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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-21 · Heft 21 (21.5.1920) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 21 (21.5.1920)
Date
1920-05-21
Page
Seite 235 (sequence 7)
Language
German
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religiöses Gut, seine geistigen und sittlichen Kräfte, mit eine m Worte: seine Persönlichkeit erhalten und bewahrt hat, ein solches Volk muß von einer göttlichen Kraft ohne gleichen getragen sein, und diese göttliche Kraft ist sein religiöser Idealismus: „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen." Aber worauf gründet sich diese große unerschütterliche und unerschöpfliche Liebe Israels zu Gott? Welches ist die Quelle, aus der Israel dieses unentwegte, begeisterte Festhalten an Gott, seine unverbrüchliche Treue zu feinem angestammten Glauben trotz der tausendjährigen unerhörten seelischen und körperlichen Leiden ersließt, so daß weder Marter noch Tod, weder Lockungen irgendwelcher Art noch auch glänzende Aussichten es von feinem Glauben abbringen konnten? Sie gründet sich auf den Inhalt der Heiligen Schrift, die einen heiligen, gerechten, erbarmungsreichen Gott verkündet, die Menschen zu den gleichen -göttlichen Eigenschaften erzieht, die Bestimmung des Menschengeschlechts vorzeichnet in« der Verbrüderung aller in der wahren Sittlichkeit, in der Liebe und Gerechtigkeit. Die Liebe Israels gründet sich auf den Inhalt der Heiligen Schrift, die Israel den Berus zuweist, inmitten der Völker „ein Reich von Priestern und ein heilige s Volk zu sein", unr den Menschen zu dienen, ihnen ein Segen zu sein in der Verkündung Gottes und seines Wortes, wie Moses dieses ausspricht: „Ihr sollt die Gebote befolgen, denn das ist eure Weisheit und eure Einsicht vor den Augen der Völker, die sprechen werden: Wahrlich ein weises und verständiges Volk ist diese große Nation. Denn wo ist ein Volk, das so gerechte Verordnungen und Gesetze hätte als diese Lehre, die ich euch vorlege!" Das ist der Grund und die Quelle der unentwegten Liebe zu Gott und seinem heiligen Worte. Mit dieser seiner großen, gewichtigen Rede hat Moses einen tiefen prophetischen Ausblick in die spätere Geschichte der Menschheit bekundet. Denn nachdem die Bibel ins Griechische, die damalige Weltsprache, übersetzt und in Alexandria, dem Hauptsitz der Wissenschaften, eifrig studiert und verbreitet wurde, übte sie aus die Heidenwelt eine so große Anziehungskraft aus. Daß sie im Laus der Zeiten, wenn auch in anderen, vom Judentum grundverschiedenen, den Vorstellungen der Völker angepaßten Formen, aber in den Grundzügen, in der Geistigkeit Gottes und in der Ethik, sich dem Judentum zuwandte. Gravitieren denn nicht Christentum und Islam um das Judentum? Und sind denn diese beiden Religionen ohne das Judentum zu verstehen? Hat ja schon David Friedrich Strauß die Bemerkung gemacht, daß in der Bezeichnung „Dreieinigkeit" die Einheit zum Ausdruck kommt. — Und doch sagt Kant angesichts dieser offenkundigen wahrhaftigen Religion und Moral Israels: Das Judentum sei keine Religion, sondern eine statutarische Einrichtung, und es habe keine Moral. Offenbar verwechselt Kant hier den Kern -mit der Hülle. Das Statutarische am Judentum sind die Zeremonialgesetze, die den Kern der Lehre erhalten, bewahren und ausprägen sollen, der Kern aber ist echte Religion und echte Moral, die vor dem Forum der aller kritischsten Philosophie glänzend bestehen kann. Allerdings nennt Kant eine statutarische Einrichtung nicht nur das Judentum, 'sondern jede, auch die christliche Religion, was von außen her, sei es von Gott oder einem menschlichen Stifter geboten, und nicht aus der freien Vernunft des Menschen hervorgeht; aber er verschont jene und belegt nur das Judentum mit der Verneinung. Ebenso wie die Religion muß die Moral eine freie Entschließung der - Vernunft, und nicht eine von außen gebotene sein (Heteronomie). Genau dasselbe lehrt aber auch das Judentum. Da lesen wir im 5. Buche Moses (Käp. 3, Vers 11-15): „Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und ist nicht fern; es ist nicht im Himmel, daß du sagest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es uns und macht es uns kund, daß wir es tun? Und es ist nicht jenseits des Meeres, daß du sagest: Wer reist für uns jenseits des Meeres und holt es uns und macht es uns kund, daß wir es tun, sondern sehr nahe ist dir d i e Sa ch e, in deinem Munde und in deinem -Herzen, es zu tun." Hier wird gelehrt, daß die freie Erkenntnis und Entschließung a priori im Herzen des Menschen gelegen ist und daß das Gebot nur als Anregung hinzngekommen ist. Gebot und freie Erkenntnis und Entschließung der Vernunft und des sittlichen Willens stehen dir in inniger Uebereinstimmung, sie decken sich und harmonieren miteinander; und die Offenbarung der geistigen Religions- und Sittenlehren wird als bloße Sanktionierung dessen betrachtet, was als freie Vernunsterkenntnis im Geiste und als freier Wille im Herzen des Menschen vorgebildet ist. Das Gebot soll nur bewirken, das im Geiste und im Herzen innewohnende Gesetz der Freiheit in Tätigkeit zu setzen, genall nach dem biblischen Worte in den Sprüchen Salomonis: „Ties wie Gewässer liegt der Gedanke des Menschen in seiner Brust, aber der Weise versteht es, diesen ans der Brust heraufzuholen (gleichsam wie der Taucher die Perle aus der Tiefe des Meeres heraufholt). Das Gebot ist gleichsam der Kompaß, der in der wechselvollen Strömung des Lebens die Richtung weist, daß der Mensch den rechten Weg nicht verfehle und das goldene Ziel der Tugend nicht aus den Augen verliere. Es wird in der Bibel die Willensfreiheit stark betout: Siehe, ich lege dir das Gute und das Böse vor . . ." Den Einklang von Gebot und freier Erkenntnis des Guten aus der freien Innerlichkeit des Menschen erkennt man aus der Bibel an zahlreichen Stellen. Wir erwähnen nur einige der Stellen. Im Zehnwort der Heiligen Schrift sind die Gebote: Nicht morden, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis aussagen etwas ganz Selbstverständliches; die Bibel gibt auch keinen Grund, etwa der sozialen Ordnung, dafür an, aber sie weist auf den moralischen Grund dieser Verbrechen hin, indem sie im zehnten Gebot auf das Gelüsten, als die Gistwurzel dieser Laster, hinweist. „Dir sollst deinen Nächsten nicht in deinem Herzen hassen", „So du das Tier deines Feindes irrend auf dem Felde antriffst, sollst du es ihm zurückbringen." Wir merken, daß wir hier dazu erzogen werden sollen, die Schadenfreude in uns zu überwinden; die Schrift gibt keinen Grund dafür an, weil es ein Vernunftgebot der menschlichen Gesellschaft ist; ebensowenig ist auch bei anderen Geboten der Grund angegeben: „So dein Nächster neben dir verarmt, sollst du ihm anshelfen; geben sollst du deinem Nächsten und ihm öfter geben, und es,soll dich nicht verdrießen." „Geld sollst du deinem Nächsten leihen, wenn es auch nahe wäre zum siebenten Jahre, wo alle Schulden erlassen sein sollen, und es soll nicht der niederträchtige Gedanke bei dir auskommen, ihm nicht zu leihen, weil das siebente Schuldenerlaßjahr nähe ist." Immer wird darauf hingewiesen, diese Gebote aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele zu tun, d. h. ohne Lohnsucht und ohne Eigen" nutz. Wir sehen demnach ganz klar, wie Gebot, sittliche und religiöse Entschließung miteinander übereinstimmen. (Schlus; silttt.) Jüdische Nmorrülätm. Von Friedrich b o n s i l i a r i u s. ie zionistischen Führer haben ossiziell vor gar nicht langer Zeit die Gründung einer hebräischen Universität in die Wege zn leiten dekretiert. Sie garantieren Forsch u n g s - und Lehrfreiheit an derselben. Ob diese „Gewissensfreiheit" eine allseilige sein wird — und nicht

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