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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-14 · Heft 20 (14.5.1920) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 20 (14.5.1920)
Date
1920-05-14
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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landes. Um das gegenseitige Verstehen aller Volksgenossen zu fördern, solle die Aussprache mit den christlichen Mitbürgern eine sachliche Erörterung der gegen die Judenschaft gerichteten Vorwürfe bringen. Dr. Holländer (Berlin) betonte in seinem einleitenden Vortrage, daß es vor allem drei große Gruppen von Vorwürfen seien, die dem Judentum gemacht würden: der Glaube der Auserwählth-eit der Juden, ihre Jnternationalität und ihre Volksfremdheit. Man sage, die Juden erstrebten die Weltherrschaft, weil sie sich schon von der Bibel her kür das auserwählte Volk, für bessere .Menschen hielten. Wer aber das jüdische Schrifttum kenne, wisse, daß die alte Lehre den Begriff der Auserwähltheit niemals als eine Berechtigung, sondern als eine Verpflichtung der Auserwäh'Itheit jedes einzelnen ' auslegt. Wer daher glaubt, daß sich der Jude für einen besseren Menschen halte, begehe einen Trugschluß. Was den zweiten Vorwurf betreffe, den der Jnternationalität, so werfe man den Juden vor, daß sie weit über die verbindende religiöse Gemeinschaft hinausgingen und in den einzelnen Ländern das Vaterland zum Zwecke kapitalistischer und Politischer Endziele verrieten. Wenn aber während des Krieges in den nichtdeutschen Ländern gerade die Juden sich gegen Deutschland ausgesprochen hätten, so hätten sie etwas getan, was vom Standpunkte ihres jeweiligen Geburtslandes nicht zu tadeln sei. Als Deutscher werde man das Verhalten dieser Juden tief bedauern, aber man könnte unmöglich daraus den Vorwurf der Jnternationalität herleiten. Als die -Franzosen in Elsaß-Lothringen einrückten, habe der Oberrabbiner von Straßbura, -ein Alt-Elsässer, über Nacht die Grenze verlassen müssen, weil er sich geweigert habe, das französische Oberkommando im Tempel zu begrüßen. Nun sagt man auch --- und besonders in München —, die Jnternationalität zeige sich auch in den Bemühungen der Juden, den Bolschewismus über den Westen zu verbreiten, und man spreche von einem jüdischen Bolschewismus. Der Jude Trotzki sei aber nicht etwa der Erfinder des Bolschewismus. Die bolschewistische Bewegung erklärte sich aus dem Geist der russischen Steppe. Wieso es kommt, daß gerade die russisch-iüdische Intelligenz in so vielen Köpfen Hinneigung zum Bolschewismus zeige, das erkläre sich aus der Behandlung der jüdischen Intelligenz im ehemaligen Rußland. Neun Zehntel des russischen Judentums leiden unter der bolschewistischen Bewegung genau so wie die nichtiüdische Bevölkerung. Auch den deutschen Juden habe man die bolschewistische Führerschaft angedichtet. Viele Politische Mb rer bezeichne man als Juden, die es gar nicht seien: Liebknecht, Kautskv, David, Wolfaang Heine und auch den Münchener Kommunistenführer Levien. Von den eigentlichen Führern der Roten Armee im Ruhrgebiet sei nicht ein einziger Jude gewesen. Vielfach habe man Juden genannt, die gar nicht am betreffenden Orte waren. Davon aber spreche man rücht, daß von den zwölf Essener Einwohnerwehrmännern, die im Kampfe gegen die Rote Armee aefallen seien, zwei Juden gewesen seien. In München werde erklärt, man müsse gegen die Juden vovaphen, weil sie die Träger der Ilmsturzbeweauiw ielk»n. und als Beispiele würden L a n d a u e r , Toll e r und M ü h s a m angeführt. Diele Juden stammten aus einem Milieu, das mit dem Judentum nichts zu tun habe. Ihre Ideen seien nicht groß geworden in jüdischer Umgebung, sondern in einer Umgebung, die rnan als Schwabina kenne. Ein schwerer Vorwurf werde dem Judentum daraus gemacht, daß der Begründer der internationalen Sozialdemokratie, Karl Marx, als Jude geboren sei. Der geistige Begründer der Deutschnationalen Volkspartei, der Konservativen, sei aber ebenfalls ein Jude: Professor Friedrich Julius S t ach l. Die dritte Gruppe der Vorwürfe sei die Volksf r e m d h e i t der Juden, die diese nicht berechtige, die gleichen Reckte zu beanspruchen wie die Germanen. Jeder wissenschaftliche Anthropologe werde aber feststellen,, daß nichts irriger sei, als das deutsche Volk als rein germanisch hinzustellen. Man spricht so viel von jüdischen Streikschürern, Schiebern und Wucherern. Warum solle es diese Elemente gerade bei den Juden nicht geben? Sie sollten genau so bestraft werden wie die anderen. Jeder, der gerecht sein wolle, müsse anerkennen, daß nicht nur das Schuldkonto der Juden belastet sei, sondern auch das Aktivkonto erhebliche Posten aufweise. Die Juden wollten Mitarbeiten am Wiederiwfbäu Deutschlands mit ganzem Herzen und mit aller Kraft, sie erwarteten aber, daß auch ihnen gegenüber das Gebot erfüllt werde: „Du sollst nicht falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten". In der Aussprache, erklärte Rechtsanwalt Dr. Weiler vom Bund jüdischer Frontsoldaten, daß es den jüdischen Frontsoldaten bitter weh tun müsse zu sehen,, wie das Münchener Bürgertum verhetzt wird. Eine in Ausarbeitung befindliche Statistik werde die Leistungen der Juden an der Front Nachweisen. Mit erhobener Stimme beteuerte der Redner:. „Ich fühle mich zunächst als Deutscher, dann als Jude." Die Aussprache, an der sich noch weitere Redner beteiligten, ergab eine einmütige Verurteilung der antisemitischen Hetze unb ein starkes Bekenntnis der Jll.denschaft zum deutschen Vaterland. - Karlsruhe, 7. Mai. Am 25. v. M. haben die Wahlen zur 8. ordentlichen Synode der Israelitischen Religionsgemeinschaft stattgesunden. In 17 Wahlbezirken find als weltliche Abgeordnete gewählt (die mit * bezeichnten gehörten schon der vorigen Synode an): 1. Rechtsanwalt Bloch* in Konstanz, 2. Arzt Dr. Heilbronn* in Gailingen, 3. Bloch-Dreh fuß in Freibnrg, 4. Rechtsanwalt Kassewitz* in Freiburg, 5. Vorsteher Heinrich Weil* in Emmendingen, 6. Vorsteher Weil in Schmieheim, 7. Bezirksältester Gustav Dr eh fuß in Gernsbach, 8. Rechtsanwalt Hugo Marx und Bankier Dr. Nathan Stein-in Karlsruhe, 9. Bezirksältester Rudolf Schloßberger in Bruchsal, 10. Philipp Meerapfel in Untergrombach, 11. Hauptlehrer M.üller in Heidelberg, 12. Bezirksältester Rechtsanwalt Tr. Pfälzer* in Weinheim, 13. Eduard. B a u e r*, Julius H a r t o g , Rechtsanwalt Tr. I e s e l s o h n und Arzt Tr. Moses in Mannheim, 14. Vorsteher Gustav Hoch Herr in Eppingen, 15. Vorsteher Louis Frank in Mosbach, 16. Dr. Jonas. Simon* in Heidelberg, 17. Ludwig Schlesinger in Pforzheim. Tie Wahl der fünf geistlichen Abgeordneten ist. noch nicht vollzogen. Tie Synode wird voraussichtlich vom 31. Mai bis 2. Juni tagen und außer dem Voranschlag für die Jahre 1920 bis 1922 die Gehaltsordnung für Religionslehrer und Kantoren und die Wahlordnung für die Wahl der verfassunggebenden außerordentlichen Synode (Verhältniswahl in vier Wahlkreisen, Stimmberechtigung vom 21. und Wählbarkeit vom 25. Jahre an ohne Unterschied des Geschlechts, je 3 Abgeordnete der Rabbiner und der Lehrer) zu erledigen haben. Die außerordentliche ^Synode soll noch im Monat Juni gewählt und baldigst einberufen werden. Sie hat aus Grund der von ihr zu gebenden neuen Verfassung sofort die Gesamterneuerung des Oberrats vorzunehinen. ßötimrn. Prag, 7. Mai. Beim Kong r e ß f ü r i n n c r e M e d i z i n in Dresden hielt Professor Jaksch aus Prag laut Blättermeldung einen Bortrag über die Schlafkrankheit im Altertum. Die deutsche Zeitung „Bohemia" in Prag brachte in der ersten Mainnminer hierzu folgende ergänzende Notiz von Dr. I. E i s e n b e r g (Dobrisch-Prag): Herr Professor Dr. Jaksch erwähnte auch, daß die Schlafkrankheit schon im Altertum bekannt war. Auf welche Ouellen er diese Annahme stützte, ist nicht bekannt. Es dürste daher allgemeinem Interesse begegnen, hier festzustellen, daß im Talmud (Traktat Taanith, S. 23) und Koran (Sure 18, 7 bis 25) tatsächlich Anklänge an diese Krankheit Vorkommen. Nach dem Talmud verfiel der fromme Choni einem siebzig Jahre währenden Schlaf vorn Untergang des crften bis zur Gründung des zweiten Tempels. — Eine alte christliche Sage von den Siebenschläfern zu Ephesos', welche zur Zeit des Christenverfolgers T i o f X c t i an (245 bis 303 n. Ehr.) einem längeren Schlaf verfielen und erwachten, als das Christentum die Weltherrschaft erlangt hatte, schildert der Koran unter dem Titel „Die Leute der Grübe", wobei die Exegese hinzufügt, daß ihr Schlaf 309 Jahre dauerte. Die Zahlen sind natürlich nicht genau zu nehmen und sind legendär. Doch scheinen ihnen Fülle von Schlafkrankheit zugrunde zu liegen. Tiefe pflegte aber in den Zeiten großer Kriege infolge Hungersnot usw. aufzutreten. Sämtliche Völker Asiens widmen der Legende der Siebenschläfer ganze Beschreibungen, die dort große Verbreitung finden. Von Ksh und Mn. Ter Mädchenmittelschule der Jüdischen Gemeinde sind durch NtinisterialerXaß die Berechtigungen der vollansgebildeten. Mittelschulen verliehen worden. ~~ Dr. M a x Ginsberg, Mitglied der Reprüsentantenverf'ammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, ist mit dem Eisernen Kreuz um schwarz-weißen Bande 'ausgezeichnet worden. — In einer Sitzung der Berliner Stadtverordneten-

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