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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-21 · Heft 21 (21.5.1920) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 21 (21.5.1920)
Date
1920-05-21
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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238 - daß sie beabsichtigt hatten, den Götzendienst in das Heiligtum zu verpflanzen. Und dieses schwere'Verbrechen mußten sie mit dem Tode büßen. In diesem Sinne tritt uns der Ausdruck „sar" auch im rabbinischen Schrifttum entgegen, und es wird hier der krasse, so sehr verpönte Götzendienst mit „mt PProU* — „abodah sarah" bezeichnet. In der nachbiblischen Zeit ist der Begriff „chol" eine stehende Bezeichnung für alles, was dem Heiligen, Geweihten gegensätzlich gegenübersteht. In der Hawdalah verehren wir Gott als den, der einen Unterschied macht zwischen „kodesch" und „chol". Wir unterscheiden Hauptgebete für die zu heiligenden Sabbat- und Festtage und „l'chol", d. h. für diejenigen Tage, welche besonderen religiösen Zwecken äußerlich nicht geweiht sind. Während des Passah- und Hüttenfestes haben wir eine Anzahl Tage, die der strengen Feier nicht geweiht sind, für welche keine „mikroe kodesch", d. h. „heilige Festverkündigungen", angeordnet sind, denen also die k'duischas jom tow" fehlt und daher mit hr\\ „chöl Harnoed" bezeichnet werden. Das Wort „chol" kann jedoch nur insofern als Gegensatz zrl „kadosch", bzw. „kodesch" angenommen werden, als es einen Begriff bezeichnen soll, der keine Momente in sich schließt, die auf etwas Verwerfliches, Lasterhaftes hindeuten. So wenig der hebräische Sprachschatz uns einen Gegensatz für den Begriff „kadosch" in seiner ursprünglichen hohen Bedeutung als eine für den Menschen höchst erstrebenswerte Eigenschaft Gottes darbietet, so wenig finden wir in ihm ein Wort, das einen dieser Eigenschaft entgegengesetzten Begriff, und'zwar in verwerflichem Sinne, zum Ausdruck bringt. Was nicht „kadosch" bzw. „kodesch" ist, kann immerhin „chol" sein, und dabei doch nicht verwerflich. Wir finden zuweilen den Begriff „tonte", d. h. „unrein", dem Begriff „kadosch" bzw. „kodesch" gegensätzlich gegenübergestellt, doch weist jener mehr auf das Materielle, Sinnliche als auf das Geistige hin. Will die hebräische Sprache ein bewußtes oder unbewußtes Abweichen vom Pfade der „Heiligung" bezeichnen, so drückt sie dieses mit „XEn", „chata" aus, d. h. „verfehlen" den Weg, der zur „Menschenheiligkeit" führt, oder „sich vergehen", d. i. auf falschem Pfade wandeln, der vom Ziele der zu erstrebenden Gottähnlichkeit wegführllh. Lin Such von LlkMknreau. F r a n z ö s i s ch - jüdi!s ch e G e s ch i ch t e n. s mag vielleicht ein Zufall sein, daß gerade zu gleicher Zeit zwei Bücher angesehener Autoren veröffentlicht werden, die Juden als handelnde Personen einsühren und in ihrer Art das jüdische Problem behandeln. Aber vielleicht sind bei literarischen Erscheinungen nicht Zufälle, sondern tiefere soziologische Gesetze maßgebend, und dann hat es einen besonderen Grund, daß zwei weltkundige französische Schriftsteller gerade jetzt jüdische Geschichten französischen Lesern bieten. Der eine der beiden ist niemand Geringerer als Elemeueeau. Das Buch, das mit seinem Namen herauskommt, ist nicht nett; die Novellen und Impressionen, die es enthält, wurden geschrieben, als er noch weit davon entfernt war, der „Tiger" zu heißen, und noch im Mittelpunkt des ganzen politischen Hasses stand. Ein findiger Verleger hat nun -aus Artikeln, Erzählungen und Einfällen einen Band zusammen- 9) Auch bezeichnet die Schrift die zum Tempeldienst gehörigen Gegenstände, wenn sie durch besondere Umstände ihre „Weihe" verloren haben, als KfcE* Die verlorene Weihe zurückgeben wird mit tfEn chittö (Piöl), bezeichnet (siehe 2. Buch Moses 29, 36). gestellt und nennt ihn — natürlich mit . Zustimmung des Autors — „Am Fuße des Sinai". Auch in diesem Werke, das Elemenceau vor sein-er Lebensihöhe geschrieben hat, erkennt man die Klaue. Man erkennt auch darin eine ganz seltsam anmutende Trockenheit des Gefühls, das das Leben neugierig betrachtet, seine vielfältigen Erscheinungen mit dem impressionistischen Verständnis des Künstlers sieht, aber dabei reglos und ungerührt bleibt. Unnütz übrigens zu sagen, Laß Clemenceau auch hier nicht antisemitisch ist. „Der große Konflikt zwischen Juden und Christen", so schreibt er, „ist nur eilt großer Familienzank." Eines Tages unternimmt Elemenceau — so ist die Einleitung — eim Vergnügungsreise durch die arabische Wüste, er macht am Fuße des Sinai halt und findet eine ganze Anzahl pittoresker Typen, die er dem Capo vorstellt. Da ist zuerst „Baron Moses", Sohn eines reichgewordenen Auswanderers, der Gold auf Gold häufte und so ein wahnwitzig großes Vermögen zusammenscharrte. Aber er ist damit gar nicht glücklich, er kennt nicht Güte noch Freundschaft, lebt hinter einer Mauer von Gold, kennt alle Qualen, alle Leiden des Reichtums ttnd keine seiner Freuden, bis endlich ein einziger Gedanke sich seiner bemächtigt: erfahren, was das ist, Hunger. So stellt er sich als Bettler hin und wird zum Diebe. Das menschliche Mitleid wendet sich vom Wahnsinnigen ab und erst das Nahen des Todes läßt ihn den Sinn des Elends ahnen. Dann „Schlorne der Kämpfer". Ein polnischer Jude, Schneider in einem armseligen Dorfe Galiziens, wird in seinem heiligsten Glauben verfolgt und gewaltsam von seinen reichen Glaubensgenossen in die österreichische Armee gesteckt. Er kehrt aus dem Kriege mit Ruhm bedeckt heim und erteilt den Reichen eine wohlverdiente Lektion von Demut. Dann gibt es ein Defils der Juden verschiedenster Gattungen in Karlsbad und die amüsante Geschichte eines wortreichen, schlauen Brillenhausierers. Da stehen Eindrücke aus Galizien tlnd weiter Nachdenklichkeiten über die Stellung des Judentums in der Welt und über die Proteste derjenigen, „die die Freiheit ans einer Vermehrung der Tyrannei begründen zu können glauben". Im ganzen also ein Buch über das gegenseitige Verhältnis Clemenceaus und des Judentums, verbrämt, ausstaffiert und ausgestopft mit einer Unmenge -alter jüdischer Witze, die ein deutsches Publikum nicht mehr naiv genug wäre, zu goutieren. - Das zweite Judenbuch ist nur erzählend und stammt von Pierre Mille, der Israel Zangwill ins Französische übersetzt hat. „Eine Scheidung" ist eine Studie jüdischer Sitten. Der alte Fauli (ist dies ein jüdischer Name?) willigt ein, die Schulden seines Schwiegersohnes Jacques Wilden zu bezahlen, aber nur unter der Bedingung, daß seine Tochter sich von ihm scheide. Berthe Wilden liebt. ihren Mann. Die beiden müssen sich doch dem Befehle des Alten fügen, aber sie beschließen, daß sie sich gleich nach der Sanierung wieder verheiraten werden. Vorläufig treffen sie sich in einem Absteigequartier, wie zwei sündige Liebende. Der alte schlaue Fauli wird betrogen werden. Pierre Mille ist sichtbar von Israel Zangwill in seiner Erzählung beeinflußt, aber er führt den Leser in die Pariser Bourgeosie, und nicht in die schmutzigen Straßen -des East- End.' Das vornehme Stadtviertel um den Parc Monceau verlangt natürlich eine andere Charakterzeichnung. Jacques Wilden ist Bilderhändler. Mit Bewunderung erzählt er, daß sein alter Berufskollege und Freund Schoenebaum begonnen hat, reich zu werden, als er einige hundert Frank für die Zeichnungen eines großen Malers zahlte, die er einer im Elend lebenden Witwe abgetanst hatte und die er bald daraus um eine Million weiterverkauste. Diese Geschichte

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