Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- Seite 212 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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m Mam und Loa im Talmud und Midrasch. Von Rabbiner Dr. Josef Stier s. A. I. die Heilige Schrift in ihrer Kosmogonie ein VU/ herrliches Bild entworfen, Anschauungen dargelegt hat, die alle alten Anschauungen und Darstellungen über das Entstehen der Welt weit übertreffen, so tat sie es auch in der Darstellung des Entstehens des Menschen. Gott spricht: „Wir wollen einen Menschen machen." Er erschafft den Menschen. Die Heilige Schrift erzählt uns dann von dem Aufenthalte des ersten Menschenpaares im Paradiese, von der List der Schlange, vom Sündenfall und der Vertreibung der Menschen aus dem Paradiese. Ueber diese tiefgedachte und hochinteressante Erzählung der Heiligen Schrift ist ungemein viel gesprochen und geschrieben worden. Man wird es begreiflich finden, daß die berufenen Erklärer der Heiligen Schrift, die! Tälmudlehrer, sich diesen Stoff nicht entgehen ließen, daß er j sich ihnen zur Erklärung aufdrängte. Was sie über das erste Menschenpaar, über Adam und Eva ausgesprochen haben, ist so bedeutungsvoll und schön, daß es sich der Mühe lohnt, es im Zusammenhänge darzustellen. Das soll nun geschehen. Die Frage lautet also: Was haben die Alten — so wollen wir die Lehrer des Talmud und Midrasch kurz nennen - über Adam lind Eva gedacht, welche Vorstellung hatten sie vom ersten . Menschenpaar, welches Bild tritt uns da entgegen? Wir 'sehen lins veranlaßt, sofort darauf aufmerksam zu machen, daß, was die Alten über die ersten Menschen sagten, im Widerspruch mit dem zu stehen scheint, was die heutige Wissenschaft als Axiom hinstellt. Es scheint im Widerspruch zu stehen mit dem Entwicklungsgedanken. Dieser geht bekanntlich dahin, daß alles Bestehende, zumal alles Lebende, in einer steten Ent- . wicklung zum Schöneren und Besseren begriffen ist. -Hierzu gehört auch die Menschheit in ihrer äußeren Gestalt wie in ihrem inneren Wesen. Mit dem Gedanken der Entwicklung ist der des Fortschritts innig verknüpft. Der Fortschritt der Menschheit geht zwar in Wellenlinien vor sich, ein Auf und Ab ist immer bemerkbar; mit Ausnahme der Großen aller Zeiten, der führenden Geister - ist der Fortschritt der Menschheit unbestreitbar. Die Konsequenz dieses Gedankens ist, daß wir schon unseren Urenkeln, wahrscheinlich auch unseren Enkeln, rückständige Menschen sein werden. Eine zweite Folgerung ist, daß wir annehmen müssen, daß wir ungemein hoch über jenen Menschen stehen, die vor 1000 oder mehr Jahren gelebt haben. (Große Menschen und führende Geister bilden wie gesagt Ausnahmen.) Wir müssen sie uns, nach dem Entwicklungs- und Fortschrittsgedanken. körperlich, geistig, sittlich auf einer niedrigen Stufe stehend denken. Fragen wir, wie sah die Menschheit in ihrer Kindheit aus, wie sahen Adam und Eva aus, so muß nach dem Entwicklungsgedanken die Antwort lauten: Das waren häßliche Menschen, niedrig stehend, was Sitte und Sittlichkeit betrifft, beschränkt im Geiste. Ein ganz anderes Bild entwirft der Talmud von Adam und Eva. Ihm sind, besonders vor dem Sündenfalle, Adam und Eva die herrlichsten, vollkommensten Menschen, die je auf Erden wandelten. Ein Lehrer berichtet: „Es war mir vergönnt, die zwei Fersen Adams zu sehen. Sie glichen der Sonnenscheibeh." Bei dieser Gelegenheit wird folgende Stufenleiter aufgestellt: Der Stammutter Sarah gegenüber sehen die anderen Menschen wie Affen aus. Sarah ist, was ihre Schönheit betrifft, ein Affe gegen Eva. Adam gegenüber ist Eva ein Affe. Die Schönheit Adams war so strahlend, daß ein Menschenauge ihren Glanz nicht zu ertragen vermochte. h Baba bathra 58s. Ein schwaches Abbild seiner Schönheit war der Stammvater Jakob. Ihn zu sehen, war den Menschen möglich, das Angesicht Adams zu sehen, blieb ihnen versagt. „Denke doch", fügen die Alken hinzu, „wie mag sein Gesicht beschaffen gewesen sein, wenn seine Fersen das Sonnenlicht verdunkelten-)." Wie seine Körpergröße, Kraft und Schönheit, so groß war auch seine Intelligenz. Diese bewies er zunächst, indem er den Tieren entsprechende Namen gab. Gott, so erzählt der Talmud, habe die Engel ausgefordert, den Tieren Namen zn geben; sie konnten es nicht. Adam konnte es. Sich selbst nannte er Adam, denn er sprach: „Ich bin meadama, von der Erde. „Wie wirst du mich nennen?" fragte ihn Gott. „Du sollst „Herr" genannt werden, denn du bist der Herr aller Geschöpfe")." Es ist zweifellos, daß es großer Intelligenz bedarf, Personen und Dingen ihrem Wesen entsprechende Namen zu geben. Ein fernerer Beweis seiner Intelligenz besteht darin, daß er, nach dem Talmud, der Erfinder des Feuers gewesen. Das geschieht in folgender Erzählung. Nach Berechnungen, die die Alten ausstellen, ging am Ausgange des ersten Sabbats zum erstenmal die Sonne unter. Adam, der den ersten Sonnenuntergang erlebte, erschrak gar sehr. Er sprach: „Nun wird Finsternis mich bedecken." Da verlieh ihm Gott besondere Geisteskraft. Er rieb zwei Steine aneinander, die Funken sprühten, es entstand Feuer, Licht. Adam hat also nicht, wie Prometheus das Feuer vom Himmel gestohlen, sondern es ging, nach den Alten, bei Erfindung des Feuers ganz natürlich zu: Adam schlug Stein an Stein'). Daß Adam auch sittlich auf hoher Stufe stand, dafür zeugt der Ausspruch, daß er ein großer Zaddik gewesen"), e i n solcher, der die dem Menschen mögliche Vollkommenheit erreicht hat. Das besagt der Satz: Adam hätte es verdient, vom irdischen Tode befreit zu bleiben, weil aber die Befürchtung nahelag, daß er, gegen seinen Willen, zur Menschenanbetung Anlaß geben könnte, wurde der Tod über ihn verhängt"). Diese Befürchtung war um so begründeter, als selbst die Engel Adam für ein göttliches Wesen hielten und ihn anbeten wollten. Ms die Engel ihn erblickten, so erzählt der Midraschh, wollten sie das dreimal Heilig sprechen. Um das zu verhindern, ließ Gott Adam in Schlaf verfallen, wodurch seine Schwäche offenbar wurde. Ans all dem geht unzweifelhaft hervor, daß, nach den Alten, Adam und, wie wir später sehen werden, Eva hervorragend an Geist wie Kövperschönheit waren. Wie bereits erwähnt, widerspricht diese Annahme dem Gedanken der Entwicklung, wie dem des menschlichen Fortschritts. Waren Adam und Eva so, wie sie die Alten schildern, dann haben wir nicht Fortsondern Rückschritte gemacht. Die Behauptung vom Fortschritt der Menschheit, ihrer höheren Bildung und Verfeinerung wäre eben nichts als eitles Gerede. Adam und Eva wären im Besitze dessen, gewesen, wonach wir vergebens streben im Besitze der Vollkommenheit. — Ging mit dem Tode Adams die Menschheit einem Verfalle entgegen, ging es mit ihr seitdem immer rückwärts, müßten wir uns wundern, daß wir noch sind, wie wir sind, daß wir geistig wie körperlich noch nicht ganz verkrüppelt sind. Wir stehen nun hör der Entscheidung. Wir müssen fragen: besteht ein Fortschritt der Menschheit, wie konnten die ersten Menschen auf einer solch hohen Stufe der Entwicklung stehen, Vollkommenheit erreicht haben, die vielleicht niemals erreicht werden wird? Haben die Alten jede Entwicklung, jeden Fortschritt geleugnet? -’) Levit. robb. 20. Z Genes, rabb. 17, Num. o. 19. ') Pesfachim 54a, Genes, rabb. II u. 12. R) Saib. 18b. 6) Genes, rabb. Abschn. 9. ') Das. 8, 12 u. a. B.