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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-14 · Heft 20 (14.5.1920) · p. Seite 225

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 20 (14.5.1920)
Date
1920-05-14
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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Es ist gewiß nicht ein bloßer Zufall, daß erst im dritten Buche Moses, Kapitel 11, Vers 44 und 45, der Herr sich selbst „kadosch" — EFHp — nennt und wenige Seiten vorher mit den Worten „bikrauwaj ekodefch" EHpx '2l"lpD — fordert, als „kadosch" anerkannt und verehrt zu werden. Weder den Erzvätern offenbart er sich in dieser Eigenschaft, noch findet dieses Epitheton hinsichtlich Gottes bei der Offenbarung am Sinai Erwähnung. Es muß wohl angenommen werden, daß erst nach diesem großen Ereignis das Volk diejenige Reife erlangt hatte, die erforderlich war, um Gott wahrhaft in seiner Größe und Erhabenheit zu erkennen, ihn in seiner Eigenschaft als „kadosch" — „Heiliger" .gebührend zu erfassen. Der Vorwurf, den Gott Mose und Aron machte, daß sie es unterlassen hatten, ihn bei den Haderwassern vor den Augen des Volkes zu „heiligen", gibt gewissermaßen hierfür eine Erklärung. Der Herr rechnete es ihnen als eine schwere, durch nichts zu sühnende Unterlassungssünde an, daß sie die sich ihnen darbietende Gelegenheit, das immer wankelmütiger gewordene Volk, dessen Vertrauen zu Gott und dessen Glauben an ihn noch in geringem Maße gefestigt waren, durch neue Beweise seiner unbegreiflichen Allmacht, Allwcisheit und Allgüte zur Ueberzeugung von der Heiligkeit seines göttlichen Wohltäters zu führen und die Erkenntnis bei den Wankelmütigen zu begründen, daß der Herr allein in göttliche Weihe gehüllt fei, die zu zerstören ein sträfliches Unterfangen wäre, nicht benutzten. Gott nennt aber auch sein Volk Israel (5. Buch Moses 14, 2) ein „Am kadosch" - „tPHp DJ?" - - „ein heiliges Volk". - Hier hat das Wort „kadosch" offenbar eine ganz andere Bedeutung. Denn sobald es auf Wesen und Gegenstände außer Gott Anwendung findet, muß ihm ein ganz anderer Sinn beigemessen werden. Den schlagendsten Beweis hierfür liefert die Tatsache, daß wir für das Wort „kadosch", auf Gott angewandt, vergebens in der Schrift nach einem gegenteiligen Begriff suchen, während wir für dasselbe Wort, nltf Gegenstände außer Gott angewandt, mehrere solche gegenteilige Begriffe antreffen, wie später gezeigt werden soll. Es liegt diese Tatsache in der Natur der Sache begründet, da wir das ewige, höchstvollkommene und unveränderliche Wesen, dem Zustande der -Heiligkeit entrückt, uns niemals vorstellen können und sollen. Eine solche Vorstellung wäre sündhaft, weil Blasphemie. Die Schrift konnte daher für eine nicht vorhandene Vorstellung einen Begriff nicht darbieten. Diejenige Stufe der Vollkommenheit aber, die wir bei Gott antreffen, vermag kein sterbliches Wesen zu erklimmen. Dieses kann lediglich danach streben, Gott, als seinem Ideale, ähnlich, nicht gleich, zu werden, d. h. alle göttlichen Tugenden in dem Maße sich zu eigen zu machen, als sie dem schwachen Staubgeborenen eben erreichbar sind, und zwar auf dem Wege der sogenannten „Heiligung", indem es all fein Fühlen und Denken, fein Wirken und Schaffen, sein körperliches und geistiges „Ich!" höchsten, göttlichen Zwecken widmet. Der Begriff der Heiligkeit bezüglich Gottes wird daher unter allen Umständen ganz andere Momente in sich schließen als derjenige hinsichtlich an sich unvollkommener Wesen, wenn bei solchen von wahrer „Heiligkeit" überhaupt die Rede sein kann. Gott ist hoch erhaben über all diejenigen Einwirkungen, die ihn je dem Zustande der Heiligkeit entrücken. Der Mensch aber kann von der dem schwachen Staubgeborenen erreichbaren Stufe der Vollkommenheit durch mannigfache Einwirkungen jäh herabsinken. Der glühende Eifer kann erkalten, die Kräfte können erlahmen, bisher niedergedrückte Leidenschaften Plötzlich emporlodern, die dem Fühlen und Denken eine andere Richtung geben, das Wirken und Streben in andere Bahnen leiten, wodurch sich die Weihe der Lauterkeit und Reinheit verflüchtigt. — Gott ist die wahre Heiligkeit, da er heilig war, ist und bleibt, von Ewigkeit bis in Ewigkeit! — Des Menschen sogenannte Heiligkeit aber ist lediglich eine „Weihe", die den Grundstein der eigentlichen „Heiligung" bildet, welch letztere sich erst durch die unbedingte Unterwerfung unter den Willen des Allheiligen, speziell in der Enthaltsamkeit, nach den verschiedensten Richtungen hin manifestieren soll. Wenn demnach der Herr fein Volk „kadosch" nennt, so will er es gewiß nicht ans gleiche Stufe mit sich selbst stellen, sondern durch diese Bezeichnung bekunden, daß er es vor allen anderen Völkern auserwählt und hohen Zwecken „geweiht" hat. Um diese hohen Zwecke erreichen zu können, hat er ihm gewisse Fesseln auferlegt, mit deren Abschütteln es sich dieser Weihe begeben und somit aushören würde, ein »JJ?Hp DJ?“/ ein „h eiliges Volk" zu sem. Wir bringen dies auch in unserem Festgebete zum Ausdrucke, indem wir vor Gott bekennen: . . . B'DI?,"I Sdb 12mm nnx “JTnjfDD 12W7pl „D u hast uns auserwählt von allen Völkern . . . und hast uns geheiligt (geweiht) durch deine Gebote." Und wie das ganze Votk durch Gott geweiht werden kann, der höchsten Stufe „menschlicher Heiligkeit" durch Erfüllung gewisser Bedingungen zuzustreben, so kann auch ein Einzelwesen ans eigenem, innerstem Herzensdrange sich diese Weihe zueignen, indem es nach Ueberwindung aller menschlichen Schwächen und Leidenschaften seinen ganzen Lebenszweck in dem Nachftreben nach dem göttlichen Ideale erblickt und seinen mannigfaltigen Trieben, deren Auskeimen kein Sterblicher zu verhindern vermag, die engsten Fesseln anlegt. Einen solchen Sterblichen hat man im Lause späterer Zeiten einen „Wjp“— „Kadosch" genannt, eine Bezeichnung, die in diesem Sinne der Bibel ganz fremd ist und deren deutsche Uebertragung „Heiliger" ihren eigentlichen Ursprung in der christlichen, speziell katholischen Kirche hat'). Namentlich war die Bezeichnung „Kadosch", die die höchste Verehrung ausdrücken soll, in späteren Jahrhunderten, insbesondere im Mittelalter, für diejenigen typisch, welche zur Krönung ihres Strebens ein Martyrium auf sich nähmen und ihr Blut um des Glaubens > willen Hingaben, ihren sterblichen Teil der Verherrlichung des Ewig-Einzigen weihten. Der „Kadosch" ist von dem in der Bibel genannten *yi2 „N asir" -- (4. Buch Moses, Kap. 6) wohl zu unterscheiden. Wahrend dieser seine Lebensweise nach bestimmten Vorschriften für eine von ihm selbst sestzusetzende Frist einzurichten hatte, lag die Lebensweife des „Kadosch" in seinem eigenen Ermessen. — Das Wort „kadosch" schließt aber nicht minder den Begriff der „einfachen, äußerlichen Weihe" in sich, und zwar sobald es auf Kultuszwecken dienstbare Personen und Gegenstände zur Zeit des Tempelbestandes Anwendung findet. Daß wesentlich unterscheidende Merkmale zwischen demjenigen Epitheton „kadosch", das Gott seinem Volke Israel beilegt, und demjenigen, welches hier Anwendung findet, vorhanden find, tritt am klarsten in der Erzählung Kvrahs zutage. Wenn einerseits Korah zunächst betont, daß „die ganze Gemeinde „kadosch" und in ihrer Mitte der Herr sei," anderseits ihm Moses erwidert, daß „morgen der Herr bekanntgeben werde, wer „kadosch" sei, daß er ihm nahe- ') Das Judentum kennt keine „selbstmörderische Askese", keine „das Fleisch tötende" Sclbstpeinigung. Näheres siehe L. Philipps o n, „Die israelitische Religionslehre", 3. Teil, S. 3. Ferner I. Herzbcrg, „Mein Judentum", S. 17 und 25.

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