Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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284 — Patrioten bekannten Szeged ine r Oberrnböin-ers Tr. Immanuel Lölv allgemein hervorgerufen h-at, und bitte Euere Exzellenz, sich persönlich der Angelegenheit anzunehmen." * Die Ansichten des Vatikans über den Zionismus. Eine Reuter-Meldung aus Rom vom 26. April besagt, daß der Vatikan annimnrt, daß die von den Katholiken in Palästina -verwalteten heiligen Stätten ihnen belassen bleiben, aber daß die Frage der Zugehörigkeit jener Stätten, die sich im Besitz der orthodoxen Kirche befinden, durch Kommissionen geregelt werde. Was den Zionismus betrifft, so sieht der Papst mit Besorgnis die Möglichkeit der Vorherrschaft des jüdischen Elements und wünscht deshalb, daß die zionistische Bewegung sich innerhalb der richtigen Grenzen hält. Schließlich betrachtet der Papst das französische Protektorat als am Ende angelangt wie auch die Kapitulationen, aber wenn Frankreich ein Aeguivalent fordert, so sei er bereit, das Verlangen wohlwollend zu prüfen. P- Z. * Der Oberkommisiar für Palästina. London, 12. Mai. lW. T. B.) Man erfährt hier, daß H e r b e r t S a m u e l zum „Ersten Oberkommissar" von Palästina ernannt werden wird. Herbert Samuel wurde schon Ende vorigen Jahres als Kandidat sür den Posten des Regierungschefs von Palästina genannt. Er gehört der angesehenen jüdischen Familie Montagu an und ist als gesetzestreuer Jude bekannt. Samuel wurde im November 1870 in Liverpool geboren. Er ist seit 1902 Mitglied des Parlaments und Zählt zu den Führern der Liberalen Partei. Der Regierung hat er 1910 bis 1914 und 1913 bis 1916 als Generalpostmeister, zwischendurch als Handelsminister und 1916 bis 1917 als Minister des Innern angehört. Dgs jüdische Orligmnsidrsl. Von Rabbiner Tr. L n d w i g P i ck (Berlins), as jüdische Religionsideal besteht in der Erkenntnis Gottes und in der Liebe zu ihm: „Dir ist gezeigt worden, zu erkennen, daß der Ewige Gott ist, keiner außer ihm" — „und bit sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen! Seele und mit deinem ganzen Vermögen". Wenn wir auf eine Weile uns zur stillen Beschaulichkeit zurückziehen und sinnend die Wunder der Welt und des Lebens betrachten, so überkommt uns neben ehrfurchtsvoller Schauer vor der unfaßbaren Machtfülle und Kraftentfaltung des Urhebers der Wett zugleich auch die Liebe zu ihm, der alles zur Schönheit und Harmonie gestaltet, die Ordnung und die Zweckmäßigkeit in der Natur begründet, in allem Wechsel und Wandel, in aller Veränderung und Umbildung das Bleibende und Beständige gesichert: „Voll ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit". Goethe war besonders von dem Geiste der Zweckmäßigkeit und der Ordnung im natürlichen Geschehen durchdrungen. Auch Spinoza spricht viel von der Liebe zu Gott und preist sich selig in dieser Liebe. Aber diese Lipbe ist nur eine philosophische, sozusagen eine platonische, die im Staunen und Bewundern nufgeht über den mathematischlogischen Verlauf der Welterscheinungen. Auch ist die Liebe hier nur eine einseitige, von Menschen ausgehende, denn die Substanz ist indifferent und kümmert sich nicht um ihre Modi oder Akzidenzen; die Liebe des Judentums aber ist die Liebe des Herzens, die religiöse Liebe, die absolute Hingabe, es ist die Liebe, die Gott unmittelbar im Herzen schaut, im Gemüte fühlt und das beseligende Gut im Herzen trägt — eine g Aus einem vom Verfasser demnächst in Truck erscheinenden Buche über das Judentum, Liebe, die spricht „deinetwegenlassen wir uns täglich töten". ..Und tötete er mich auch, so harre ich doch sein." „Und wall' ich auch im Todesschattentale, so wall' ich ohne Furcht, denn du begleitest mich, dein Stab und deine Stütze sind immerdar mein Trost." Eine Liebe, die sich mit so heißem- Verlangen nach inniger Vereinigung mit Gott sehnt: „Wann werde ich kommen, Gottes Antlitz zu schauen?" „Von Seligkeit gesättigt werde ich einst an deinem Bilde erwachen"; -eine Liebe, die auf alles verzichtet, was die Welt an Herrlichkeiten bietet gegen die Seligkeit an Gott: „Bist du doch mein, der du in dem Himmel thronest, und bin ich einst bei dir, dann habe ich kein Gefallen an der Erde." Es ist sozusagen eine konkrete Liebe, wie die der Gegenseitigkeit zwischen Eltern und Kindern und die sich in der Bibel in vielfachen Wechselreden ansspricht: „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott!" „Ich liebe euch, spricht der Ewige." „Ich verlobe dich mir auf ewig, ich verlobe dich mir durch Recht und Gerechtigkeit, durch Liebe und Erbarmeni, ich verlobe dich mir durch Treue, daß du den Ewigen -erkennest." Du Israel wirst mich einst noch nennen: „Mein Gemahl". „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröstet dich dein Gott." „Du, Ewiger, hast uns geholfen und uns getröstet." „Unser Vater bist du von Ewigkeit." „Ist er nicht dein Vater, er dein Schöpfer, der dich bereitet hat?" „Kinder seid ihr dem Ewigen, eurem Gotte." „Mein Erstgeborener ist Israel." „Mit ewiger Liebe liebe ich dich, darum habe ich in Huld dich mir nachgezogen." Diese geistig-konkrete Liebe zwischen Gott und dem Volke, wie sie in den Büchern Moses, in den Propheten und Psalmen hervortritt, hat dazu geführt, daß das Hohelied oder das Lied der Lieder, eine Hymne der feinsten und edelsten Erotik, in die Sammlung der Heiligen Schriften ausgenommen wurde. Und die Patenschaft für dieses damals jüngste Kind der Sammlung hatte kein Geringerer übernommen als Rabbi Akiba, der, weil er diese Hymne als eine symbolische Darstellung des Verhältnisses zwischen Gott und Israel aufgefaßt, dieselbe für die Aufnahme als „Allerheiligst" erklärte. Rabbi Akiba war aber auch der Blutzeuge dieser wechselseitigen Liebe; denn als er trotz des Hadrianischen Verbotes öffentliche Lehrvorträge hielt und darum mit neun anderen Größen in Israel zu martervollem Tode verurteilt wurde, sprach er zu seinen tiefbetrübten Jüngern: „Betrübt euch nicht meinetwegen, denn seht, sooft ich den Satz der Heiligen Schrift las: ,Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen", dachte ich daran, wenn doch wohl ein Fall eintreteni möchte, bei dem ich dieses Gebot bewahrheiten könnte jetzt ist dieser Fall eingetreten. Sollte ich mich nicht freudig bewähren?" Dieser große, heilige Märtyrer nahm, da man den Geist der Lehre Israels töten wollte, das Martyrium des Todes freudig auf sich. Dieser in seinem.Leben und in seinem Tode so große Akiba war im Vereine mit seinen Genossen das hochgeweihte Vorbild der Judenheit in allen späteren Jahrhunderten im Ertragen ihrer peinvollen Schmerzen, von den Marterwerkzeugen und den Scheiterhaufen der Inquisition bis zu den blutigen und auch unblutigen, aber nicht minder schmerzhaften und niederbeugenden Verfolgungen in allen denkbaren Formen der Ausschließung aus der menschlichen Gesellschaft, der Beraubung aller Habe, der schmachvollen Entehrung und Zurücksetzung, des Verschachertwerdens von weltlichen und Kirchenfürsten, des Austreibens von Haus und Hof und Land, des Religions- und Rassehasses, letzteres sogar in der sogenannten ja gebildeten neuesten Zeit. Ein Volk, das viele, ja viele Jahrhunderte die diabolischen Entartungen und wahnvollen mordgierigen Gehässigkeiten aller Volker der Erde an seinem eigenen Leibe erfahren hatte, ein Volk, das alle diese zermalmenden Schicksale getragen, ohne schließlich (wie viele andere Völker) zu versumpfen und geistig stumpf geworden zu sein, ja, sein