Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1920)
- Date
- 1920-05-14
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Und dem ist so. Danach kann sich aber auch bve Deutsche Volks- Partei dem antisemitischen Geiste ihrer Nachbarin nicht entziehen. Das ahnen auch die Erfahrenen, die dem Antisemrtismus dort entfliehen wollten und bei der Deutschen Volkspartei' Unterschlupf suchten. So besteht also wenig Aussicht, den Wahlkamps von jenem Gifte zu befreien, das schon das letzte Mal verheerend wirkte, diesmal aber noch stärker in Erscheinung treten wird. Wenn man auch versucht hat, in die Neiden der Linken durch die antisemitische Agitation Bresche zu legen, so glauben wir nicht, daß das Erfolg haben wird. Nur die Enge eines Politischen und wirtschaftlichen Gesichtskreises kann antisemitische Gedankengänge erzeugen. Wir aber wollen heraus aus der Enge! Wirtschaftlich und Politisch. Wir haben genug vom Erfolg nationalistischer Verhetzung! * Die Wiener Arrlisemitenkrawalle. In der Nationalversammlung gelangten bei der Verhandlung über das Kapitel Unterricht die jüngsten Wiener Studenten Unruhen zur Sprache. Der jüdische Nationale Stricker Protestierte gegen das Verhalten des Rektors und der Professoren, welche nichts unternommen hätten, mn die Jugend zur Ordnung zu mahnen. Der Kamps gegen die armen verhungerten jüdischen Studenten sei kein Kampf gegen das jüdische Großkapital. Ter Großdeutsche Ursin erklärte, die Kundgebung der dent''charischen Studentenschaft lei keine Temenstration gewesen, sondern eine Auflehnung geaen die Iudenberrschaft in Oesterreich. Redner verlangte in. cnici’ Resolution die Fcrnhaltnna der Ostjuden von den österreichischen Hochschulen und die Beschränkung der Znlasiuna anderer Juden und die deutscher Ausländer zu dem Hochschulstudium. Der Großdeutsche Paulv klagte über die Bersndung der Wiener Universität. Ter Ehristlichsouale Knnschak verlangte die Entkernung der Osiiuden aus Oeberreich. Tie Studentendemonstrationen leien der Ausdruck der Volksseele geaen das sich ansbreitende Judentum. Wir verurteilen. daß deutsche Studenten sich zu Ausschreitungen lunreißen lassen, verlangen aber von der Reaieruna Bewitiauna der Ursachen. Ter Sozialdemokrat Hartmann (österreichischer Gesandter in Berlin) trat den Ausführungen der Großdeutschen und der Ehristlichs 'ialen enigegen und erklärte bezüalich der Studentenkrawalle. es könne unter den Zivilisierten kein Zweitel darüber sein, daß das, was geschehen sei, eine Barbarei sei. Tie Behauvtung über die Berjudung der Wiener Universität sei lächerlich. Bon 24 Ordinarien an der medizinischen Fakultät seien nur zwei Juden oder jüdischer Abstammung. - Tie amerikanisch? Mission intervenierte bei der österreichischen Regierung wegen der Beschädigungen der jüdischen nu'iisa acadomica, die vom amerikanischen Komitee errichtet worden war. und verlangte 100 000 Kronen Schadenersatz. * Das jüdische Elend in Wien und die Tätigkeit des „Joint Distribution Committee". . Kürzlich fand eine Vollversammlung der Wiener Joint-Fitiale statt, an der auch der Generaldirektor des amerikanischen Hilfswertes. I. Goldmann, teiluahm, welcher der Tätigkeit des Wiener Joint- Bureaus die größte Anerkennung zollte. Dem Tätigkeitsbericht ist zu entnehmen, daß die Versorgung der notleidenden Wiener Bevölkerung weiter aus gebaut wurde, was sehr ins Gewicht füllt, da die staatliche Belieferung der rationierten Lebensmittel ganz unzulänglich ist und die wichtiasten Tinge nur zu völlig unerschwinglichen Preisen erhältlich sind. Das „Joint" hat in der letzten Zeit die Ausgabe von Fleisch und Milch in breiterem Ausmaß durchgeführt.' Im ganzen wurden 5617 Familien mit 19 015 Köpfen gratis, 2803 Familien mit 13 098 Köpfen geaen Bezahlung mit Ileisch beteilt. 3700 Parteien erhalten Kondensmilch, in zehn Trinkhallen werden täglich 1910 Kinder mit je % Liter warmer Milch versehen. Ferner muß das „Joint" darangehen, die bestehenden Fürsorge- und Wohltätigkeitsinstitutionen stärker, zu unterstützen, da ihnen fast'der völlige Zufammenbruch drohte. Tie private Unterstützung hat fast ganz aufgehört, die reichen Juden Wiens scheinen ihren sozialen Sinn völlig eingebützt zu haben. 3. P. Z. * Schreckliche antijndische Exzesse in Ungarn. Bon verschiedenen autorisierten Q'.ellen erhielt das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris sehr beunruhigende Nachrichten über die Lage der Judenin Ungarn. Tie Gefängnisse sind mit Subeit gefüllt, die buchstäblich Hungers sterben. Tie Denunziernug eines Christen genügt, um einen Juden zu verhaften und ihn ohne jeden Prozeß verschwinden zu lassen. In Budapest bilden die Offiziere öffentlich und mit Wissen der offiziellen Behörden Vereinigungen, die den Zweck verfolgen, die Juden auszu rotten. Tie folgenden Vereinigungen haben sich durch die größte Anzahl von Verbrechen ausgezeichnet: 1. Die Vereinigung Ostenberg, deren Sitz sich im Palace Hotel befindet. 2. Tie Vereinigung des Barons Pronah in Kelenföld. 3. Maria-Theresien-Straße. 4. Kronengasse. 6. Margaretenring in Ofen. Die Offiziere veranstalten täglich Razzien in den iLtraßen und in den Zügen, verhaften Juden, foltern und morden sie. Im Lame der letzten Wochen sind gegen 800 angesehene Juden verschwunden, ohne irgendwelche Spur zu hinterlassen. Es gibt keine Scherereien oder Demütigungen. die die Behörden oder Ctfui'cre den webrlofen Juden nicht auferlcaen würden. Große I'-denmnT-de werden organisiert. In den Schulen wind ive Aufnahme jüdischer Kinder abgelehn't. Der jüdi-sche Handel ist vollständig lahmgelegt. Die Juden sind derart -terrorisiert, daß sie sich nicht einmal öffentlich, zu beklagen und eine Intervention der Vertreter der alliierten Mächte zu verlangen wagen. Die Regierung, an die man sich dwierbalb gewendet bat. erklärte die Tatsachen zu ignorieren und bat den durch die Ovfer dieser barbarischen Akte voraebrachten Klagen keine Folge gegeben. J. P. Z. Ferner wird aus Budapest «meldet: Der Szeaediner Oberrabbiner Dr. Immanuel Loew wurde am 23. Avril verbautet. Er wird des Verbrechens der Au Beizung gegen eine Nationalität und die Verfassung sowie eines B er neben s geaen den rechtlich den Schutz eines Königs genießenden Reichsverweser aneektagt. Tie Verbandluna dürste in sechs Wochen stattsin den. Das Ungarische Korvespondenzbureau berichtet, daß der Abgeordnete Bezsik in der Nationalversamml"ug einen Zeitungsbericht vorlas. wonach Oberrabbiner Dr. Loew sich einem holländischen Journalisten gegenüber sehr abfällig über linearn geäußert habe. Ter Redner forderte, daß gegen Loew ein Verfahren wegen Vaterlandsverrates eingeleitet werde. Ministerpräsident Simonvi erklärte, daß er sofort Verfügungen treffen werde, damit der Tatbestand einwandfrei sestgestellt werde. Falls die verlesenen Mitteilungen auf Wahrbeit beruhen, so werde strengste Ahndung erfolgen. Abgeordneter U g r o n beantragte, den Justizminister um rasche Aufklärung dieser Angelegenheit aufzufordern, damit eine strenge gesetzliche Bestrafung erfolgen könne. * Die Jndenfrage in Sipdslawien. Unter dieser Überschrift veröffentlicht Hermann Wendel in der „Frankfurter Zeitung" nachstehenden beachtenswerten Artikel: Wenn vor kurzem das Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz Widerspruch gegen Masseuausweisungeu von Juden aus dem südslawischen Staatsgebiet erhob, mußte das die Vorstellung von „trockenen Pogroms" wecken und jeden Kenner südslawischer Duldsamkeit in Glaubentzfragen verblüffen. In dieser Form entsprach denn die Beschwerde auch keineswegs den Tatsachen, sondern bezog sich auf,.eine Verfügung des Ministeriums des Innern, das den Verwaltungen großer Städte das Recht gab, zur Minderung der schreienden Wohnungsnot Angehörige bisher gegnerischer Staaten auszuweifen. Namentlich Agram machte von dieser Ermächtigung Gebrauch und stellte 1587 inagha rischen, 776 deutsch-österreichischen und 74 deutschen Staatsangehörigen den Auslveisungsbes-ehl zu. Dieser Schritt wirkte nicht nur hart, sondern auch gehässig, da viele der Betroffenen seit Jahrzehnten mit Kind und Kegel in der kroatischen Hauptstadt ansässig waren, aber daß die Ausgewiesenen, von denen übrigens nach amtlicher Mitteilung zlvei Drittel der Anordnung bis heute keine Folge zu leisten brauchten, zumeist der israelitischen Glaubensgemeinschaft angehören, hat mit der Verfügung an sich nichts zu tun, die ein Dokument falscher Sozialpolitik, aber kein Zeugnis von Judenfeindschast ist. Gleichwohl haben vielleicht manche Kreise darin einen Beginn zur Lösung der Judensrage gesehen, soweit sich in Südslawien überhaupt von einer Judensrage reden läßt. Nach annähernder und wohl zu hoch greifender Schätzung wohnen im Staatsgebiet des Königreichs