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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-14 · Heft 20 (14.5.1920) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 20 (14.5.1920)
Date
1920-05-14
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
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sein. Dagegen brachten die klerikalen Gruppen die gefährlichsten Judenfeinde durch, so Daß Parlament und Senat die häßlichsten Judendebatten, wie im alten Oesterreich, nicht erspart bleiben werden. Ob aber die aus Grund des deutschliberalen oder sozialistischen Programms gewählten Abgeordneten mosaischer Konfession solchen Helden von Ritualmordanklagen werden Rede und Antwort stehen können, ist sehr fraglich. Denn hierzu sind Männer des Wissens geeignet, welche über die nötigen Waffen des Geistes und der Forschung verfügen, um im Ernstfälle dem Ankläger entgegentreten zu können. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus! Die antisemitischen tschechischen Parteien benützten selbst die den Wahlen vorangegangene Agitation dazu, um den unzähmbaren Judenhaß zu predigen. Ihre Sendboten trugen in den öffentlichen Versammlungen die giftigsten Beschuldigungen gegen Juden und Judentum vor und zeitigten für den Augenblick offensichtliche Erfolge. Ein Beispiel statt vieler möge es beleuchten. In unserem Städtchen Dobri s ch, wo von jeher Juden und Christen im besten Einvernehmen lebten (bieten doch die jüdischen Bürger als Handschühfaktoren der arbeitenden Bevölkerung die besten Verdienstmöglrchkeiten), erschien eines kalten Tages ein antisemitischer Agitator, um hier den Judenhaß einzubürgern. Im vollversammelten großen Sokolsaal trug er all jene Lügen vor, welche von A p i o n bis auf Rohling, unsel. A., verzeichnet wurden und welche der eben neugewählte Abgeordnete Myslivec aus Ehamberlain (dem wütigsten Slawenseind!) u. a. sammelte und in tschechischer Sprache veröffentlichte. Auch die Blutanklage von Damaskus (1740) erfuhr dabei eine derartige Darstellung, - daß selbst intelligente Zuhörer (Schullehrer, Beamte usw.) erklärten, sie sei überzeugend gewesen. Da veröffentlichte Schreiber dieser Zeilen im hiesigen tschechischen Gemeindeorgan (Nr. 4 vom 24. Januar 1920) einen längeren Aufsatz, der eine in gedrängter Kürze abgesaßte Darstellung der Blutbeschuldigung enthält, welche in den ersten Jahrhunderten Heiden gegen Christen, dann christliche Sekten gegeneinander und, vom elften Jahrhundrt angefangen, gegen Juden schleuderten. Eine genaue Schilderung der Vorgänge beim Damaskusfall beschloß den Artikel. Die Bevölkerung erfuhr die Wahrheit, und die Wirkung zeigte sich bei den letzten Wahlen. Daß also die neugewählten gesetzgebenden Körperschaften Prags wohl gefährliche Judenfeinde, aber keinen ernsten Mann des Wissens in ihrer Mitte zählen, um etwaigen feindseligen Angriffen dieISpitze zu bieten, wird öfters als fühlbarer Mangel erscheinen. Die bisher gewählten jüdischen Abgeordneten werden dieser Aufgabe beim besten Willen sich kaum gewachsen zeigen. Dabei beteiligten sich jüdische Kapitalisten auch an der Beschaffung der immensen Wahlfonds. Wenn man bedenkt, welche Kosten die Wahlen verursachten, wieviel Papier und Druckerschwärze da vergeudet wurde, um die Wähler einzufangen, da muß man sich über den Niedergang der menschlichen Psyche nur wundern. Gute wissenschaftliche oder belehrende Werke können aus Mangel an Papier oder infolge der enormen Druckspesen nicht erscheinen. Aber für Plakate und Schriften, wo die Parteien sich einander beschimpfen, dafür widmen Parteien, Banken und Begüterte die größten Summen. Das Wort des Propheten bewahrheitet sich: „Der Gelehrte ist an jenem Tage zum Schweigen verurteilt, denn es ist eine schlechte Zeit." (Jes. 15, 5.) Ethische Ideen und ethische Werke finden keine Förderung, wohl aber — Plakate und Broschüren des Hasses und der Zwietracht! Wann wird die Menschheit endlich von diesem Wahn erwachen? — Skr Begriff „badolch und seine Grgrnksyr. Bon .J. He r zb e rg (Bromberg) a d o s ch!" — „tpVip!" - Scheu und Ehrfurcht ergreifen uns, wenn wir Dieses Wort, feiner erhabenen Bedeutung innewerdend, über unsere Lippen bringen, denn wir wollen mit ihm die höchste Eigenschaft des großen, allmächtigen Weltschöpfers und Vaters aller Lebewesen zum Ausdruck bringen, wollen in Demut und Verehrung bekunden. Daß Gott, unverletzlich und durch keinerlei Fehl und Makel getrübt, sich uns in höchster sittlicher Vollendung als sittlich vollkommenes Wesen darstellt, das von Ewigkeit bis in Ewigkeit in dieser Vollendung verharrt* 2). Der deutsche Sprachschatz bietet uns ein Wort, das das Wort „kadosch" in seiner hohen Bedeutung annähernd wiedergibt, mit dem es sich jedoch nicht vollkommen deckt, es lautet: „h e i l i g"2). Dieser Deutsche Begriff „heilig" ist in seiner Bedeutung und Anwendung viel umfassender als der hebräische Begriff „kadosch". Dieser schließt Momente in sich, die jenem unter Umständen, je nach seiner Anwendung, fehlen können. Nicht alles ist schon „kadosch", was dir „heilig" ist. Auch kann d i r etwas „heilig" sein, was deinem Nächsten als mit keinen besonderen Vorzügen behaftet erscheint, Das ihm gleichgültig ist. Ein geliebtes Wesen nennst du dein, zu dem du voll Verehrung aufblickst, dieweil es dir als die personifizierte Liebe, Milde und Güte, als das Muster und Vorbild eines Frommen, als der Inbegriff aller menschlichen Tugenden gilt. es ist dir ein „Heiliger" —, aber auch anderen? - Der traute Raum, in welchem ein Geliebter deines Herzens gelebt und geliebt, gelitten und gekämpft und in welchem er dann den letzten Seufzer verhauchen ließ, um einem besseren Jenseits zuzustreben - - er ist d i r „heilig" -, aber ist er auch „kadosch,"? Nein! — Der Ring, den du dem geliebten Sterbenden, der von Todeszucküngen schon erfaßt ist, vom bleichen, hageren Finger abgestreift, — d u nennst ihn „heilig", und er bleibt es für dich, solange Dein Herz schlägt. Ist dieses Kleinod auch „kadosch"? Gewiß nicht! Denn nur für D i ch hat er diesen idealen, höheren Wert! Was aber „kadosch" ist, soll und muß allen „heilig" sein! — Gott allein ist k a d o s ch in des Wortes ureigenster Bedeutung. Da wir nun einmal keinen anderen, diesem hebräischen Begriffe vollkommen entsprechenden deutschen Begriff besitzen, so nennen wir auch chn „heilig". Wahrhaft „kadosch", „heilig" kann nur Gott als Das ewige, unveränderliche und reingvistige Wesen genannt werden, entsprechend der triplierten Bezeichnung Der göttlichen Heiligkeit, wie es seitens des Propheten Jesaja (Kapitel 6, Vers 3) geschieht, dessen „dreimalheilig" in unser Gebet übergegangen ist2). Er nur vermag e w i g in dem Zustande der dreifachen Heiligkeit zu verharren. Wenn die Schrift an vielen Stellen Gott „kadosch" nennt, so will sie gerade auf diesen permanenten Zustand seiner Heiligkeit hindeuten. ') Liehe Hamburger: Realenzyklopüdie, Teil I, Artikel „Heiligkeit Gottes". 2) Die Stammsilbe „heil" bedeutet nichts anderes als den unverletzten, noch vollkommenen Urzustand einer Sache. 2) Bekanntlich sprechen wir beim öffentlichen Gottesdienste in der Kcduscha das Bekenntnis aus: „Kvdausch, kodausch, kodausch adaunoj z'woaus, m'lau chol hoorez k'waudau!" „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit!"

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