Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
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233 an eine Gefahr von rechts geglaubt. Das bayerische Reichswehrkommando hat zu der gemeingefährlichen antisemitischen Propaganda in den Kasernen durchweg geschwiegen und sich nicht weiter erregt, wenn R e i ch s w e h r l e u t e Juden verprügelten oder vermeintlich jüdische Bert ch t e r st a t t e r von Blättern des neutralen Auslandes mit Schlägen bedrohten. Lustig blüht heute noch der gewalttätige' Antisemitismus in den Negierungsbureaus, in den Kasernen und Schulen Bayerns fort. Kann' man da nicht mit Fug und Recht von einer amtl.ich geförderten Gewaltpolitikreden? * Katholische Junker. Kurz vor der Kapp-Revolte veröffentlichte der Verein katholischer Edelleute Deutschlands sein Programm, aus dem folgende zwei Punkte bemerkenswert erscheinen: 6. Den monarchischen Gedanken Zu pflegen und die Wiederherstellung der Monarchie auf legalem Wege grundsätzlich Zu erstreben. 10. Den Einfluß rassefremder Elemente als der Hanptträger des verderbk'chLu Wuchergeistes, der Korruption lmd des arbeitslosen Gelvinnstrebens aus dem öffentlichen Leben Deutschlands lnöglichst anszuschalten. Man sieht, bemerkt hierzu die „Welt am Montag", die Junker katholischer Konfession legen Wert darauf, kundzugeben, daß sie an Feindschaft gegen die Republik und das Judentum ihren protestantischen Kollegen in keiner Weise nachstehen. * Immer hübsch konsequent. Unter dem Namen „Deutschnationaler Zeitweiser 1920" ist ein „völkischer" Abreißkalender erschienen, der die Aussprüche aller „prominenten" Antiisemiten -einschließlich des Prinzen Heinrich, enthält. Auf der -ersten Seite des Kalenders prangt folgender Ausspruch: „In schlichter For-m ein körniger Gedanke Er wurzelt, blüht und setzt in Frucht und Ranke Sich segnend fort." Als Verfasser dieses Sinnspvuches ist angegeben: A. LÄrronge. - also ein Jude! Es ist nicht -ganz ohne Reiz, daß die „Völkischen" ein jüdisches Geisteserzeugnis für die wirksamste Einführung in ihre eigenen Geistesprod-ukte halten. ■* Der Fall Löw. Die Affäre des Szegediner Oberrabbiners Tr. Immanuel Löw wirft immer weitere Wogen. Nicht nur die holländischen Zeitungen, die ja dem Fall erklärliches Interesse entgegenbringen müssen, da ein angeblicher Korrespondent des „A'lgeineen- Handelsblad" darin verwickelt ist. berichten in ausführlichen Leitartikeln über den Fall, sondern auch die „Nene Zürcher Zeitung" vom 5. Mai widmet dieser Affäre einen mehrspaltigen Artikel ihres ungarischen Korrespondenten. Und mit Recht. Handelt es sich doch um nichts weniger als um eine regelrechte, für das heutige Ungarn typische Staatsaffäre. Der Prozeß gegen Löw, der wahrscheinlich ailch Ungarn die Ehre eines Dreyfus-Prozesses einbringen wird, dessen Ausgang sich leicht vovamssehen läßt - meldet doch der Bndapester Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung", daß Löw zweifellos zum Tode verurteilt werden dürfte und der seinerzeitige Tisza-Eszlar-Prozeß sind wahrlich Wahrzeichen des einstigen- und jetzigen Ungarn. Man.versucht Dr. Löw auch Verbindungen mit dem Anslande zu unterschieben, die er bei seiner „Aufreizung gegen die ungarische Nation" benutzt haben soll, und will einen Zusammenhang zwischen Dr. Löw und der öffentlichen!-Anklage gegen die Bndapester Regierung, die der Wiener Oberrabbiner Dr. Ehajes auf dem Meeting vom 11. April in Wien gehalten hat, Herstellen. Dr. Löw soll also wahrscheinlich auch dafür unter Anklage gestellt werden, daß Dr. Chajes in Wien eine Rede gehalten hat. Abgesehen von den diametralen politischen Anschauungen der beiden Rabbiner ist ein Zusammenhang schon wegen der Unmöglichkeit eines Verkehrs zwischen den beiden ausgeschlossen. Der 66jährige Dr. Immanuel Löw, der bis jetzt als unantastbarer Patriot galt, ist der Sohn des berühmten Leopold Löw, des Begründers der ungarischen Synagogenpvodigt. Er ist ein glänzender magyarischer Stilist und Sprachenkurifikator, der als Wortführer des jüdischen Assimilantentums sogar in den Aeußerlichkeiten, in seiner Kleidung, in seinem ganzen Gehaben ostentativ den Urmagyaren hervorzukehren Pflegte. Der ungarische Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung" schreibt über den Fall Löw: „Das „U. K. B." hat den Fall des Szegediner Oberrabiners Löw in irreführender Weise 'bekanntgegeben. In Wahrheit verhält sich die Sache wie folgt: Der Journalist Hollosy, ein getaufter Jude und Lockspitzel der Regierung, erschien mit einem holländischen Journalisten namens Nijpels bei dem Oberrabbiner und gab vor, er als guter Jude sei über die Gewalttätigkeiten der ungarischen- Regierung entrüstet und habe den Holländer mit geb racht, damit sich der Rabbiner für das „Mgornven Handelsblad" über die Judenverfolgungen äußere. Tie Aeußerungen des Oberrabbiners sind aber nicht im „A-lgem-een Handelsblad", sondern in dom Blatt der Negierung „Neinzeti Iljsag" erschienen. Am nächsten Tage allgenreine Empörung: der Oberrabbiner wurde als Hochverräter vor Gericht geladen und wird voraussichtlich zum Tode verurteilt werden." I n t e r v e n t i o n e n. Der Amsterdamer Oberrabbiner Onderwijzer sandte an den ungarischen Reichsverweser Horthy folgendes Telegramm: „An Seine Exzellenz Horthy, Budapest. Der Oberrabbiner von Amsterdam- 'fühlt sich verpflichtet, in der Angelegenheit des Oberrabbiners Löw, Szegedin, die Aufmerksamkeit Euer Exzellenz auf den Artikel -des „Atgemeen Handelsblad" vom 29. April zu lenken. Die Redaktion erklärt, daß Hollosy, dessen Auftreten an di,? Manieren eines Agent provocateur erinnere, vom „Handelsblad"", dessen Korrespondent er war, eingangs des Jahres entlassen worden ist, sobald die Redaktion erkannte, daß er, wie es wörtlich heißt, links und rechts, schreiben konnte, je nachdem das Staatsoberhaupt Karvlyi, Bola Khun, Friedrich oder Horthy hieß. Der Oberrabbiner meint, Ihre Aufmerksamkeit daraus lenkenzu müssen, daß der Zeuge Hollosy nach den ausführlichen Darlegungen des „Handelsblad" völlig unzuverlässig erscheint, und bittet Euere Exzellenz, die zuständigen Stellen darauf hinzuweisen. Onderwijzer, Oberrabbiner." In einem weiteren Telegramm an Reichsverw-eser Horthy berichtet Oberrabbiner Onderwijzer, daß Hollosy, alias Joollänbcr, wegen Verbreitung verleumderischer Nachrichten gegen die Amsterdamfche Bank in Löwoner Zeitungenvondieser Bank weggejagt wurde. Die Rabbiner Dr. Goh-n (Basel), Kvrnfein, Dr. Littmanu, Dr. Lewenstein (Zürich) sandten namens der Rabbiner der Schweiz an den ungarischen Justizminister folgendes Telegramm: „Tief erschüttert und ganz entsetzt über die Verhaftung des. auch im Allslande -allgemein geachteten und in der jüdischen Gelehrtenwett 'hochangesehenen Oberrabbiners Lölv ans Szeaedin bitten wir Euere Erzellenz, die erhobenen Beschuldigungen genauest prüfen zu lassen und den Zeugen Hollosy, den „Algomeen Handelsblad"" -am 29. April redaktionell als Agent provocateur bezeichnet, entsprechend einzu-schätzen." Ter Präsident des Zentralbureaus der Agudas Jisroel, Tr. T. Lewenstein. ersuchte telegraphisch den Fürstprimus von Ungarn um seine Intervention in der gegen Lölv gerichteten Verteumduugsaffäre. Desgleichen wandte er sich in dieser Sache mit einer eindringlichen Eingabe an die ungarische Regierung. Ter Herausgeber der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" richtete an deil ungarisch eil Ministerpräsidenten Sinwnyi-Semadam nachstehendes Telegramm: „Als Herausgeber der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" erlaube ich ipir, Euere Exzellenz -auf die Bestürzung aufmerksam zll ilrachen. welche die auf -Grund -eines Agent provocateur eiligst v-o-rgenvnnnene Verhaftung des sowohl in der .Schweiz als auch in Frankreich, England und Wmerifa hochangesehenen und als ungarischen