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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-07 · Heft 19 (7.5.1920) · p. Seite 213

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 19 (7.5.1920)
Date
1920-05-07
Page
Seite 213 (sequence 9)
Language
German
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Man würde unseren Alten mit solcher Annahme Unrecht tun. Wir behaupten vielmehr, daß auch sie an ein stetes. Besserwerden, an den Fortschritt der Menschen glaubten. Um diesen Widerspruch zu lösen, kann zweierlei angenommen werden. Erstens: Adam und Eva sind darum 'so schön, so herrlich an Geist und Körper, so vollkommene Wesen, weil sie unmittelbar aus Gottes Hand hervorgegangen sind. Was, so mögen die frommen Alten angenommen haben, Gott bildet und schasst, muß vollkommen sein. Er sah sein Werk und siehe, „es war sehr gut". Hingegen ist, was durch menschliches Hinzutun entstanden, fehlerhaft, schwach, gebrechlich und unterliegt dem Gesetze der Entwicklung. Schon das erste von den Menschen geschaffene Wesen ist das denkbar schlechteste. Kain ist ein Brudermörder. Ebenso zeigen sich die Menschen nach Kain. Wohl tritt eine naive Kindlichkeit zutage, aber sie sind sittlich verwahrlost zur Zeit der Sintflut, roh und barbarisch in Sodom und Gomorrha. Eine Wendung zum Besseren, eine fortschreitende Entwicklung zeigt uns die Thora erst in Abraham. Diese Berichte haben die Alten gekannt, anerkannt und gewürdigt. Adam und Eva bilden demnach Ausnahmen, weil sie, wie gesagt, aus der Hand Gottes unmittelbar hervorgegangenh. Zweitens glaube ich die Lösung des Widerspruches auch in einem anderen Gedankengang zu finden. Er besteht darin, daß die Alten in Adam und Eva nicht Individuen, nicht Einzelpersonen gesehen, sondern daß sie in ihnen das ganze Menschengeschlecht, die Menschheit als solche, geschildert haben, den Menschen in seiner Schönheit und Kraft, den Menschen, wie er mittels seiner Geisteskraft die Natur überwindet, die Erde sich dienstbar macht, mit seinem Kopfe bis in den Himmel ragt. Adam ist bloß der Name für Mensch im allgemeinen, wie tatsächlich Adam Mensch heißt. Adam ist demnach der Typus des Mannes, Eva der Typus der Frau. In diesem Sinne müssen die angezogenen Sätze verstanden werden. Vor Adams Schönheit, heißt es, erbleicht das Sonnenlicht. Das will sagen: Sonne, Mond und Sterne mögen ja schön sein! Was ist ihre fühllose Schönheit gegenüber der durchgeistigten Schönheit des Menschen! Oder der andere Satz: Adam reicht von der Erde bis in den Himmel, von einem Ende der Erde bis zum andern. Was bedeutet das anderes, als daß der Mensch zum Beherrscher der Erde bestimmt ist. „Beherrschet die Erde, bezwinget sie!" Das gleiche ist der Fall mit einein anderen, noch nicht zitierten Satz. Er lautet: „Als Gott den Menschen schuf, entnahm er den Staub allen Weltgegenden. Für den Rumpf aus Babylon, für den Kopf aus Palästina" ufw. Das bedeutet: der Mensch ist nicht an ein Stück der Erde gebunden, er ist Weltbürger, verr der Erde. Das gilt auch von der Adam zugeschriebenen Intelligenz. Wenn man es zugeben will, daß Adam der Erfinder des Feuers ist, wenn man es zugeben will, daß er Gott erkannt hat, so kann man es doch den verständigen Alten nicht zumuten, daß sie ernstlich geglaubt hätten, Adam wäre in allen Kunstfertigkeiten erfahren gewesen. Und doch sprechen sie sich dahin aus"). Wir müssen zu dem bekannten Schlüsse kommen: die Alten haben in Adam den Menschen im allgemeinen geschildert. Den Menschen in seiner Eigenart, in seiner Stärke und Schwäche, in seinem Werden und Sichentwickeln, aber auch in dem, was er im Laufe der Zeiten schafft und erringt. 8) Adam, von Gott selbst gebildet, besaß alle irdische und himmlische Weisheit, er stand auf der Stufe des Mose' und Salomon. Schalschelet hakabala 1. 9) Genesis rabba. . II. Wertung, der Frau. Halten wir diesen Standpunkt fest, so werden wir manche Sätze begreifen, die der Talmud über Eva mitteilt. An Eva schildert er uns die Frau mit ihrer Intelligenz, Eigentümlichkeit und ihren Neigungen, mit dem ungeheuren Einfluß, den sie auf den Mann, auf den Gatten übt. Es 'sei zunächst auf einen Satz verwiesen, dem in der Weltliteratur ein gleicher kaum an die Seite gestellt werden kann. Man hat in verschiedenen Zeiten den Frauen Kränze gewunden, sie in Liedern und Gesängen verherrlicht. Das waren'aber zumeist, abgesehen von den Regungen des geschlechtlichen Triebes, von ästhetischen Gefühlen eingegebene Huldigungen, Höflichkeiten. Aber auch in diesen fühlte sich der Mann als der Herr, der Frau überlegen, an Geisteswie an Körperkrast. Eine gleiche Wertung der Frau mit dem Manne oder ihre Gleichstellung war damit gar nicht ausgesprochen. Den Emanzipationsbestrebungen -der Frauen begegnen wir in unserer Zeit. Sie sind teils aus idealen, teils aus ivirtschastlichen Verhältnissen hevvorgegangen. Der Grundgedanke ist immer: Die Frau fühlt sich dem Manne gegenüber gleich stark an Gefühl, Empfindung, Geist. Sie will, daß ihr, wie die Kinderstube, so auch die Tore der Lehrhäuser geöffnet werden: sie hält sich fähig, nicht nur in der Küche zu walten, sondern in gleicher Weise ivic der Mann in die Speichen des Weltgetriebes einzugreifen. Mit einem Worte, das Streben ist auf volle Gleichheit gerichtet: sich, auch nur im allgemeinen, als etwas Höheres, Besseres als der Mann zu dünken, liegt auch der eifrigsten Frauenrechtlerin fern.' Aber gerade das ist es, was in alten Zeiten die alten Lehrer von der Frau behauptet haben. Sie ist das von der Vorsehung bevorzugte Geschöpf, und zwar in dem, was höher zil achten ist als die äußere Gestalt: im Geiste. Ihre Einsicht übertrifft die des Mannes: „Gott baute aus der Rippe des Mannes eine Frau." (Genes. 2, 22.) Das war kein Banen, sagen die Alten, sondern ein reichlicheres Ausstatten der Frair mit Verstand und Einsicht"'). Im ersten Menschenpaar haben uns die Alten, wie oben ausgeführt, den Typus des Menschengeschlechtes gezeichnet, und zwar in Adam den des Mannes, in Eva den der Frau. So können wir in rationeller Weise die folgenden Sätze erklären: „Gott selbst habe die Eva geschmückt, er habe ihr das Haar geflochten und sie dem Adam zugeführt")." Die Frage konnte ungefähr so gelautet haben: Wie gestaltete sich die erste Begegnung des ersten Menschenpaares? Trat Eva dem Adam als ein blödes, häßliches, hilfloses Wesen entgegen? Die Antwort lautete: Da Adam ein solch herrlicher Mensch gewesen, mußte -Eva ihre Ebenbürtigkeit erweisen. Sie trat ihm nicht als ein blödes Weib entgegen, sondern geistig ihm mindestens ebenbürtig, nicht häßlich und abstoßend, sondern in voller Schönheit. Sie hatte Geschmeide angelegt. Sie schmückte sich mit einem Diadem, einer Königin würdig. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß uns die Alten in Eva den Typus der Frair zeigen wollten. Die Frair mit ihrem angeborenen Schönheitssinn, die alles schmücken will, zunächst sich selbst schmückt. Sie schmückt sich mit ihrem natürlichen Geschmeide, dem Kopfhaar, sie schmückt sich mit künstlichem Geschmeide. Das ist ihr gutes Recht. Die Alten wollten ihr dieses Recht nicht beschränken, sie weihen es, indem sie Gott selbst tätig eingreifen lassen. Es ist eben die von Gott gewollte Eigenart der Frau. 10) Ein Wortspiel rm bauen und Verstand, Einsicht. Genes, rabb. 18. jl) Genes, rabb. 18. Sabbat 95a.

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