Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ctnbcri* zuvorgekommen. Unb es ist ein großes Geräufe unten im Saal. „Licht, Licht" schreien Geängstete. Einer rennt wie ein Tiger die Stufen hinan auf bas Podium. Eine Sekunde Lang steht —- Liepmann Schuhrmann mit Esther Aug' in Aug' — eine Sekunde Lang. Doch da ist Grünerz und —! rasendes Hurra bei den wenigen, die der kleinen Szene ge-! folgt — der Klavierspieler hat die Tänzerin auf seinen Armen davongetragen. Den anderen Morgen schon steht es in der Zeitung: „Skandal im Kabarett", „Hähne im Körbchen", „Die Diva und ihre Liebhaber". Selbst das Antisemitenblatt sagt: „Es ist nicht zu leugnen, daß dieser Stern aus Zion (oder bloß aus Prczernysl?) von einer herben, fast möchte man sagen ungelenken Anmut, vielleicht Terpsichoren neue Straßen zu bahnen berufen ist." Und so weiter in diesem Stil. Der Direktor reibt sich die Hände. Eine bessere Reklame hätte er sich nicht wünschen können. Fein! Pikfein! „Esther, daß ich das für Sie tun durfte! Esther! Tausendmal würde ich mein Leben für Sie gelassen haben. Esther, seit langem Hab' ich Sie lieb. Wie sehr, erfuhr ich erst in diesem Augenblick. Esther! Estherlein! Nie hätte ich es Ihnen sagen wollen, nie! Denn Sie sollten frei sein und sich selber finden. Erst zu sich selber kommen, dann erst zu einem anderen, Estherlein! Ich wollte dich nicht wecken, so lieb Hab' ich dich. Du solltest ganz allein dem Leben erwachen, dann Esther, wem erschlösse sich dann die Blume? O mir - Hab' ich gebetet, o mir, v mir!" Und Grünerz nahm ihre beiden Hände und küßte sie wieder und wieder. Da. umischlang, das Mädchen den Mann und küßte auch ihn. Und ließ sich wieder küssen. Und wieder. Und schenkte ihm ihren Leib. Doch ihre Seele gab ihm Esther nicht. — Wenige Zeit später hatte Esther einen Brief von der Mutter erhalten, darin geschrieben stand, jene habe sich auf dem schweren Krankenlager, von dem sie kürzlich aufgestanden, gelobt, falls sie der liebe Gott,noch einmal gesund werden lasse, so wolle sie ihr Kind heimrufen, um ihm noch einmal - trotz alledem - „die Hand auf den Kopf zu legen" bas wollte sagen, die Tochter zu segnen, „daß sie werde wie unsere Mütter Sarah, Rebekka, Rahel und Lea ..." * So sitzt Esther im Zug und fährt nach Haiderstadt. Und muß in der Ecke ihres Abteils, diesem Gespräch folgen: „Se ham ne janze Menge vasäumt im „Körbchen" vor'jen Montach. Da war doch mal n Betrieb los! De Zeitungen brachten nich de Hälfte, dürfen se ja nich. Die Liebhaber der Tänzerin - nebenbei: dolle Jeschichte, ne Tänzerin, die nicht tanzt, sondan jetzt, schreitet nun all so'n alwanes Jetue .na also deren Männer hatten 'n Rangdewuh jejeben unn lärmten mm pfiffen unn schrien unn prüjelten schließlich. Dolle Sache. Bis der momentane Favorit - na das ham Se selbst jelesen, de Jeschichte von den Klaviasritze." „Aeh, abjekartete Sache," macht der andere, „der Direktor Hab de janze Chose selbst jedeichselt; Reklame, nichts als Reklame, wetten?" „Unsinn", gibt der erste dagegen, „nu bitt' ich Sie, so ne Bande lebt doch schon hinter der Coulisse! Im übrigen, wie er se davontrug —- der Klaviasritze — süperb sag' ich Ihnen; diese Wade! Meha weat wie das janze Jetue unn Jeschreite." Und er fingert in der Luft den Schwung der Linie des Beines nach. „So'n Luda, kaum zwanzig, unn schon 'n janzes Jesolge von Liebhawan." - Die Mutter fragt Esther, ob sie „brav" geblieben wäre da draußen in der Welt. „Ja Mutter, ich bin ich selbst geblieben. Und weißt du, Mutter, wann es am schwersten war? Damals als ich mich entschloß, dir davonzulaufen, das kannst du mir glauben. Denn wenn ich den Liepmann genommen /hätte, dann wäre ich wahrhaftig nicht „brav" geblieben, vor mir selber inein' ich." Dann kann sich Fradel Stein das Jammern darüber Erricht versagen, daß Veit Steins Tochter um Geld vor den.Leuten tanze. Und es wäre ein Glück meint sie -, daß der Vater dies nicht habe erleben müssen. Dagegen Esther: „Wenn der Vater am Leben geblieben wäre, wäre es wohl dazu nicht gekommen, denn Vater hätte nie gewollt, daß ich einen Liepmann Schuhrmann zum Manne nehme." Indem sie aber dies sagt, muß Esther dies wunderliche Denken denken: daß sie in diesem Fall zwar nicht den ihr Verhaßten, aber doch sonst irgendeinen Handelsmann aus Haiderstadt oder aus Pirrlingen oder woher immer geheiratet haben würde. So wie alle. Also wäre gerade durch ihres Vaters verstehende Güte ihr Leben eng umzirkt hingeflossen. Ohne daß sie um ihre eigenen Möglichkeiten auch nur selber gewicht hätte. So war ihr also wohl der Mutter nach der Materie gerichteter Sinn mehr zum Heil geworden wie alle Güte des besten Vaters. Denn da sie es nun kannte, hätte sie nicht um alles gewollt, daß ihr Lies Leben da draußen durch was auch immer versagt geblieben wäre. Nämlich was es ihr gegeben, das ward ihr gerade hier in Haiderstadt gänzlich offenbar . . Ihr schien, als wären alle i>te daheim denselben Tag stehengeblieben, da sie mit dem Vetter in die Welt hineingelaufen war. Wie eng der Kreis der Geschehnisse, an denen sie teilnahmen! Und dies böse Judendeutsch, das sie ma-uschetten! Wie ein Aergernis traf es ihr Ohr. Und doch hatte sie vermutlich einst sich selbst dieses Singsangs bedient und würde es gewiß all ihre Tage getan haben, hätte sie nicht über den Zaun wegblicken dürfen, der die anderen hielt. Und von da aus gesehen erschien ihr das, was sie auf der Fahrt über sich selbst hatte mit anhören müssen, nicht mehr in so grausigem Schein. War es doch nur das Dunkel des Lichtes, darin sie ihre Tage nun leben durfte. Sie versprach sich selber, daß sie dies immer bedenken werde, wenn breite Schatten sich auf ihren Weg legen sollten. Sie versprach sich: auch dann reuelos eins zu bleiben mit sich selber. Und gab sich ferner das Wort, ihre Heimat fortan in sich selber zu suchen, da „die Scholle, draus ihres Vaters Haus gebaut", sie nicht in mütterlicher Weise gehalten hatte. Dabei mußte sie eines Gespräches mit der Palma gedenken. Die Palma — mit ihrem vollen Namen: Contesse Barbara Bibiana Palma zu Palmenstett - und nur um der Malerei willen für eine kurze Zeit in München. Oh, wie die die Heimat liebte! Die Wälder und das Meer und den Strand und die Luft und alles da droben an der Ostsee. Oh ja, die Ahnen der Palma sind aber auch seit langen Jahrhunderten auf demselben Stück Erde geboren worden. Und haben dort ihre Tage beschlossen. Esther dagegen ihr Ahnherr umgetrieben durch die Lande, unstet und flüchtig: der ewige Jude. * Der Geheime Sanitätsrat Pattendorff mib seine Gemahlin haben „zur Feier des fündundzwanzigjährigen Bestehens ihrer Ehe" — wie es in den Einladungen hieß ihren Kreis zu sich gebeten. Erst hatte der bekannte Komiker die Versammelten durch einige seiner „voraussetzungslosen Geschichten" bis zur Erschütterung ihrer Lachnerven geführt. Dies war sein Kniff: er brachte eine Sache so vor, daß er bei den Hörenden auch mehr die geringste Kenntnis davon voraussetzte und ihnen die allerkleinste Kleinigkeit ausschweifend erklärte. Und dies mit einem so wichtig-einfültig-interessierten Gesicht, daß die Menschen schon vom bloßen Hinsehen Zwerchfellbeschwerden bekamen. Zum Beispiel: Die Geschichte vom Schreibtisch. Dies wäre nicht ein Schreibtisch, welcher schreiben könne, wie leicht anzu-