gläubig hinzunehmen vermöchten. Soldaten — und die meisten waren ja Soldaten — jedenfalls nicht; die hatten Zeit und Gelegenheit, selber zu sehen. Daß fbex Vorwurf der Verjudung ernst genommen würde, brauchen , wir nicht zu befürchten. Wir wollen uns im Gegenteil den Stolz und die Genugtuung nicht verkümmern lassen, daß eine nennenswerte Zahl deutscher Juden in den vier Kriegs jahren ihre Eignung für die Aufgabe des militärischen Vorgesetzten -erwiesen hat, deren man sie trotz der Feuerproben in den früheren Feldzügen in den letzten dreißig Fried ensjahven (seit 1884) außer in Bayern nicht mehr gewürdigt hatte. Die Verlogenheit der Begründung jenes zurücksetzenden Ausschlusses vom Osizierstande kennzeichnet nichts schärfer als die Tatsache, daß im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von jüdischen Reserveoffizieraspivanten, wenn man sie nach der zweiten Uebung beim Offiziersexcmnen durchfallen ließ, unter Streichung von der Reserveofsizieraspirantenliste „zum Offizierstellvertreter für den Er nst fall geeignet" erklärt wurde, im Grunde eine Ehrung für den „Zurückgesetzten", der den militärischen Kreisen zwar nicht zum Sommevleutnant. wohl aber zum Ofsiziersdienst vor dem Feinde geeignet erschien. — Die Unterscheidung war natürlich nach Kriegsbeginn nicht aufrechtzuerhalten. Eine Käbinettsorder vom September 1914 erössnete allen, die einmal Offiziersaspiranten gewesen waren, Wieder die Möglichkeit zur Ernennung tot Fall der Eignung, und aus eine Anregung des Verbandes der deutschen Juden wurde in den Korpsverordnungsblättern ausdrücklich darauf hingewiesen, daß diese Kabinettsorder sich auf die früheren Aspiranten aller Bekenntnisse beziehe. Wer leicht wurde es wahrlich den Juden nicht gemacht. Und nichts kann so den immer und immer wiedergekäuten antisemitischen Vorwurf der Drückereibergerei der Juden vom Frontdienst widerlegen wie die Tatsache, daß eine hohe Zahl von Juden sich draußen den Offiziersrang erkämpft hat, erkämpft im doppelten Sinne, zugleich gegenüber Vorurteil und Uebelwollen seitens weitaus der meisten militärischen Vorgesetzten — deren mancher zugegebenermaßen umgelernt

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