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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-14 · Heft 20 (14.5.1920) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 20 (14.5.1920)
Date
1920-05-14
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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Wie dann der Sturm der Anerkennung verrauscht ist, bietet der ältere Sohn des Hauses Esther den Arm, sie zu Tisch zu führen. Seine Eltern ließen bitten. Und Herrn Schneidcrinann auch. Und natürlich den Herrn, der Fräulein Sterstein so untadelig begleitet habe. Grünerz nennt seinen. Namen und der junge Pattendorsf blickt überrascht über Lessen Doktortitel. Man geht durch zwei, drei kleine Zimmer und findet endlich in dem fraugeheimrätlichen Boudoir den Tisch zu drei Gedecken. „Hier?" fragt Esther bebend, „Sie meinen hier — hier sollen wir — wir Komödianten —? Sagen Sie Ihren Eltern, ich speise entweder mit der Herrschaft — oder gar nicht." Und es fallen die herrlichen Rosen vor seinen Lackschuhen jut Erde. Peter Pattendorff klingelt — da Esther an Grüuerz' Arm rasch gegangen — nach dem Hauslehrer seines jüngeren Bruders und bittet ihn um seine Gesellschaft für Herrn Schneidermann. Dann beeilt sich der Sohn des Hauses, zu den Gästen seiner Eltern zu kommen. Und hätte säst das erste Hoch auf Vater und Mutter versäumt. -. Den anderen Morgen sagt die Geheimrätin beim Frühstück: „Die Mädchen behaupten, die Komödiantenleute hätten alles kurz und klein gegessen. Wer kann an einem solchen Tag überall hinterher sein?" „Die Komödianten?" und Peter schüttelt. „Die Tänzerin und der Klavierspieler —• er heißt übrigens Dr. Grünerz und scheint ein gebildeter Mensch zu sein ---, die beiden haben dankend abgelehnt. Sie äßen nicht in der Gesindestube oder so. Ich wollte euch gestern nicht den Spaß verderben, aber mir ist's im Kopf herumgegangen. Sie hat mir dabei auch so gewissermaßen die Rosen vor die Füße geworfen, die Sterstein." . L „Frechheit!" — macht die Mutter. „Nein, Mutter, das Unrecht war bei uns." Der Geheimrat gibt dazwischen: „Schließlich waren es fremde Leute. Man konnte sie nicht an den Familientisch setzen." „Ach Vater, was war da gestern alles, das nicht zur Familie gehörte. Dann hätten wir die Tänzerin lieber überhaupt nicht zu Tisch laden sollen. Ich erbitte mir die Erlaubnis, in eurem und meinem Namen ein paar Worte der Entschuldigung schreiben zu. dürfen." „Nein," erwiderte die Geheimrätin sehr bestimmt, „das erlaube ich dir nicht. Ich lasse mir mein Tun nicht von der Sterstein vorsagen. Ich pflege vorher zu bedenken, was zu tun ist. Gewöhn' dir doch die Sentimentalitäten ab, Peter!" Der Vater wirft hin, die Sache wäre nicht halb so wichtig, doch solle Mutter den Jungen gewahren lassen, wenn er meine... Da kommt der siebzehnjährige Horst-Emanuel dazwischen: „Schreib' für uns beide, Peter; wenn du willst, mach' ich dir 'n Gedicht dazu aus das pikfeudale Weib. Soll ich?"' Der ältere Bruder wehrt ihn nur mit der Hand ab. Dann fragt er noch einmal: „Also ihr wollt nicht, daß ich in eurern Namen . . .?" „Nein, das wollen wir nicht," gibt es ihm die Silberbraut von gestern abend. Und der Ton läßt keinen Widerspruch zu. Auch nicht den ehemännlichen. - Peter Pattendorff ist sehr verlegen. Und Esther nicht in Laune, ihm die Lage zu erleichtern. „Gestatten, gnädiges Fräulein, daß, ich mein Bedauern ausspreche für gestern. Und verzeihen Sie mir! Ich habe den Fehler eingesehen." Esther entgegnet scharf: „Vielleicht hätte man sich das besser zuerst überlegt." Er fragt: „Darf ich aufrichtig sein? Es wurde erst zum Fehler, nachdem Sie nicht annahmen." Esther denkt nach. „In der Tat", erwiderte sie dann langsam, „Sie konnten in der Tat vorher nicht wissen, wer die Tänzerin sei. Das ist wahr; mau"' kann es eigentlich nicht Übelnehmcn. Ich verzeihe Ihnen." Sie sagt cs, ohne Freundlichkeit jedoch. Verletzt durch diese unwarine Art der Verzeihung, geht der Mann. Und er denkt: Ob das Ganze nicht am Ende doch eine Sentimentalität gewesen, so wie Mutter meinte? Esther dagegen findet: Er ist ein anständiger Mensch, der ein Unrecht wieder gutmachen will. Aber er steckt voller Hochmut. Er denkt nach wie vor: Bloß 'ne Tänzerin. Bald danach klopft man wieder an Esthers Tür. Ein ganz junger Mensch von sechzehn, siebzehn Jahren. Er verbeugt sich so tief, daß ihm, die blonden, aufgerichteten Knabenhaare vorn überfallen. Er wäre Horst-Emanuel Pattendorff. Und das gnädige Fräulein wolle die Blumen freundlich entgegennehmen. Und da dies auch. Er reicht verlegen einen Briefumschlag hin. Ein Gedicht, denkt Esther. Schließlich ist er nicht ihr erster siebzehnjähriger Verehrer. „Nehmen Sie Platz, Herr Horst-Emanuel! Wie nett: Horst- Emanuel Pattendorsf. Fehlt bloß das ,von'." O, es habe schon einmal einen adligen Pattendorsf gegeben. Seinem Großvater sei mit einem hohen Orden der persönliche Adel verliehen gewesen. Oberkirchenrat Dr. Simon v. Pattendorff. Was übrigens ihn - - Horst-Emanuel — beträfe, er pfeife auf dergleichen. Er wäre für Freiheit, Gleichheit und so. Er verstehe gar nicht, wie man — zum Beispiel — konservativ gerichtet sein könne. Es müsse doch vorwärts gehen in der Welt, nicht wahr? Auch das Pennal sei auf durchaus unfreiheitlicher Basis aufgebaut ... Er wird verlegen. Er hat doch nicht von der Penne reden wollen, damit sie ihn mindestens für einen Studenten nähme. „Sie besuchen das Gymnasium?" „Ja, aber gleichzeitig studiere ich bei . . " — er nennt den Namen eines bekannten Mimen - - „ich will nämlich Schauspieler werden." „So, so, Schauspieler, und die Eltern?" fragt Esther. Fügt jedoch rasch, sich der kleinen Indiskretion bewußt werdend, hinzu: „Uebrigens Sie wissen, vor einer halben Stunde war Ihr Bruder hier?" „Ja," erwidert der Knabe, „auch ich bin gekommen, Ihnen mein Bedauern auszudrücken. Sie werden cs lesen." Und er deutet auf das Kuvert, das sie noch in der Hand hält. „Gott ja. mein Bruder," fährt er dann fort, „wissen Sie mein Bruder, er ist — ein Bürger. Wir sind sehr verschieden, wir zwei." „So?" „In wissen Sie, er ist Hochschullehrer, und war überhaupt schon im me? Primus und so". „Und Sie, Herr Horst-Emanuel?" „Nein ich - ich habe andere Leidenschaften." Geht es auf die Schauspielkunst oder auf mich? denkt Esther. Und erfreut sich an dem Knaben. Und auch noch eine lange Weile, nachdem er gegangen. Ein zweites Mal macht der ältere Pattendorsf Esther seine Aufwartung. Das ist eine schlimme Geschichte: Horst-Emanuel ist im „Körbchen" gesehen worden. In der vordersten Reihe. Gewissermaßen zu Füßen der Tänzerin. Er hatte alle Vorsicht außer acht gelassen. Wer hätte schließlich auch.ahnen können, daß einer dieser „Proleten" von der Schule sich ins „Körbchen" verirrte! Die gcheimrätliche alte Dame sieht schon das Lonsilium abeundi über ihren Jungen verhängt. Eine Schande, die sie gewiß ist nicht zu überleben. Horst-Emanuel hat im hochpvinlichen Verhör nicht bloß den nächtlichen Ausflug zugegeben, sondern auch erklärt, daß er bei der Tänzerin „verkehre". Nun kommt der ältere Bruder zu hören, was Renommisterei wäre und wie sich die Sache verhielte. „Das ist ein herziger Junge", meinte Esther und erzählt.

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