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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-14 · Heft 20 (14.5.1920) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 20 (14.5.1920)
Date
1920-05-14
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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wjjfc H e Ijt> auf bei^20.^2^ Aspnl eine Versammlung mach Nürnberg einberufen) ßaißi lEcher zahlreiche ' Gemeindevertretungen, auch ausrhenr,besetzten Gebiete der Pfalz, 16 Rabbiner der verschiedenstes'FäÄnngi mehrere Abgeordnete des Lehrervereins und anderer Vereinigungen, darunter eine Anzahl von Damen, im ganzem 200 bis 300 Personen, teilnahmen, und diese imposante Versammlung hat unter äußerst geschickter, vornehmer und doch energischer Leitung durch einstimmigen Beschluß einen Verband der bayerisch-israelitischen Gemeinden ins Dasein gerufen und diesem zugleich eine von Herrn Oberlandesgevichtsrat Dr. Alfred N e u mehe r ausgeavbeitete und von demselben mit selten diplomatischer Gewandtheit vertretene (vorläufige) Verfassung gegeben, deren Grundlinien folgendermaßen lauten: Der Verband hat die Aufgabe, unter Wahrung der Selbstbestimmung der Gemeinden die bayerischen Juden zur Pflege ihrer religiösen Interessen zusammenzufassen. Er vertritt die Gemeinden nach außen gegenüber Staat und Oeffentlichkeit. Ihm obliegt insbesondere: 1. die Förderung allgemein-religiöser und religiös-sozialer Angelegenheiten sowie die Unterhaltung von Einrichtungen und Anstalten, die solchen Zwecken dienen, namentlich der herkömmlichen Einrichtungen der Gemeinden; 2. die Bereitstellung von Mitteln für nicht genügend leistungsfähige Mitgliedsgemeindeu. Die Bewilligung von solchen Mitteln darf nicht von der religiösen Richtung abhängig gemacht werden; 3. die Fürsorge für Rabbiner, Lehrer, Kantoren und Beamte der Verbandsgemeinden; 4. die Beratung der Gemeinden in Angelegenheiten der Verwaltung und Schlichtung von Meinungsverschiedenheiten; 5. die Vertretung der Gemeinden bei den Verhandlungen mit der Staatsregierung, die sich aus der Veränderung des Verhältnisses der Religionsgesellschaften zum Staate ergeben. Die Selbstverwaltung der Gemeinden ist unbeschränkt, soweit die Zuständigkeit des Verbandes nicht ausdrücklich festgesetzt ist. Insbesondere wird die selbständige Ordnung der Angelegenheiten des Kultus, Ritus und Unterrichts von seiten der Gemeinden und ihrer z u st ä n d i g e n R a b b i n a t e durch die Zugehörigkeit zum Verbände nicht berührt. Die Organe des Verbandes sind: 1. die Tagung, die aus 32 Abgeordneten der Gemeinden bestehen soll; 2. der weitere Rat, der aus 20 Gemeindevertretern, darunter 3 Rabbinern und 2 Lehrern, bestehen soll und dem die Leitung des Verbandes obliegt, und 3. der engere Rat, der aus 7 Personen bestehen soll und die gefaßten Beschlüsse diirchzuführen hat. Gesonderte Ausschüsse für Kultus und Unterricht je nach der religiösen Richtung sind vorgesehen, die abweichende Anschauung einer religiösen Minderheit ist bei Vertretung von Verbandsangelegenheiten durch diese Minderheit gesondert darzulegen. Ter Verband hat ein Besteuerungsrecht gegenüber den Angehörigen der in ihm vereinigten Gemeinden. - - So dürfen wir den« mit Genugtuung behaupten: der 21. April, an welchem die bayerische Judenheit als erste im Reiche in ernster Zeit auf neuer Grundlage der Freiheit den hohen Bau ihrer Einheit aufgerichtet hat, wird ein Gedenktag von unvergänglicher Bedeutung sein und den Teilnehmern unvergeßlich bleiben. Den Höhepunkt erreichte die bei den Verhandlungen oft hochwogende Stimmung in dem Augenblicke, in welchem sogar die Vertreter der sogenannten Trennungsorthodoxie nach Gewährleistung der von ihnen gewünschten Sicherungen für ihre Besonderheit ihre Hand mit der ihnen entgegengestreckten Hand der Vertreter der entgegengesetzten Richtung vereinigten zu der Erklärung: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern! Diese feierliche Kundgebung bedeutete den einheitlichen Willen zum Judentum. Auf die bange Frage eines vorzeitlichen Sehers: „Wie soll Israel bestehen bleiben können, da es doch so klein ist"? haben die Geschlechter der Vergangenheit mit ihrer unvergleichlichen Gesinnungstreue und Beharrlichkeit die Antwort gegeben. Die neue Zeit, die wir erleben, hat unter völlig veränderten Verhältnissen an das Geschlecht der Gegenwart dieselbe Zukunftfrage gerichtet und auf diese haben die bayerischen Israeliten am 21. April einmütig die tröstliche und erfreuliche Antwort gegeben. Möge sie beispielgebend fortwirken auf weitere Kreise! A. Eckstein. Astjonsloerlammlmig und Senat der Tlchrchollowalm. Bon Dr. I. Eisen borg (Döbvisch b. Prag) ie Bevölkerung der jungen böhmischen Republik begrüßt mtw ihre an den beiden letzten Sonntagen g e w ä h l t e National- oder richtiger Nationalitätenversammlung und ihren Senat. Mit dem Stimmzettel in der Hand gab sie ihren Willen kund, daß nur regelrecht gewählte Körperschaften ihr Gesetze geben und ihre Lebensmöglichkeiten erleichtern sollen. Das sogenannte frühere Revolutionsparlament, das über anderthalb Jahre Gesetze fabrizierte, konnte sich der Gunst der breiten Volksmassen nicht erfreuen. Vereinigte es doch lediglich ernannte Mitglieder, nach Parteien gegliedert, ohne Hält und Stütze im Volk selbst. Nun treten ein Ober- und ein Unterhaus zusammen, die ein Abbild des Volkswillens darstellen und allgemeines Vertrauen genießen. Nun schenkten die breitesten Volksschichten aller Nationen ihr Vertrauen den Männern mit sozialistischer Tendenz und wandten sich von den nationalen Hitzköpfen ab. Diese sowie auch die Klerikalen und agrarischen Gruppen, die die nötigsten Lebensbedürfnisse der Volksmassen ihren nationalen Allüren opferten, konnten zwar beträchtliche, aber doch keine inS Gewicht fallenden Erfolge erzielen. Dabei entwickelten sie eine beispiellose Propagandatätigkeit, welche Unsummen verschlang. Die sozialdemokratischen Führer, welche die Psyche der großen Volksmassen besser verstehen als alle übrigen Parteigrößen, haben aber auch ein großes Stück Erziehungsarbeit vollbracht. In jeder größeren Bezirksstadt prangt ein mit allem Komfort ausgestattetes Volks- Heim, wo. die Arbeiter der Umgebung jeweilig belehrende Vorträge, aufklärende politische Reden, diverse Rechtsbelehrungen usw. usw. unentgeltlich erhalten und wo ihnen bessere uqp zeitgemäße Löhne usw. erwirkt werden. Ist es dann ein Wunder, daß die Bataillone des Handwerks, welche ehemals zu den Schutztruppen der nationalen Parteien gehörten, nun die Ideen des Marx und Lassalle mit einer Gier verschlingen? - Ist es dann ein Wunder, daß dieselben Menschen, welche ehemals ihre jüdischen Mitbürger nach Palästina sandten (vgl. Brief aus Böhmen, „Allgemeine Zeitung des Judentums" Nr. 51, Jahrg. 1918), sich nun als Gegner des Nationalismus, Klerikalismus und Kapitalismus bekennen? Sie sind müde der unfruchtbaren und zerstörenden Sprachen- und Nationalitätenkämpfe und verlangen produktive positive Arbeit zum Wöhle der Gesamtheit. Die Kandidatenlisten der sozialistischen Parteien für die Nationalversammlung und den Senat weisen auch Namen von jüdischen Führern auf, von denen manche auch gewählt wurden. Einen unverzeihlichen Fehler beging die jüdisch-nationale Gruppe, daß sie sich nicht mit den liberalen oder sozialistischen Parteien zu einem Schutz- und Trutzbündnis zusammengeschlossen hatte. Sie zog es vor, lieber selbständig aufzutreten, und vermochte in keinem Wahlkreis die erforderliche Wählzahl zu erreichen. Sie wird also in beiden Kammern nicht vertreten

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