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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-21 · Heft 21 (21.5.1920) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 21 (21.5.1920)
Date
1920-05-21
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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Meinen Antrag ha-be ich gestellt, um einen Veysuch nach dieser Richtung zu machen. Ueberlasse man doch den Beschluss über die Predigt'lieder den V o r st ä n d e n d e r e i n z e i n c n Synagogen! Sie sollen sich auf zweckentsprechende Art über die Wünsche ihrer Beter informieren. Wie sie das tun wollen, auch darüber will ich ihnen Freiheit lassen. Mögen sie eine Versammlung einberufen, mögen sie eine Umfrage halten. Nur sehe man sie nicht als Rebellen an, wenn sie versuchen, auf ihrem Arbeitsfelde selbständig zu sein. Und mögen anderseits sie nicht dahin streben, ihre Ansicht und ihre Bedürfnisse als für die ganze große und volksreiche Gemeinde einzig maßgebend zu betrachten, sondern sich auf das von ihnen selbst verwaltete Gotteshaus beschränken. Sir Woche. 'Berlin, 17. Mai. age mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist." Das trifft auch auf die Deutsche Volkspartei zu, die bekanntlich mit der Deutschnationalen Partei und dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund in einem Hanse wohnt. Diese Partei, an deren Spitze bekannte Persönlichkeiten, auch manche jüdischer Abstammung, stehen, vevtritt angeblich die Gleichberechtigung aller Konfessionen, aber in ihren Versammlungen wird tapfer gegen das „Uebevwuchern des jüdischen Einflusses" gehetzt und ebenso laut wie in den antisemitischen Räd-au!versamimlllU'g.en „Nieder mit den Juden!" gebrüllt. So hebt die „Tägliche Rundschau", das Organ der Deutschen Volkspartei, aus einer Programmrede des Abgeordneten Dr. Mittelmann (Stettin), der auch diesmal auf der Reichstagswahlliste der Deutschen Volkspartei für Pommern steht, und zwar an erster Stelle, längere Ausführungen über die Judenfrage heraus. Darin behauptet Dr. Mittelmann zunächst, daß er den Radau-Antisemitismus ablehne und die Judenverfolgungen und das sinnlose, bei jeder Gelegenheit geübte Beschimpfen verwerfe als Methoden, die weder von Mut noch von jener ernsten Sittlichkeit zeugen, die einen Hauptzug des deutschen Charakters bilden. Auch verweist er auf hervorragende deutsche Juden, wie Lessings Freund Mendelssohn, und auf die zahlreichen Juden, die im Weltkriege ihr Leben für Deutschland eingesetzt haben. Dieser Einleitung folgte der Kern der Sache: der Kampf gegendas „Ueberwuchern des jüdischen Einflusses". Für seine Ausführungen auf diesem Gebiet erntete der Redner stürmischen Beifall, der sich erneuerte, als der Redner behauptete, daß Deutschland von Ostjuden überschwemmt werde, dessen überwiegender Teil sich „nachgewiesenermaßen" durch Schiebertum und Wucher -ernähre; es presse unser ausgesogenes Volk vollends aus, verspeise unsere geringen Nahrungsmittel mit und belege Zehntausende von Wohnungen. Unter den Ostjuden leide nicht nur unser Wirtschaftsdasein, «sondern auch die Moral des deutschen Volkes. Er fordert gegen sie einen energischen Zugriff der Regierung, der nur deswegen nicht gewagt werde, weil diese Elemente infolge ihrer guten Verbindung entscheidenden Einfluß auf die radikalen Parteien hätten. Vor einigen Tagen setzte die- Deutsche Volkspartei in Berlin eine große Kundgebung für ihre Kandidatenliste ins Werk. Ueber den Verlauf dieser im Lehrervereinshaus stattgefundenen Versammlung liegt folgender Bericht vor: Herr v. Raumer stellte sich als Kandidat der Wählerschaft mit einer Rede vor, die zwar nicht sehr geschickt, aber sachlich \mx. Mit seinen Ausführungen traf er den Geschmack der Parteianhänger nicht, die ausschließlich auf die Argumente: „Juden raus!" >mrd „Nieder mit den JrDen!" gestunnrt waren. Deshalb fand auch der zweite Redner, to Verwandlungskünstler S che p p, mit seinen Angriffen ans die Demokraten (andere Gegner kennt die Volkspartei anscheinend nicht) nicht die erhoffte Beachtung. Es entstanden fortwährend wüste Tumulte mckisemitischer Art, die sich auch gegen die deinokratischen Debatteredner richteten. Der Bersaarnülilingslei>ter, Herr v. Eynern, versuchte in durchaus loyaler Weise, den antisemitischen Ausschreitungen entgegen-zutreten, fand aber bei seinen Parteifreunden keine Unterstützung. Darüber brauchen wir uns nicht zu wundern. Diese sind zum überwiegenden Teile schon lange in das antisemitische Fahrwasser des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes geraten, der die Einladungen zu seinen Versammlungen mit folgenden Forderungen begleitet: „Tie Inden müssen xam ans Deutschland. Das Eigentum der Juden muß beschlagnahint werden. Deutsche Gymnasien und Hochschulen sind für Inden zu sperren. Den Juden ist das Wahlrecht zu entziehen. Verstaatlichung der jüdischen Großbanken -und Warenhäuser. Entfernung der Juden .aus der Börse. Wiedereinführung Oer Zünfte. Einführung körperlicher Arbeit für die Juden. Den Deutschen ist bei Strafe zu verbieten-, für Inden zu arbeiten." Freilich ist das nicht das Programm der Deutschen Volks- Partei, die verschämt nur den Kampf gegen das Ueberwuchern des jüdischen Einflusses propagiert. Allein sie haust Tür an Tür mit den „unverschämten" Antisemiten, und das ist verdächtig. Man marschiert vielleicht getrennt, um vereint zil schlagen. „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist!" „Für die nationale und soziale Demokratie!" „Für ein neues Gemeinschaftsgefühlaller Teile des Volkes!" treten die demokratischen Studenten in folgendem Aufruf ein: An die deutsche Studentenschaft. Am 0. Juni finden die Wahlen zum Deutschen Reichstag statt. Von rechtsradikalen Kreisen der Studentenschaft sind Bestrebungen im Gange, für diese Wahlen eine offizielle Stellungnahme der Gesamtvertretung der deutschen Studentenschaft herbeizuführen. Zn diesem Zweck ist voir dem Asta Erlangen die Berufung eines außerordentlichen Studententages beantragt worden. Dieser soll „Bedingungen aufstelleu, deren Erfüllung jede Partei itt ihrem Wahlprogramm versprechen muß, wenn nicht die deutsche Studentenschaft die Warole ausgebelr soll, dieser Partei keine Stiinme zu geben". In den Wahlkreisen, in denen Hochschulen sich, befinden, sollen an erster Stelle nur Kandidaten aufgestellt werden, „die das Vertrauen der Studentenschaft der betreffenden Hochschule ausgesprochen erhalten haben". Der Asta Greifswald sagt 'hierzu: „Offenheit uüd klare Stellungnahme sind notwendig. Wir fordern auf, auf dem Studententag eine Fraktion 31t bilden, die rechts von der Demokratischen Partei steht." Diese Pläne sind weder mit d e r R e i ch s v e r f a s s u n g n 0 ch m i t der Ber f a s s u u g, die die deutsche Studentenschaft sich selbst gegeben hat, vereinbar. Wir fordern daher aus, auf -das entschiedenste zu bekämpfen, daß der Studententag unter Vergewaltigung der Minderheit die gesamte Studentenschaft parteipolitisch sestzulegen versucht. Wir fordern freieste Selbstverwaltung für die Studentenschaft und Mitbestimnumgsrecht in Hochschulfragen, verlangen aber gerade darum, daß die Politik aus dem Studententag und den Stndentenvertretungen entfernt und nicht in verstärktem Maße hineingetragen .wird. Außerhalb der berufsständischell Vertretungen aber ist es Pflicht der Studenten, sich ber den Wahlen aufs entschiedenste zu betätigen. Es gilt zrr zeigen, daß es große Teile der Studentenschaft gibt, die sich von -dem Geschrei „gegen Internationalisten und Juden" den gesunden nationalen und politischen Sinn noch nicht haben verwirren lassen. Wir fordern sie auf, im Wahlkamps und mit dem Stimmzettel die Deutsche demokratische Partei tätig zu unterstützen. Wir treten für diese Partei ein, weit wir in der nationalen und sozialen Demokratie den einzigen Weg sehen, der unser Vaterland zu neuer Größe führen kann. Wir empfinden mit tiefstem Schmerz die unglückliche Lage unseres Vaterlandes. Aber weil wir jung sind, können wir uns nicht mit leeren Klagen über die vergangene Größe begnügen, sondern wollen mutig vorwärts blicken in. die Zukunft und für eine neue Gefahr freudig alle unsere Kräfte in den Dienst des heutigen Staates stellen. ...

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