Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1920)
- Date
- 1920-05-14
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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' 228 - Peter ärgert sich, ohne sich ganz klar zu sein worüber. -Am Ende, weil der Kleine sich ein Herz erobert, das zu ihnt abweisend stehlt „Meine alten Herrschaften finden das Bübchen augenblicklich nid^t gar so herzig" — erwidert er fast scharf. Esther denkt daran, daß Harst-Emanuel seinen älteren Bruder einen „Bürger" genannt hat: „Sie halben wohl -niemals dergleichen Schlingeleien gemacht, Herr Privatdozent?" Darauf springt der (Gefragte auf und geht durch das Zimmer. Mit langem Schritt und rotem Kopf. Auf und ab. Hin und her. Und sagt keinen Ton. Esther sitzt still und wartet ab. Auf einmal bleibt er stehen. Da fiel sein Blick auf einige Karikaturen an der Wand. Originale, davon er die Wiedergaben .aus dem bekannten.Witzblatt kennt. .„Esther Stein" steht darunter. „Die kann was", sagt er mit eins. „Finden Sie?" ist Esther amüsiert. „Ach", macht er und bleibt mit offenem Mund stehen, „das sind wohl — Donnerwetter sind wohl Sie? — Sie heißen Esther? Sonderbar." „Das ist gar nicht sonderbar, bei uns daheim heißen viele Mädchen so, bei uns daheim in Haiderstadt." „Haiderstadt? Zm Tann? Darüber ging ja ein Teil meiner Doktorarbeit. Es gibt hübsche Mädchen in Haiderstadt." „Ging darüber Ihre Doktorarbeit?" Er lacht: „Ich hatte den Bürgermeister einiges zu fragen, war rasch fertig und spazierte dann das bucklige Dorf hinauf. Vor der Synagoge rauscht ein Brunnen . . . wissen Sie übrigens, was das Schönste ist .in Haiderstadt?" Esther fürchtet, er wolle noch einmal auf die hübschen Mädchen kommen: „Na?" „Der Judenfriedhof, der tannenumrauschte, der „gute Ort", wie sie dort sagen." „Tort liegt mein Vater", und Esther nimmt ein kleines Bild von der Wand. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. rwn ITK'lb D'BVSn De Pintim für Ros'ch Haschana, übersetz: und erläutert von Tr. Joseph Breuer. Frankfurt a. M., Sänger u. Friedberg, 1919. VIII und 230 Seiten. 8°. Wer den Standpunkt vertritt, daß es religiöse Pflicht ist, die in unserem Machsor zufällig vereinten Pintim für alle Zeiten 'unverändert im Gottesdienst beizubehalten, muß daraus bedacht sein, ihren schwer zngänglichen Inhalt verständlich zu machen. Das vorliegende Buch überträgt S. R. Hirschs System und Methode aus die Pintim, es weist alle Vorzüge, und alle Mängel Hirschscher Uebersetzungen und Erläuterungen auf. Darüber soll mit dein Verfasser nicht gerechtet werden, selbst eine dickleibige Auseinandersetzung würde nicht zmn Ziele führen. Auch über die Auffassungen einzelner Stellen ist es zwecklos zu streiten, da man Pintim nicht wörtlich übersetzen kann, aber nicht selten bietet Heidenheim das Richtigere (z. B. fHplE bpD heißt nicht, „wie einst vor dem ledernen Altar", S. 13, sondern „wie das Opfer; u nban Wl* nicht, „von solchem Uebel", S. 15, sondern „von den Nebeln" [= Sündenj dieser Nation, das bezieht sich nicht auf das Gebet, gehört vielmehr zu (vgl. Ies. 48,17); rPHCrn nlcht „heute geht eine Welt der Geburt entgegen", sondern „heute ist die Welt entstanden" nach R. Elieser f\^ 10b; nicht „selbst, wenn er mir fern ist", S. 113, sondern nach Hiob 36,3; rilXTl) nicht .„in allem Furchtbaren erhört er uns", S. 539, sondern nach Psalm 65,6 usw. usw.). Druckfehler S. 96 «"WH- Für die Wissenschaft besitzt das Buch kernen- Wert; nur den Text hat sich Verfasser nicht bemüht, phideologisches Verständnis der Pintim sucht er nicht, er bittet um das Recht, „die Puitim unmittelbar auf sich wirken zu lassen" (S. VI). Wer sie gleich dem Verfasser zur Erbauung auf sich wirken lassen will und ein Freund der Sprache S. R. Hirschs ist, dem kann das Buch empfohlen werden. Berlin. I. E l b 0 g e n. * — D i e Z e l l e. Von Tr. Fritz Kahn. Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde. Franckhsche Verlagshandlung, Stuttgart. Wer einen Einblick gewinnen-, will in das größte aller biologischen Wunder, in den Bau und das Leben der Zelle, der lese dieses Buch; es wird ihn -nicht gereuen. Das glänzend -aus.eestattete, mir vielen schönen, lehrreichen Abbildungen gezierte Buch ist auch glänzend und überaus gemeinverständlich geschrieben. Der Verfasser zeigt, daß wir und die Zellen, aus denen wir bestehen, e i n s sind. Mensch ist ein Sammelname für eine Summe zusammenlebender Zellen. Ihr Wohlsein ist seine Gesundheit, ihre Krankheit, sein Leiden, ihr Sterben sein Tod. Atens che n leben i st Zellen leben. Was ist der Mensch, fragt er, wie der Psalmist, er, der sich so groß und herrlich dünkt, so frei -und niemand untertan? Er mag über ein Reich gebieten, in den: die Sonne nicht u-ntergeht, er kann nicht hundert Zellen seines Herzens befehlen: wenn sie erlahmen, mutz er sterben. Trotz aller wissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit haben wir aber das Rätst! des Lebens bisher nicht ergründen können. Es bleibt gleich geheimnisvoll für Weise wie für Toren, und mit Goethe werden wir auch weiter sagen müssen: „Geheimnisvoll am lichten Tag Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben. Und was sie deinem, Blick nicht offenbaren mag, Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben." Ter Teppich des Lebens ist, wie der Verfasser sagt, gewirkt aus Schönheit und Geheimnis, ein Schleier, hinter dessen Rätstlornamenten in ewig strahlender Jugend die Göttin des Lebens lächelt. Trotz der Mysterienspiels aber, das für uns das Leben der Zelle ist, die Teilung der Zelle, der ganze Ablauf der Physiologischen Verrichtungen in den Organen des menschlichen Körpers, der ja nur ein ungeheurer, vielgestaltiger, wunderbarer Zellenstaat ist, folgen wir dem Verfasser jedoch gern in seiner lebendigen, reiz- und geistvollen Darstellung. Sie kräftigt uns zwar in der Auffassung, daß das Leben keine übernatürliche, von besonderen Leben straften beherrschte Erscheinung ist, sondern nur die höchste Form aller jener mechanischen Vorgänge, die wir unter ehernen Gesetzen im ganzen Weltall in gleicher Weist als das eine große, unergründliche Weltgeschehen sehen-, leben, und bewundern. Aber bleibt nicht doch die Frage oifsen nach dem Urgrund aller Tinge, dem. Quell alles Seins, dem Schöpfer dieser „ehernen Naturgesetze"? — Der Kosmos, die Gesellschaft der Naturfreunde, und der Franckhsche Verlag in Stuttgart haben mit diesem Bache ihrenvielen Verdiensten um die Wissenschaft ein neues hinzugesügt. Sanitätsrat Tr. S cherb e l (Lissa). * -- Gedanke n über M 0 n i s m u s u n d aPh 0 t i st i s ch e Betrachtung e n. Ben Hermann E 0 h n, Verfasser von: „Wisse, was du dem Gottesleugner antworten sollst." Frankfurt a. M., Verlag von Sänger u. Friedberg. 1920. Es ist Tatsache, daß auch mancher Gebildete sich über den Begriff „Monismus" nicht völlig klar ist. Ter Verfasser untersucht den Monismus aus theistischer Basis .und findet folgende Erklärung dafür: Tie landläufigen Theorien über Aäonismiu's, wie: Materie und Energie, Stoff und Kraft, smd 'naturalistischen Ursprungs, sind in Wirklichkeit, dualistisch; die änderen Erklärungen wurzeln in einseitigen oder unverstandenen Theorien. Eine einzige absolute Erklärung für das Dasein des -ganzen Weltalls müßte auf der Annahme einer bewußten freien Urkraft süßen, welche -man als Gottheit bezeichnet. .Diese klar -einleuchtende Lösung der Frage stößt bei den Gelehrten auf Widerstand. Für viele gilt der Satz von Professor Artur Tr c w s in „Die Arten des Monismus", der besagt: „Wenn die kosmische Gesetzmäßigkeit nicht als solche zugleich die Gesetzmäßigkeit Gottes ist, wenn Gott seine eigene Gesetzlichkeit im Unterschiede von der Welt besitzt und er diese unter Umständen im Gegensätze zur Weltgesetzlichkeit zur Geltung bringen, kann, so kann die Wissenschaft nie sicher sein, daß die von ihr erkannte Gesetzmäßigkeit nicht etwa durch transzendente Eingriffe Gottes, >d. durch Wunder, unterbrochen wird." Das kleine Werk bildet eine interessante und eigenartige L-ektüre für .den wissenschaftlich Gebildeten — obwohl die Mehrzahl von ihnendie Ansichten des Verfassers hier und da paradox finden wird. Die Aphorismen in dem Büchelchen enthalten viel Beachtenswertes. Sie deuten ans ernste Lebenserfahrungen des Verfassers hin. Nessus.