Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1920)
- Date
- 1920-05-14
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
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der Serben, Kroaten und Slowenen rund 100 000 Juden; ihr Anteil > an der Gesamtbevölkerung, die zwischen 12 und 14 Millionen schwankt, beträgt also 0,7 bis 0,8 v. H. Aber nicht nur ihre Zahl, sondern auch ihre Herkunft, Geschichte und Rolle ist in den verschiedenen Gebieten des jungen Staates nicht die gleiche. Als Jsabella die Katholische die Juden aus Spanien austrieb, fanden ihrer viele wie in der Levante so in Serbien und Bosnien unter dem Halbmond Schutz und Wohnsitze. Bei den serbischen Befreiungskämpfen zu Beginn des 19. Jahrhunderts leisteten sie durch Beschaffung von Kriegsgerät und Lebensmitteln aus Oesterreich gute Dienste, und oft und nicht umsonst appellierte Fürst Milosch in den folgenden Jahrzehnten an den Patriotismus der vermögenden jüdischen Familien. Nach Rechten und Wichten unterschieden sich die serbischen Juden nicht von den anderen Landesbewohnern, denn wenn einem, so fehlte dem Serben, der eben noch als verachtete und geduldete Raja unter dem türkischen Herrenvolk gelebt hatte, die Lust, auf Träger anderen Glaubens und' anderer Wesenheit überheblich herabzusehen. Aber aus politisch-wirtschaftlichen Gründen, um bei der griechilch^katholi.sichelrKau'smannschast eine Stütze zu finden, beschränkte nach dem Dynastiewechsel von 1842 Alexander Katadjordjewitsch das Aufenthalts- und Besitzrecht der Juden auf Belgrad, und derselbe Handelsneid zwang 1861 die zurückgekehrten Obrenowitsch, wider,Millen diese Einschränkung der Freizügigkeit beizubehalten. Politische Rechte aber blieben den Juden; j sie waren Wähler und wählbar; unter den acht Belgrader Abgeordneten der großen Skupschtina befand sich auch ein Jude. Ta der Berliner j Kongreß 1878 dem Fürstentum Serbien die bürgerliche Gleichstellung j aller Bekenntnisse auferlegte, sind seitdem die allerdings dünn ge-! säten Juden, deren die Statistik 1910 insgesamt 5997, davon in Belgrad 4192 aufführt, nicht nur auf dem Papier, sondern in der Tat Serben unter Serben und zum größten Teil vollkommen nationalisiert. Einem demokratischen Staat dienen sie als Beamte und Offiziere, und 1912 wurde der Belgrader Kaufmann Moses Abraham, der als Soldat hu 7. Jnsanterieregiment in einem entscheidenden Augenblick der Schlacht von Kumanowv mit der Fahne in der Hand „nach vorne ausriß" und so die fliehenden Kameraden zum Stehen und zu neuem erfolgreichen Angriff brachte, viel gefeiert, nicht obwohl und nicht weil er Jude war, sondern lediglich weil er sich als tapferer serbischer Kämpfer erwiesen hatte. , Während die slowenischen Landesteile kaum tausend Juden umfassen, beherbergt Kroatien und Slawonien nach der Statistik von 1910 ihrer 21 231, die zumeist aus Oesterreich oder Ungarn zugew.audert find und sich bis heute der deutschen Umgangs- und Geschästssprache bedienen; eine Stadt wie Ostjek (Esseg) erhält durch den starken jüdischen Einschlag ihrer Bevölkerung eine wesentlich deutsche Färbung und selbst Agram erscheint dank seiner vor dem Kr i/ge 5000 Köpfe zahlenden Judenschaft nicht als in der Wolle gefärbt kroatisch. Schon weil sie mit ihren Handelsbeziehungen vielfältig nach Wien und Budapest neigten, nähmen diese Juden im allgemeinen wenig inneren Anteil an dem nationalen Befreiungskanrpf des Kroatentums,-weiin ihr Verhältnis zu den Kroaten auch keineswegs dem der deutschen Juden zu den Polen in der Provinz Posen entsprach. Zum Teil freilich assitnilierten sie sich vor dem Kriege schon; Tr. Joseph Frank, der im politischen Leben Kroatiens eine große Rolle spielte, ging aus einem jüdischen Hause hervor, und neuerdings ist auch die „Südslawisierung" jüdisch-deutscher Namen in Schwang gekommen; die Sonnenschein werden zu Suntschitsch, die Herrenstein, Freudenstein, Wetterstein zu Kamenitsch, und viel Heiterkeit weckte die Verwandlung eines Herrn Hochsinger in einen Herrn Sopranitsch. Aber da in einem halbfeudalen Staate, wie es das /habsburgische Kroatien immer war, der jüdischen Bevölkerung der Handel fast als einziges Betätigungsfeld offen stand, ist es den Elementen, die sich von einer frisch-fromm-fröhlichen Judenhatz für ihre nicht gerade sortschrittsfreundlichen politischen Pläne allerhand versprechen, ein leichtes, die Juden mit der Schuld für alle Lebensmittelschiebungen und Wuchergeschäfte, für das ganze wirtschaftliche Elend des Landes zu belasten, obwohl auch in Südslawien ganz andere Kreise von der allgemeinen Fäulnis nicht minder angefresien sind. Die Partei, die den Wiener Christlich-Sozialen wie aus dem Gesicht geschnitten ist, die Kroatische Volks-Partei" (Hrvatska pucka stranka) macht seit einiger Zeit ganz nach österreichischem oder deutschem Muster kräftig in Antisemitismus. Die Blätter dieser Partei, die, an sich schwach und wenig bedeutend, durch Anlehnung an die gleich geartete „Slowenische Bolkspartei" Kräfte gewinnt, haben das Schlagwort Judoslawien aufgebracht, stellen „das von Wohlleben, Behaglichkeit, Luxus und Champagner trunkene Judoslawien" dem „hungrigen, armseligen, geschundenen und aus,gebeuteten Jugoslawien" gegenüber, klagen die „jüdischen Blutsauger am Mark des Volks" pathetisch an und warnen vor dem Schicksal Ungarns, das nach ihrer Darstellung durch jüdischen Einfluß — Juda-pest! — zugrunde gegangen ist. Bon diesem grvbzöttigen Antisemitismus indessen droht um so weniger Gefahr, als in ganz Südslawien und zumal in Serbien zur Entfaltung einer auf den: Glaubens- und Rassengegensatz aufgebauten Judenfeindschast der rechte Boden fehlt; als vor einigen Monden in Belgrad.das Haus der neugebildeten „Israelitischen Nationalgesellschaft" in Anwesenheit amtlicher Vertreter des Kultusministeriums eingeweiht wurde, warnten die Blätter in wohlwollenden Artikeln ausdrücklich vor antisemitischen Anwandlungen. Aber die Gründung des südslawischen Staates hat, obwohl Serben, Kroaten und Slowenen ein Volk sind, breite Massen für die Nationaleinheit ganz unvorbereitet angetrofseu. In der Belgrader „Politika" wies vor kurzem erst der angesehene Historiker Stanoje Stanojewitsch auf die für Leben und Entwicklung des Ganzen so gefährliche Tatsache hin, „das; eine große Menge unserer Mitbürger in den befreiten Gebieten diesen unseren gemeinsamen Staat nicht liebt und ihm gegenüber keinerlei Neigung und keinerlei Pflichtgefühl verspürt", womit keineswegs gesagt ist, daß diese Lauen sich nach den habsburgischen Wappenschildern zurücksehnen, sondern einfach, daß ihnen vertieftes Staatsbewußtsein abgeht. Zu diesen Schichten, die den neuen Staat zwar nicht rundheraus verneinen, aber auch nicht entschieden bejahen, sondern mit einem Achselzucken auf ihn antworten, gehören vielfach, im Gefühl überlegener deutscher Erziehung und Bildung oder aus anderen Gründen, die Juden, und hier liegt die eigentliche Gefahr für sie, denn mit solcher Haltung müssen sie sich gerade den zukunftsfreudigsten und fortschrittsfreundlichsten Teil des Südslawentums entfremden und ihre Stellung im Staate so erschweren, wie es weder ihm noch ihnen förderlich ist. Ausweisung von Ostjuderikaus Paris. Zahlreiche Ostjuden befinden sich jetzt in Paris, die sich nach Amerika, England oder Palästina begeben und sich nur vorübergehend in Paris aushalten. Andere möchten in Paris bleiben und von ihrer Arbeit leben. Diese den Pogromen entgangenen, überall verdrängten und überall beschimpften Juden hatten geglaubt, im republikanischen Frankreich endlich ein Asyl zu finden. Indessen. ergreifen, die französischen Behörden Ausweisungsmaßregeln en raasse. Mehr als tausend Juden sind schon ausgewiesen worben. Die jüdischen Organisationen in Paris haben für diese Unglücklichen Asyle, Kantinen, Werkstätten, Krankensäle und Stellenvermittlungsbureaus errichtet. Sie haben sich an die Negierung gewender, an ihrem Placierungs- und Hilsswerk mitzuwirken und jede ^tusweisung für zirka 20 Tage zu suspendieren. / Die Liga für Menschenrechte hat wieder einmal zugunsten der Juden interveniert und sich an den Minister des Innern gewendet und verlangt, das demokratische und humane Frankreich nicht in der Erinnerung eines bedrückten und unglücklichen Volkes! zu deshonorieven. - .1. P. Z. * Maffenarrswanderung polnischer Inden nach Amerika. Wie der Warschauer Korrespondent der „Times" berichtet, hat eine Maffenauswanderung der Juden aus Polen, hauptsächlich nach Amerika, eingesetzt. Der Hof des amerikanischen Konsulats in Warschau sei ständig voll von Juden der unteren Klaffen, und zwar Männern, Frauen und Kindern, die um Pässe nach den Vereinigten Staaten nachsuchen. Bis jetzt hätten schon etwa 100 000 Personen Pässe erhalten und erwarteten die Abreise. Anderseits bestehe unter den Polen in Amerika eine starke Neigung, nach ihrem Heimatland zurückzukehreu. Von den etwa drei Millionen Polen in Amerika bemühten sich etwa zehn Prozent um die Rückreise. In Danzig würden in Kürze mehrere Dampfer erwartet; die polnische Regierung sei aber bestrebt, die Bewegung aufzuhalten, bis die wirtschaftliche Wiederbelebung des Landes weiter vorgeschritten sei und die Einwanderer ohne Schwierigkeit ausgenommen werden könnten. *