Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-14 · Heft 20 (14.5.1920) · p. Seite 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 20 (14.5.1920)
Date
1920-05-14
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229462--75741-3288266
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

219 wäre. Daß dieser gute Wille allseitig vorhanden ist, darf vorausgesetzt werden. Die Zahl der öffentlich-rechtlich korporierten Gemeinden Deutschlands beläuft sich, von den Zwerggemeinden abgesehen, zurzeit auf ungefähr 1300. Etwa 450 Gemeinden, darunter Großgemeinden, wie Dresden, Königsberg, Danzig, Kassel, Aachen usw., haben zu der Umwandlung des D. I. G. B. auf der Grundlage meines Entwurfs grundsätzlich ihre Zustimmung ausgesprochen. Der Halberstädter Bund gesetzestreuer Gemeinden, der gleichfalls bereits mehrere hundert Mitglieder zählen soll, hat, wie oben erwähnt, grund'sätzlich dem D. I. G. B. seine Bereitwillig,kert zu einer Verständigung ausgesprochen. Auf der Tagung der bayerischen Gemeinden zu Nürnberg hat das Bekenntnis zu dem Gedanken der Reichsorganisation in einer einstimmig gefaßten Resolution Ausdruck gefunden. Es steht somit die Stellungnahme nur noch eines kleinen Teiles der deutschen Gemeinden, darunter allerdings der größten, aus. Es darf mit Sicherheit erwartet werden, daß auch hier der Wille zur Schaffung der Gesamtorganisation vorhanden ist. Zum erstenmal in der gesamten neueren Geschichte des deutschen Judentums liegt der Fall vor, daß die Grundlage für eine allgemeine Verständigung und damit für den Zusammenschluß des deutschen Judentums gegeben ist. Wenn das deutsche Judentum will, ist es am Ziel. Es handelt sich um nichts Geringeres als um. seine Zukunft. Es wird dieser geschichtlichen Ausgabe gegenüber nicht versagen. Dir Woche. Berlin, 10. Mai. Dit antisemitischen Kreisen wird jetzt stärker als bisher mit der lügnerischen Behauptung gearbeitet, daß die Juden sich in Deutschland fast des ganzen Nationalvermögens bemächtigt hätten. Das Unsinnige eines solchen Geredes wird sofort einem jeden klar, der sich vergegenwärtigt, daß das im Großgrundbesitz, in der Schwerindustrie und in vielen anderen Industrien investierte Kapital sich fast ausschließlich in nichtjüdischen Händen befindet. Dem Märchen, daß die Juden alles. Geld besäßen, ist kein geringerer als Theodor Fritsch noch vor nicht langer Zeit auf das wirksamste entgegengetreten. Er schrieb am 15. November 1918, als er einmal einen lichten Augenblick hatte, in seinem „Hammer": „Es ist zwar Tatsache, daß in jüdischen Händen große Reichtümer zusammengeballt sind und daß sie durch die spekulative Art der Verwendung besonders ins Auge springen und einen starken Einfluß aus unser wirtschaftliches Leben ausüben, aber so weit ist es noch lange nicht, daß der größte Teil des nationalen Besitzes in jüdischen Händen wäre. Es sei nur auf ein Beispiel hingewiesen, um zu zeigen, welche irrigen Vorstellungen über die im öffentlichen Leben wirkenden Geldmächte bestehen. Viele betrachten die Großbanken, deren Aktien sich allerdings vorwiegend in jüdischem Besitz befinden, als so machtvolle Finanzinstitute, daß dagegen nichts anderes aufkommen könnte. Wie irrig das ist, ergibt sich ans folgenden Zahlen: Das Stammkapital aller deutschen bzw. jüdischen Großbanken zusammen genommen beläuft sich aus rund 4500 Millionen Mark (4^ Milliarden). Die deutschen Keineindesparkafjen aber verfügten bereits vor dem Kriege über ein Eiulagekapital von 1914 Milliarden, das sich bis 1918 auf 28 Milliarden erhöht hat. So viel Reichtum besitzen allein die kleinen deutschen Sparer, denn die wohlhabenden jüdischen Kreise dürften ihre Gelder schwerlich auf die deutschen Sparkassen tragen. Nimmt man nun den erheblichen Besitz an deutschen Landgütern, Industrie-Anlagen, städtischem Hausbesitz, Privatkapital usw. hinzu, so ergibt sich — selbst wenn man mit der teilweisen Schuldbelastung des Realbesitzes rechnet - doch ein so gewaltiger reindeutscher Vermögensstand, daß er sich vor dem jüdischen Reichtum nicht zu verstecken braucht." Die antisemitischen Gesinnungsgenossen des Herr Fritsch aber behaupten, daß Alljudaan den Krieg hauptsächlich deswegen angezettelb habe, um sich in den Besitz des gesamten deutschen Nationalvermögens zu setzen und daß ihm dieser Zweck fast restlos gelungen sei. Herr Fritsch hat freilich auch dunkle Augenblicke und diese sind leider die vorherrschenden. In einem solchen verfaßte er das Flugblatt Nr. 17 der „D. Ern.-G." „Arbeit und Kapital", das sich insbesondere mit jüdischen „Geldfürsten" beschäftigt. Dort spricht er von den großen Reichtürnern, die die Börsenmagnaten „durch Volksausplünderung im großen Stile" erworben haben, insbesondere die „Rothschild, Bleichröder, Erlanger, Ephrusi, Oppenheim, Warschauer, Schwabach, Goldberger urtb wie sie alle heißen". Dem Riesenvermögen dieser Großfinanziers gegenüber seien „die Reichtümer der „Krautjunker" und „Schlotbarone" gewissermaßen nur Bettelpfennige." ~~ Ob das wohl auch die Meinung der Kruppschen Erben, der Thyssen, Stinnes, der großen oberschlesischen Kohlenmagnaten usw. sein mag? So mancher als steinreich verschriene jüdische „Geldfürst" würde sich gar nicht ärgern, wenn er in den Besitz derartiger „Bettelpfennige" gelangte. Wie lächerlich die Behauptung vom internationalen jüdischen Kapitalismus ist, zeigt ja schon ein Hinweis auf die amerikanischen Milliardäre, die Rockefeller, Carnegie, Morgan, Armour, Fort, Vanderbilt, Gould, Astor, Schwab und wie sie alle heißen mögen. Unter ihnen befindet sich kein einziger Jude. Die amerikanischen Trustmagnaten, von denen man leider sagen muß, daß sie den Geldmarkt beherrschen, sind also keine Juden. Auch in England ist das Bank- und Industriekapital vorwiegend in nichtjüdischen Händen. Es hat also noch seine sehr weiten Wege, bis sich die Juden in den Besitz sämtlicher Kapitalien der Welt gesetzt haben werden, ein Ziel, das nach den Antisemiten schon nahezu erreicht sein soll. * Antisemitismus und Wahlkampf. Die politischen Parteien sind in Gärung. Nicht deswegen, weil eine Anzahl älter Bezirksireisinnsgröszen der Demokratischen Partei den Rücken gekehrt hat. Das ka-nn der Demokratischen Partei nur zum Vorteil'fein.. Wichtiger sind, wie d.ie „Parteilose Wochenschrift" bemerkt, die Austritte aus der Teutschuationalen VoMpartei. Sie erfolgten ausgesprochenermaßen wegen des wachsenden Antisemitismus innerhalb dieser Partei. Dort hat der Antisemitismus gesiegt, stellt man doch sogar den » Vertagsdirektor Walle von der „Deutschen Zeitung" an erster Stelle auf. Schon die ersten Versammlungen von dieser Seite bewiesen, daß man dein Antisemitismus im gegenwärtigen Wahlkampfe einen breiten Raum einräumen wird. Das wundert uns nicht, denn wir haben schon lange auf diese einseitige Orientierung der alten Konservativen Hingelviesen. Eine Flut von Schmähschriften gegen die „Judenregierung", antisemitische Klebezettel an allen Stellen und die Agitation von Bünden und.arischen Logen haben die Stimmung vorbereitet, die nunmehr dem Wahlkamvf den Stempel aufdrücken wird. Aon der Deutschnatioualen Voltspartei ist also das offene Bekenntnis zum Antisemitismus erfolgt. Wie stehlls nun mit die Deutsche Volkspartei? Hier liegen zwar Erklärungen vor, daß sie vom Antisemitismus nichts wissen will. Aber man muß in den Versammlungen beobachten, wie man die antisemitischen Zwischenrufe geflissentlich überhört, ja, wie manche Redner die Stimmung sogar unterstützen. Und das kann nicht anders sein. Den Reden des schaukelnden Herrn Stresemann zum Trotz, die von einem Zusammengehen mit der Sozialdemokratie sprechen, steht die Mehrzahl der Parteigänger auf dem Standpunkte des Kampfes nach links, besonders gegen die Demokratische Partei, und des Zusammengehens mit den Deutschnationalen. Diese sagen auch, daß beide Parteien ein Gebäude bewohnten und nur in verschiedenen Geschossen antergebracht seien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.