Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- Seite 239 (sequence 11)
- Language
- German
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239 - enthusiasmiert keineswegs den alten Fauli, nicht daß er sie an und für sich für unmoralisch hält, sondern weil er überzeugt ist, daß man wirklich nur durch kühne Entschlossenheit und dauernde Arbeit reich werden kann. Auf solche Glücksfälle rechnen, die auch ein ganzes Leben hindurch ausbleiben können, das ist nach seiner Meinung Sache eines Spielers, eines verweichlichten Parisers, aber nicht eines wahren Juden, der seiner Ahnen würdig ist. Nach dem alten Fauli hat Jacques Wilden, .dessen Familie sich in Paws seit mehreren Generationen akklimatisiert hat, hier die starken Tugenden seiner Rasse verloren. Er ist auch über den Antitlerikalismus seines Schwagers Fischer, der Astronom der Pariser Sternwarte ist, ungehalten. Er beobachtet alle Vorschriften seiner Religion genau und er empfindet keine Antipathie gegen das Christentum. Wie Clemenceau, sucht er zwischen den Heiden Religionen zahlreiche Berührungspunkte und ist davon gerührt. Zum Beweise dieser Verwandtschaft erzählt Pierre Mille (der nebenbei erwähnt selbst Christ ist) die Geschichte des frommen Dr. Abraham Ceveh, der seine Tefillim in einem Kloster verloren hat, in dem er als Arzt zu tun hatte. Die Nonnen geben ihm nicht bloß die Tefillim zurück, sie haben ihm andere Gebetriemen daran gestickt, die heilige hebräische Wörter tragen. „Seit langer Zeit suchen wir," sagten die braven Nonnen, „eine Gelegenheit, Ihnen, lieber Doktor, eine Freude zu machen." Die Handlung dieser Erzählung nimmt damit ein Ende, daß Jacques Wilden in flagranti erwischt wird. Es war vereinbart worden, daß als Scheidungsmotiv Untreue des Gatten angeführt werden würde. Berthe glaubte, daß dies eine erfundene Geschichte oder mindestens eine Episode ohne Bedeutung sei^ Sie erfährt nun, daß es sich um die Liaison mit einer jungen Frau handle, die ganz uneigennützig und fett sechs Monaten aufrichtig in ihren Mann verliebt ist. Darauf verabschiedet sie den Ungetreuen und verheiratet sich wieder, aber nicht mit ihm, sondern mit Herrn v. Fresquienne-Austrebert, einem Präsekten, dem man eine große Zukunft voraussagt, der einer alten aristokratischen Familie entstammt und im Augenblick seiner Karriere wegen Radikaler ist. Zuvor hat sie noch eine kleine Liebschaft mit einem Glaubensgenossen, dem berühmten Violinspieler Uriel-Elias Baer, dem Komponisten der „Galizischen Symphonie". Das alles wird in der unterhaltsamsten Weise erzählt und gibt ein realistisches Bild der reichen jüdischen Bourgeoisie in Paris. N- W. I. (Wien). Mt Äer Menbsrung. omm\ heil'ges Offenbarungssest, In sonn'gem Fruhlingspvangen Und nimm hinweg des Winters Rest, Sein Granen und sein Bangen. Zünd' neu in uns das Feuer an, Das einst vom Horeb lohte. Und löse uns aus sinsterm Bann. — Sei du der Hiimmelsbote, Der uns zu lichten Höhen führt, Zu reinem, edlem Streben, Wo jedes Herz beseligt spürt Des Gottesgeistes Weben. Sei btt der große Wendetag, Wo alle Sünde endet, Wo unter Blitz und Dvnnerschlag Zerbricht, was Menschen schändet. Trag' ew'gen Hoffnungsglanz herbei, Den Herzen zur Bewahrung, Und mache alle Menschen frei — Komm', Fest der Offenbarung! Gelsenkirchen. S. Katz. Moses suk Sinai. Don T. A s ch n e r. nd Mose harrte lange auf dem Berg. Es schwieg ringsum. Das Felsgebirg, cs lag Verhaltnen Atems harrend, und es hing Der Blick der Welt sehnend an des Propheten Mund, Von ihm ihr Leben, ihr Geschick erwartend. Ein grenzenloses, banges Schweigen hielt Das weite, abgrundtiefe All umfangen. Und Moses Blicke sanken schwer wie Blei Ins grundlos Ferne, in sein eigen Herz. „Heimat?! -Wo? Was? Sie heischen von mir Heimat, Verwirrt in wilder Wüste. Kann ich Heimat Verschenken, wie an Bettler trocken Brot? Hab' ich denn selber Heimat, bin ich nicht Wie sie verirrt, nnstet im Grenzenlosen? Und doch muß ich sie führen, muß. Er will es so. Der Namenlose, dessen Hand mich führt. Wohin, wohin? Vor mir gewaltige Nacht Und hinter mir der Abgrund! Nur die Hand, Die unsichtbare, zieht und führt; sic halt' ich Umklammert blind, ein ängstlich zitternd Kind, Mit scheuem Glauben, daß die sel'ge Frühe Des heiligen Tages einst dem Schoß der Nacht Vor mir entsteigt dort hinter dem Gebirg Hervor, das ausgelöscht und kalt Sich in des Aethers Wolkenschwermut reckt. — Heimat!" - - Und qualvoll suchend fiel seines Sinnes Schöpskrug in tiefste Bronnen. Seine Augen glichen — Denen eines Schlummernden. Angst und Entsetzen Verzerrten sein erhaben Angesicht. So saß er lang, versteinert, Fels unter Felsen, Dieweil die tiefste Seele rang mit Gott. Da ward es plötzlich hell, in ihm, ein blendend Licht, Jäh springt er auf, vom Geiste übermannt, Die Lippen schäumen, hellster Seherglut Lodert sein Antlitz, jauchzend fährt ein Schrei Aus ihm hervor, ein Siegerjubelschrei: „Das ist's! So soll es sein! Mein armes Volk Hat seine Heimat, ewiges Vaterland. Die»Erde nicht, den Himmel schenk' ich ihm Mit seinen ewigen Sternen, heia, ein Vaterland. Wo Milch und Honig fleußt, wo ewiger Lenz Aus Rosenbüschen lacht und sich unsterblich Das Herz der Menschen weidet und verjttngi. Und dieses Vaterland sei das Gesetz!" Mhrr. (7. Forts.) Roman von Clementine Krä m e r. ie Sie ihm gleichen!" und wieder wundert Peter sich: „Sie sind aus Haiderstadt." „Das finden Sie so furchtbar sonderbar - eine Tänzerin aus Haiderstadt? Warum auch nicht? Das Antisemitenblatt hat einmal geschrieben: Die Salome aus Jeruscholajim, oder aus Prczemysl . . . Warum dann nicht aus Haiderstadt?"