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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-21 · Heft 21 (21.5.1920) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 21 (21.5.1920)
Date
1920-05-21
Page
Seite 240 (sequence 12)
Language
German
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240 „Sie wissen, daß ich selber Jude bin?" „Nein, das stimmt nicht, Ihr' kleiner Bruder verriet mir, daß Sie einen Oberkirchenrat in der Familie hatten." „Was ihn nicht hinderte, vorher ein bescheidener Landj rabbiner gewesen zu sein. Es gibt auch jüdische Kirchenräte,! das haben Sie wohl nicht gewußt, Esther Stein von Haiderstadt! im Tann? Sehen Sie, da ist eine Lücke in Ihrer Bildung."! Was sind die beiden auf einmal ganz von selbst gute Bekannte! Fast hätten sie darüber den jungen Horst-Emanuel vergessen. Mit diesem ging die Sache besser, wie man befürchtet hatte. Es verblieb bei einem gestrengen Rektoratsverweis, und des Jungen Hoffnung bei diesem Anlaß, der „Penne" auf immer zu entkommen, hatte sich als eine trügerische erwiesen. Walter Grünerz weilt seit einigen Tagen in Wien. Man > hat ihn als Dramaturg dorthin berufen.! Etwa zur selben Zeit ist auch Alfred Oppenheim abgereist. j Ter „ewige Student" ist endlich fertig geworden. Doch will er j sich zunächst noch als Schiffsarzt auf ein Jahr die Welt ansehen. i So haben sie Esther allein gelassen. Doch sie ist froh dessen. Sie müsse Nachkommen, hat Grünerz beim Abschied gesagt. Bald. Sobald er dort für sie eine Anstellung gesundem Sie nickt. Doch er ist noch nicht in Salzburg, da schreibt sie ihm diesen Brief nach: „Lieber Walter, Du weißt, daß ich nicht von dem reden kann, was mir im Herzen sitzt. Ich kann nicht mit dem Wort kämpfen. Du hast Dich genug darüber verwundert, wie Du hörtest, daß auch damals, als ich der Mutter davonlief, kein- Wort gesagt worden ist. Gehen konnte ich, reden nicht. Nun ist das aber in bezug auf Dich nicht anders, lieber Freund. — Und so grüßte ich den Tag, der uns trennte, damit ich Dir endlich mit der Feder sagen könne, was meine Lippen sich sträubten: Nämlich — ich möchte frei sein — frei von Dir, Walter. Denn - - wenngleich ich Dir alles gab, ich — ja es muß heraus — ich, weißt Du, ich liebe Dich nicht. Trotzdem gab ich Dir alles. Damals nämlich, als Du mich davontrugst auf Deinen Armen vor jenem ... da war alles in mir so warm, so hingegeben-warm. Und so dankensinnig. Und dann? Danach? Danach ist es so geblieben. Immer war ich zu Dir voll Wärme und Dank. Das andere ward mir nicht so schnell bewußt; so eins, zwei, drei. Sondern langsam, langsam erst. Gibt es denn Mädchen, die schon wach werden, wach und benmßt, ehe der Mann sie in seinen Armen gehalten? Denn erleben und erkennen fällt doch in eins zusammen beim Weibe. Oder meinst Du nicht so? — Warum ich aber eine so lange Zeit bei Dir blieb und Dich duldete? Sieh, Walter, nur darum allein, weil ich nicht reden kann . . . Manchmal wünschte ich mir fast, daß da ein anderer in mein Leben käme, dann vielleicht, dann würde in mir die Kraft gewesen sein zu reden. Oder dieser andere wäre vor Dich getreten . . . so*dichtete meine bange Seele. Sieh mal, ich gehe keinem leichten Leben entgegen ohne Dich. Und auch Alfred ist weg. Ich sehne mich nach Euch beiden, den guten Kameraden, die mir die Wege ebneten. Ich bin sehr allein, Walter. Und dennoch: leb' wohl! Esther." * Esther hat sich für einige Hochsommerwochen draußen am See eingemietet. Und rudert alle Tage in einem kleinen Boot fast bis zur Insel hinaus. Dort steuert sie in das Schilf hinein und läßt sich von diesem Wald mitten im Wasser- Märchen vorerzählen: Von der Königsliebsten, die zur Nacht den Herrscher hier besuchte, damit er in ihrem Arm die Ungeliebte ihm zur Seite gern vergäße ... Besonders heute will sie, daß ihr die Wasser stille Geschichten zufließen. Denn dies kleine Erleben auf dem Wege hinab zum Strand verursachte vor wenigen Minuten — ihr selbst ein Staunen — hohen Seegang in ihrer Seele Wogen: Da spaziert vor ihr her ein junges Paar. Und in dem Manne erkennt sie den Doktor Pattendorff. Und golden scheint ihr die Jugend des jungen Mädchens ihm zur Seite. ... Da will Esther denken: Mag er seine Freude haben, was geht's mich an? — So möchte sie gern denken. In der Tat aber ist, da ihr Boot schon weit draußen treibt, dies ihr in der Seele: ' Bald wird „der Burger" an der wohlgeh egten Kleinen seine legitime Freude haben. Leibenslang. Was geht's mich an? . . . Und sie versucht, ihr Märchen zu spinnen von ihrem König, der kein „Bürger" ist . . . Da sprechen die kleinen Wellen: rette dich vor dem Sturm! — Ah bas, Sturm, Stille ringsum — erwidert ihnen das Weib. Nein, sprechen die kleinen Wellen, du lügst Frau, Sturm drinnen und draußen, sieh zu, daß du heimfindest, siehst du nicht die schwarzen Wolkenvögel, die über deinen Himmel jagen? — Rette dich, Estherlein! Das kleine Schiff tanzt. Auf und ab. Auf und ab. Quer durch, quer durch! so hat sie es von dem Schiffer gelernt. Heidl, das braucht Kraft! Wenn nur kein Regen — da ist er schon und feine Hagelkörner dazu. Auf und ab, auf und ab das Boot. Der Regen klatscht und der Hagel sticht. Und keine Menschenseele! Was wird der nächste Augenblick bringen? Glicht denken — rudern, rudern! — Und immer quer durch, bloß nicht in Wellearichtung, bloß nicht ein Spielzeug den Wassern werden! — „Rudern und Jagen ist Christenpläüer" -- so sagen sie daheim in Haiderstadt; daran muß sie denken im Aergsten drin. Nein, nicht denken, rudern, schaffen, zwlngen! Man strrbt nicht gern mit zweiundzwanzig Jahren. Man stirbt nicht .gern und hak sein Leben nicht gelebt. Rudern, rudern mit blaugefrorenen starren Fingern. Mit Blasen an den Händen. Rudern. Das Ufer erreichen, die kleinen Badehütten am Strand. Wenn sie erst dort wäre! Vielleicht sind dort Menschen, die sie sehen. Hinüber, hinüber. Läßt der Sturm nach? Ein wenig. Aber der Regen fällt. Stärker und stärker. Längst ist sie naß bis auf die Haut. Tut nichts, nur die Badehütte erreichen. — Ist da nicht ein Mensch? — Ach nein, bloß flatterndes Badezeug. Und doch -ein Mensch obe.: au der Treppe. — Rudern, rudern! Wenn nur der Sturm — Da nimmt er von neuem die Backen voll. Und bläst und bläst und Pfeift und singt. Freut sich denn das Element, wenn ein Menschlein um fein Leben ringt, in Todesfurcht? -- Hoch am der Welle sitzt das Schiff. Und fährt zur Tiefe. Und -wieder lwch droben. Nur das Ruder nicht sinken lassen, nur jetzt nicht. Wenige Meter vom Land noch entfernt. Wiederum steht das Boot iaft senkrecht. Gischt spritzt auf. Wasser dring: ein. Kann sie das Ruder noch halten? Geh' es, wie es will — sie kann nicht mehr . . Sie ist am Ende ihrer Kräfte angelangt. . . Da — das Schifflein neigt sich zur Seite da — was ist das? Ein Mensch klettert empor, schwingt sich über den Rand — ein Ruder schwimmt schon weit draußen — ein Ruder und das Steuer vorn, — es geht muß gehen! „Rechts" - schreit der Mensch, „nach rechts, immer nach rechts", schreit er. „rrrechts. zum Donnerwetter . . ." Es ist au kein Anlege:: zu denken an der kleinen Treppe, die der Sturm -tanzen machr. Um die Hütte herum denn. Und in die Bucht ... Dann springt er heraus und zieht das Boot auf den Sand. Ter Frau klatschen die Kleider am Leibe, und die gelösten Haare strähnig ums Gesicht. Er eilt voran über den rückwärrigen Steg in die Hütte, steckt den kleinen elektrischen Ofen an und tuetft sie auf das Ruhebett Und macht die Tür von außen zu. (Fortsetzung folgt.)

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