Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229463--75759-3288285- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
232 Wir haben im Schützengraben, wo wir mit allen Klassen des deutschen Volkes Zusammen kämpften, gelernt, daß nationale Politik n n r auf dem Willen d c s g a n z e n Volke s , und nicht ans einzelnen Klassen beruhen kann. Daher verurteilen wir jeden K l a s s e n k a m p f, mag er von den Sozialisten im Namen des Proletariats, mag er von den Parteien der liechten im Warnen des Bürgertums geführt werden. Nur eine Politik, die den Klassenkampf jeder Art zu überwinden vorsieht, ist eine nationale Politik. Eine solche Politik hat die Deutsche demokratische Partei geführt und wird sie im kommenden Reichstag führen. Uns unterscheidet von jenen Kreisen, die sich so gern als national bezeichnen, nicht ein slUd)v oder Weniger an Nationalgefühl. Wir wissen aber, daß ihre verhetzende Politik nur dazu führt, das deutsche Volk immer mehr zu zerspalten, und wollen daher ein neues Gern e i n s ch a f t s g e f ü h l aller Teile des V olkes schaffen. das allein die Grundlage der nationalen Einheit sein nnd das nur auf diesem Wege der nationalen und sozialen Demokratie erreicht werden kann. Für die Studenten gilt es vor allem, den unheilvollen Riß zu überbrücken, der heute zwischen den .Hochschulen und der großen Masse des Volkes klafft. Die Kreise, die heute noch an den Universitäten den Ton angeben, sind allerdings dazu nicht in der Lage. Das zeigten die Kapp-Tage erneut, das zeigten vor allem einige ihrer Führer, die zunächst den Putsch unterstützten, ohne nachher den Mut und die Offenheit zu haben, für ihr Tun und ihre lleberzeugung einzutreten. Tie Studentenschaft, die im 19. Jahrhundert die Vorkämpferin für die nationale. Einheit war, hat heute die gleiche Pflicht. Heute gilt es aber, leider nicht nur für die Vereinigung aller Deutschen im deutschen Staate zu kämpfen, sondern als Vorbedingung hierzu innerhalb des bestehenden Staates' ein einiges Volk zu schaffen. Hierfür müssen die Studenten kämpfen, wenn sie ihren Traditionen treu bleiben wollen, wenn sie sich nicht in greisenhafter Negation versteinern und ein absterbendeÄ Glied des Volkes lverden wollen. Gelegenheit bieten hierzu zunächst die Wahlen am 6. Juni. Darum fordern wir nochmals die deutschen Studenten und Studentinnen auf: Tretet im Wahlkampf für die nationale nnd soziale Demokratie ein! Gebt eure Stimme der Deutschen demokratischen Partei! R e i ch s b u n d deutscher de m okrati s ch e r St u d e n t e n. * gez. M o m m s e n, Vorsitzender. * * Amtlich geförderte Gewaltpolitik. Ueber den in Bayern vorherrschenden Antisemitismus und seine Verfolgung sw ut, der neben anderem auch Gustav Land a u e r zum Opfer fiel, berichtet die „M ü n ch e n e r Po st" vom 3. Mai in einem längeren Artikel, dessen wesentlichen j Teil wir hier als einen Beitrag zur Zeitgeschichte folgen lassen.! Dem Antisemitismus entstanden überall Förderer nnd Gönner in Bayern. Das antisemitische Blatt in München, der „Deutschvölkische Beobachter", konnte schreiben, als wenn überhaupt in Deutschland kein Strafgesetzbuch mehr bestände. Die Aufreizung zu Gewalttätigkeiten, die Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen, die Beamtenbeleidigungen, kurz zahlreiche Paragraphen des Strafgesetzbuches schienen einfach abgefchafft zu sein. Mit der Arco-Demonstration nberbot sich --- und das will viel sagen — der Antisemitismus selbst. Rasende Judenfresserei gedieh üppig in den Hochschulen und Kasernen. Ein Leutnant Meyer (Mayr) konnte von dem KaPP-Berschwörer Hauptmann Berthold eine systematische Austilgung der Juden fordern, deren Namen auf eine schwarze Liste gesetzt werden sollten. „Hoffentlich vergißt der Diktator nicht," so schrieb dieser Leutnant an Hauptmann Berthold, „die Inden für vogelfrei zu erklären —- eine Nacht genügt, um diese Hunde ausznrotten. Ich habe für hier (Würzburg. Red.) schon eine schwarze Liste angelegt, damit auch die „Richtigen" totgeschlagen werden, denn es Verdieners auch manche Nichtjuden reichlich." Ein sehr charakteristischer Brief. Hängen, Erschießen, Totschlägen, derartige Wendungen wurden in den Reden bestiunnter Militärs besonders gepflegt. Man sprach von einem Ultimatum an die Regierung in der Begnadigungsfrage Arco — und vom Aushängen der Regierungsmitglieder, lvenn sie nicht — den demonstrierenden Militärs und Studenten in dieser Frage willfahren würden. So schreibt Leutnant Franz Mayr. München, Hotel Kaiserhof, unter dem 21. Januar: „Die allgemeine Stimmung in München und, soviel ich jetzt beobachten konnte, in ganz Bayern, ist für unsere Zwecke wie geschaffen. Der Arco-Prozeß hat dies am besten gezeigt. Der gute Teil des Volkes tritt immer mehr in den Vordergrund, während.der Abschaum unwillkürlich wieder verschwinden muß. Herr Hauptmann Dietl, gestützt auf seine Kompagnie, auf die guten Offiziere und die Studentenschaft, hat an die Regierung eine Abordnung geschickt mit dem Ultimatum: Entweder Graf Arco begnadigt, oder die Regierung hängt morgen." Eine starke Aufschneiderei, aber derartige, direkt zu Gewalttätigkeiten treibende Stimmungen waren in Ofsizierskreisen vorhanden. Herr v. Kahr wurde Ministerpräsident, ließ sich vom antir c mi t i f che n H e i m beraten und wetterte gegen die stammesfremden Elemente. Reichswehrlente erschienen mit dem antisemitischen Bundeszeichen: dem Hakenkreuz, ans der Straße und verbreiteten Aufrufe gegen die „I nd e n r e g i e r n n g" in Berlin und für die Kapp-Meuterei. Die Regierung Kahr-Müller-Pöhner ließ die Antisemiten auch ruhig dann gewähren, lvenn sie sich über die Paragraphen des Strafgesetzbuches offen und absichtlich hinwegsetzten. Am 29. April hat nun die Negierung Kahr-Müller-Pöhner das antisemitische Hetzblatt, den „Völkischen Beobachter", bis 9. Mai verboten. Dieses Verbot ist folgendermaßen begründet: Am 29. v. M. erschien im „Völkischen Beobachter" ein Artikel: „Zum Gedächtnis der am 30. April 1919 ermordeten Geiseln", von eonck. phil. Karl Braßler. Darin wird den Juden die Schuld am Tod und Unglück vieler Tausender von Menschen deutschen Geblüts und auch am „Mord, dem viehischen, verübt am 30. April 1919 an den Mitgliedern der Thu-legesellschaft", zugeschoben. Dann heißt es: „Noch ist der Mord nicht gesühnt! . . . Noch schweigen sich die Behörden über diejenigen aus, welche das Geld zur Aufrichtung der Schreckensherrschaft Alljudas gegeben haben. Wir aber kennen sie. Und wir können noch warten, denn noch ist unsere Zeit nicht gekommen. Levien, Lepin6 und Toller, . . . sie haben auch die Hilfe der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde gefunden." Und zum Schluß: „Auch München sollte eine Burg und Feste, ein Bollwerk der jüdischen Weltherrschaft, des jüdischen Weltwucherkapitals' werden. Das sind die Gründe, deutscher Michel, denen dn> dein kostbares Blut opfern mußt, wenn du nicht noch rechtzeitig das jüdische Joch mit aller Gewalt abschüttelst. Deutsche! Münchener! Der Jahrestag des Geiselmordes naht! I Seid aus dem Plan, diejenigen zu ehren und zu rächen, die Juda gemordet hat. Tie Stunde der Sühne wird kommen! Sie wird nicht mehr ferne sein. Bewahret noch ruhig Blut nnd wartet auf den Ruf! Am 30. April aber wollen wir zeigen, daß wir unsere gemordeten Blutsgenossen nicht vergessen haben. Das Lnitpold-Gymnasium sei an diesem Nachmittag der Zeuge eines deutschen Schwurs!" Diese Worte überschreiten bei weitem das Maß der vom „Völkischen Beobachter" bereits seit Monaten betriebenen, die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährdenden Judenhetze. Sie enthalten unverkennbar die Aufforderung zu Gewalttätigkeiten, zu einem Judenpogrom. Nur mit Rücksicht darauf, daß sich die Aufforderung selbst ooch nur als eine gelegentliche Entgleisung eines besonders hitzigen Mitarbeiters der Zeitung darstellt, und um im übrigen der Zeitung noch einmal Gelegenheit zu geben, ihren bisherigen hetzerischen Ton zu mäßigen, erschien ein zeitliches Verbot derselben als vorerst genügend." Fast entschuldigend bemerkt Herr Pöhner, daß sich die Aufforderung zu Gewalttätigkeiten nur als eine gelegentliche Entgleisung eines 'besonders hitzigen Mitarbeiters darstellt. Herr Pöhner jscheint sich nicht besonders eifrig in die Lektüre des „Völkischen Beobachters" versenkt zu haben, sonst würde er nicht von einer gelegentlichen Entgleisüng sprechen. Wir sind als grundsätzliche Anhänger der Preßfreiheit selbstverständlich Gegner der Zeitungsverbote. Wir haben ein Strafrecht, mit dem man jeder „Propaganda der Tat" beikommen kann. Aber die Augen der Staatsanwälte des Herrn Dr. Müller scheinen bisher nur nach links gerichtet zu sein. Herr Dr. Müller jselbst hat bis kurz vor dem Kapp-Putsch. nicht 1