Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Volksvereins" hat sich im Laufe des Jahres 1919 verdreifacht imb damit die größte Höhe seit der Begründung des Vereins erreicht. Eine ähnliche Frequenz der Herberge und der Speiseräume war nur in den "ersten Kriegsmonaten des Jahres 1914 za verzeichnen. Tie Belegung der Herberge schwankte zwischen 60 und 100 Personen täglich. Im Jahre 1919 wurden insgesamt 3162 Personen beherbergt, 115 559 Portionen Essen au-'gegeben und 78 847 Beherbergungstage gezählt. Die höchste Frequenz wies der Monat August auf. In den Herbstmonaten 1919 steigerte sich der Zufluß aus den Ostländern, aus der. Pogromstaaten an den Ostgrenzen Deutschlands so außerordentlich, daß zur Abhilfe der Not von dem Komitee der Ostjnden der Vorschlag gemacht nmrde, eine neue eingerichtete Herberge für 100 Personen zu gründen. Tie Verhandlungen hierüber haben aber bisher ein praktisches Resultat noch nicht gezeitigt. In den Monaten Januar/Februar 1920 ist der Andrang unverändert geblieben. Gegenwärtig beherbergt das Heim des ..Jüdischen Volksverenis" 40 Frauen, 36 Männer und 35 Kinder, von denen 36 Frauen mit 20 Kindern und 6 Männern auf die Ausreise narb Amerika und anderen Emigrationsläudern warten. Die Generalversammlung des ..Jüdischen Volksvereins", in welcher Herr Sallv Kirsch stein als Vorsitzender den Tätigkeitsbericht über das abaelausene Beriebtsiahr erstattete, billigte die Arbeit des Vereinsvorstandes, dem ebenso wie den Beamten der Organisation der Dank der Versammlung ausgesprochen wurde. E. L. Berlin, 4. Mai. Am 27. v. M. sprach int I n d i s ch - l i b e r n l e n I u a e n d v e r e i n zu Berlin Herr Professor Tr. Elbogen über das Thema: , Hundert Jahre Wissenschaft des Judentums." Ter Herr Redner führte ungefähr folgendes aus: Als sich nach den Freibeitskrieaeu in Deutschland eine starke Judenhetze erhob, beaannen einiae der Juden, wenn auch sehr viele abfielen, sich auf ibr Judentum zu besinnen. b^nige Studenten gründeten einen Verein , für Kultur und Wissenschaft". Wenn dieser Verein auch keine große Gefolgschaft anfznweisen hatte, io hat er doch historische Bedenk,mg. denn in ibm sehen wir den ersten Anfang der jüdischen Wissenschaft. Leovold Zuu^r. die Seeles des Vereins, war der eiaentliche Schöpfer der Wissenschaft des Judentums. In der Zeit der Aufklärung war den Juden der Sinn für ein historisches Judentumvertoreneegaugen. Leopold Zunz hot ihn den Juden wiedergegeben. Was ist nun das Neue, das er und sein Kreis geschaffen haben? Während die alte Wissenschaft sich einseitig nur mit dem Talmud und seiner Erklärung beschäftigt, ja sogar die Bibel fast ganz ausschtießt. umfaßt die neue Wissenschaft des Judentums alle jüdischen Gebiete, w'e Lehre, Geschichte, Literatur, Kultur, Ist die alte unmetbodisch. weltfremd, so ist die neue svstematisch. anschaulich, vom Wirklichkeitssinn beseelt. Sie stellt das jüdische Wissen in die Gesamtwissenschaft imb befreit sie von der Dogmatik. S.7hat Zunz Wichtiges für die Wissenschaft des Judentums geleistet. Auf dem Grund und Boden, den er aufgebaut, haben andere große Männer. wie Nachmann Krochmnl, Abraham Geiger, Zacharias Frankel vsiv. weiteraearbeitet. Alle Parteien hat die Wissenschaft beeinflußt. Welches sind nun die Wirkungen der Wissenschaft des Jndentmns? Wenn wir heute die Bibel und Gebete in allen Landessprachen besitzen, wenn wir Darstellungen der Lehre, der Geschichte haben, wenn sogar eine jüdische Volkshochschule möglich ist, so ist dies alles ein Verdienst der Wissenschaft des Judentums. Fragen wir nun aber nach den Instituten, den Pflegestätten dieser Wissenschaft, so ist die Antwort nicht sehr befriedigend. Sehr lange hat es gedauert, bis wir überhaupt Lehrstätten hatten, und auch diese entbehren jeder staatlichen Beihilfe, sind also nur Wohlfahrtseinrichtungen. Und doch wäre es dringend erforderlich, daß sie vom Staate übernommen werden, daß aber, solange dies nicht der Fall ist, unsere, jüdischen Glaubensgenossen mehr für diese Institute übrig hätten, denn die Zukunft des Judentums liegt in der Zukunft der Wissenschaft des Judentums. 22 Berlin, 4. Mai. Zu einer erhebenden Feier gestaltete sich am 2 5. v. M. das Fest, durch das der „Verein ehemaliger Zöglinge des II. Waisenhauses der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in Pankow" die 2 5. Wiederkehr seines Gründungstages «beging. Zahlreiche ehemalige Zöglinge sowie Freunde des Hauses und des Vereins hallen sich im Betsaale des Waisenhauses, Pankow, Berliner Straße 120/21. eingesun'den. Nach dem einleitenden Gesänge des Liedes „Ter Herr ist mein Hirt" durch den Knabenchor des Waisenhauses begrüßte der langjährige erste Vorsitzende und Mitbegründer des Vereins, « Herr Be r el i o w i tz, die Erschienenen aufs herzlichste. Gr hob hervor, wie sich die „Ehemaligen", obschon sie ln alle Gegenden verstreut sind, die Treue und Zusanimengehörigkeit bewahrt haben. In einemkurzen Ueberblick über die Geschichte des Vereins zeigte er, welche aufsteigende Entwi'cklung, der Verein genommen hat. Aus kleinsten An-fängen Herairs hat sich ein Verband gebildet, der durch inniges Zusammenhalten, durch gegenseitge Förderung, durch Gewährung von Darlehen -und Unterstützungen zur Hebung der lv-irti ichaftlichen Lage der ehemaligen Zöglinge beigetragenhat. Als das « II. Waisenhaus 1907 sein 25jähriges Bestehen beging, hat der! Verein die „Direktvr-Grunwald-Stistung" begründet, deren Kapital! jetzt bereits auf über 20 000 Mark gestiegen ist. Er hat besonders : während des Krieges mit Unterstützung des Direktors Grunwald! und anderer Förderer des Vereins durch einen Kriegsunterstützungs- : fvnds den Angehörigen der ins Feld Gezogenen durch monatliche Zuschüsse in iveitestgehender Weise geholfen und wach Beendigung! des Krieges ans dem Rest dieses Fonds eine Darlehnskasse begründet.; die dank der Opserwilligkeit zweier „Ehemaliger" nur 10 000 Mark ' erhöht wurde. So hat der Verein das Mittel gesck.affen, durch 'das besonders «die aus dem Felde Zurückgekehrteu bei Erreichung der > Selbständi.akeit durch größere zinsfreie Kapitalien unterstützt werden können. Aber null' in geistiger und -sozialer Beziehung hat der ' enge Zusamnieuschluß der Ehemlaliaen seine Früchte getragen, und der Vor sitz erde konnte seiner Freude darüber Ausdruck aeben. wie droß die Zahl der Ehemaligen ist, die sich eine ivirtschaftlicb, sozial u-nb politi.'ch Hobe Stelluna errungenhaben. Ter zweite Vorsitzende. Herr M o se s, übergab sodann eine von den Ehemaligengestiftete und durch. Künstler ans.ihrer eigenen Mitte aeschais-ene Gedenktafel für die gefallenen ehemaliaen Zöalinae des Hauses und drückte den. Wunsch a.us,'daß das Beispiel der Gefallenen dank beitra-aen möge, den idealen Sinn in den kommenden Geschlechtern m wecken und zu stärken. Nach dem: Gesang des Herrn O g u ts ch: „Gebet" von Huao Wolfs, gedachte der Leiter des Hauses, Herr Direktor G ru nw a l d, der gefallenen ehemaligen Zöglinge und -sprach zuateich für das Kuratorium in warmen Worten dem- Verein Glückwünsche aus. Zum Schluß dankte Herr Seminarlehre-r Falkenberq im Namen des Vereins für die Grüße, die dem Verein mündlich und sch-ri-ftlich ausg-espro-chen waren, und lvünschte, daß die Weihe d-i-ewr Festesstunde in allen noch nachklinae, daß dm Erinnerung daran die- Jungeniw ihrem Streben stärke, den Alten aber das Herz iinaner wieder erfrische, um all ihrer Arbeit festliche Wellie zu achen und ihnen den grauen Alltaa m vergolden. Ter Chor „Herr, deine Güte reicht so weit" schloß die eindrucksvolle Feier. S2 Berlin, 4. Mai. Am 25. v. M. fand die Generalversammlung des Vereins „Freunde der Taubstummen Jedi-de Jlmim" statt. Der Vorsitzende, Herr Geheimrat Bon s, eröfmete die Versammlung. Er gedachte eingangs des verstorbenen Vorstandsmitgliedes Rabbiner P-r-o-f. Tr. May bäum und der früh verstorbenen Lehrerin an der Anstatt Gertrud Muschel. Nachdem sich die Versammlung zu Ehren der Heimaeganaeuen erhoben batte, nahm die Sitzung den gewohnten Verlauf. Herr Kommerz-eurat Friedländer berichtete über die ungünstigen Kassenverhältnisse und bat alle Anwesenden, nach Kräften iür die Anstalt zu wirken. (Möae der Ruf hinansschallen in die Judenbeit. damit die einzige jüdische Taubstummenanstalt Deutschlands bestehen kann!) Nachdem dem Kassenführer Entlastung erteilt worden war, folgte der Bericht des- Direktors Dr. N e i -ch. Sein Bortraa wirkte wohltuend, erzählte er doch von den vielen Freuden, die den kleinen Taubstummen bereitet werden. Er sprach den Spendern der Freuden ln. a. Frau Ginsberg., Frau Berg, den Herren Rvchwalsti, Moritz Dobrin. A. Höxter) von dieser Stelle seinen Tank aus. Dann folgte die Wiederwahl der ausscheidenden Borstandsmitalieder. 8. Landsberg a. W., 30. April. Am vorigen Sabbat, den 24. April, feierte die hiesige Gemeinde das Doppelfest, an dem ihr Rabbiner Herr Dr. Elsaß 25 Jahre Seelsorger der Gemeinde war. und gleichzeitig den Tag, an dem er den Lebensbund mit seiner Gattin nach 25jähriger Ehe erneuerte. Die Feier der 25jährigen Amtsführung des Jubilars, der weit über die Grenzen Landsbergs hinaus bekannt ist, sollte schon vor fast fünf Jahren stattfinden, wurde aber wegen einer schweren Verwundung seines Sohnes, des Herrn Referendar Tr. Elsaß, bis zur jetzigen Doppelfeier ausgesetzt. Der außergewöhnlichen Wertschätzung des Seelsorgers und seiner Gattin,