Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
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210 cinfamincfubcn jüdischen uni> sozial ist i scheu Stubenten, denen sich auch Kommunisten und Volkswehrsoldaten anschlossen, und den Deutschnationalen zu schweren Schlägereien, denen ein großes Wachaufgebot nur mit Mühe ein Ende bereiten konnte. Unter den Verwundeten befindet sich auch ein Wachkommandant. Tie Prügelei setzte sich leider heute fort. Als zur Unterstützung der jüdischnationalen Studenten kommunistische Arbeiter anrückten, mußte auch berittene Wache einschreiten. Mehrere Personen mürben verletzt und wiederum ein Dutzend Verhaftungen vorgenommen. Irr der Türkenstraße mißhandelte ein Zug deutschnationaler Studenten einen des Weges kommenden höheren italienischen Ossizier, der so ernst zugerichtet wurde, daß die Rettungsgesellschaft gerufen werden mußte. Die Universität wird zunächst bis 8. Maigeschlossen bleiben. Infolge der antisemitischen Hetze kam es zu mehreren Zusannnenstößen an verschiedenen Stellen der Stadt. - Wie wir erfahren, hat die amerikanische Mission eine diesbezügliche Anfrage an die Regierung gerichtet und mitgeteilt, daß bei einer Wiederholung derartiger Erzesse die ernstesten Konsequenzen gezogen würden. * Die Parlamentswahlen in Rumänien. Wie die Juden bei den kommenden Wahlen wählen sollen, darüber schreibt der Bukarester „Curierul Israelit": Entweder verzichten die Inden aus ihre Eigenschaft als jüdische Wähler und schließen sich irgendeiner vorhandenen rumänischen Partei je nach ihren momentanen Interessen an, was ein Verzicht aus die neu erworbenen Rechte wäre, wenn man bedenkt, daß die Juden zu gleicher Zeit in das politische Leben eingetreten sind wie die Bauern, die Rumänen und Minoritäten der neuen Gebiete Rumäniens. Wenn die Bauern die Notwendigkeit sahen, sich zu einer Bauernpartei znsammenzuschließen, die Siebenbürgcr einen Siebenbürgerblock zu bilden, sehen wir darin den besten Beweis, daß die alten rumänischen Parteien sich zu enge Grenzerl in ihren politisch-moralischen Zielen gezogen haben. Um so weniger können alle diese Parteien den geistigen und materiellen Interessen der Inden in Rumänien entsprechen, diese Parteien, die erst kürzlich über Nacht ihren Haß gegen alles Jüdische vergessen 311 haben scheinen. Es bleibt also nur eine zweite, die einzig richtige Lösung: Bildung einer jüdisch-nationalen Partei, die ihre selbstgewühlten Vertreter in das rumänische Parlament entsendet. Diese Vertreter werden nur dann oppositionelle Politik betreiben müssen, wenn man uns hindert, unsere Erziehung im Sinne des modernen jüdischen Geistes durchzusühren. In allen anderen Zielen soll mit den demokratischen Parteien Hand in Hand gegangen werden, da die jüdische Partei nicht als Gegner aufgestellt wurde, wie die.meisten Rumänen denken, wenn sie einen Zusammenschluß der Juden sehen. Nur die aus der jüdischen Partei gewühlten Vertreter werden den richtigen Weg finden, um unsere Rechte zu verteidigen, ohne außer acht zu lassen, daß wir eine Nation sind, d. h. eine nationale Minderheit im rumänischen Staate. Sie werden auch den richtigen Einklang zu finden wissen, der zwischen den Pflichten besteht, die wir als rumänische Bürger und als Söhne eines zukünftigen freien jüdischen Staates haben. * „L'Evenement" vom 14. April bringt einen Artikel von Enric F. B ra il n stein, betitelt „Frankreich und die Juden", in bem dargelegt wird, daß die aus dem Osten ein- resp. durchwandernden Juden allerlei Schikanen seitens der französischen Behörden wegen ihrer Papiere ausgesetzt seien. Der Autor warnt, dieses System weiter fortzusetzen, da die Emigrantenströme bei schikanöser Behandlung ihren Weg nach Amerika über Belgien oder Holland nehmen würden, was wahrscheinlich nicht im Interesse der französischen Schiffahrtsgesellschaften gelegen sei. Frankreich, so heißt es weiter, brauche Arbeiter; es entsende Kommissionen nach Polen, um Arbeitergruppen zu rekrutieren, und wenn Arbeitsuchende bei ihm anpochen, werde ihnen die Türe gewiesen oder man suche sie auf andere Weise fernzuhalten. Frankreich fruktifiziere schon von der antijüdischen Politik des Kardinals Dubois in Palästina; will es sich, so fragt der Autor, auch noch den Vorwurf der Intoleranz zuziehen und seinen Ruf als Land des Asylrechtes einbüßen? J. P. Z. ★ Resolution des Board of Deputies wegen Palästina. Auf Antrag des Präsidenten Stuart Samuel, der in seiner Rede auf den Ernst der Stunde hinwies, hat der Board of Deputies unter großem Beifall einstimmig folgende Resolution angenommen: Das Joint Foreign Committee wird aufgefordert, die jetzige Politische Lage in Palästina zu prüfen und die ihm passend erscheinenden Schritte zu ergreifen. Vor allem soll der Regierung mitgeteilt werden, daß der Board of Deputies die feste Hoffnung hegt, daß die englische Regierung ihren Entschluß, das Mandat über Palästina zu übernehmen, nicht ändern wird. Auch Lord Rothschild äußerte sich in einem Interview in der „Weeklh Dispatch", er glaube, England werde sein Versprechen halten und werde auf der Konferenz in San Remo endlich das Mandat über Palästina übernehmen. Neben Lord Rothschild und vielen anderen hat auch Earl of Crewe einen Appell der Zionistischen Organisation wegen Mithilfe bei der Schaffung eines jüdischen nationalen Heims in Palästina unterschrieben. J. P. Z. * Zionistische Festversarrirnlung in Berlin. Aus Anlaß des Palästinabeschlussesder Konferenz in Sa n R e m o fand am 29. April im überfüllten Saale des neuen Stadthauses eine große zionistische! Kundgebung statt, zu der sich mehrere Tausend Teilnehmer eingefunden hatten, während weitere Hunderte abgewiesen werden mußten-. Die Versammlung war eine Manifestation, wie sie hier in Berlin kaum jemals gesehen wurde. Die Reden wurden vom Publikum mit stürmischer Begeisterung ausgenommen. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorsitzenden Dr. Egon R o s e n b e r g , gab Professor Dr. W a r b-u r g , der Vorsitzende des zionistischen Aktionskomitees, einen kurzen historischen Rückblick auf den Entwicklungsgang der zionistischen Bewegung, vom Auftreten ab bis znm gegenwärtigen- Augenblick. Er gedachte der vielen führenden Männer, welche die Bewegung während! dieser Zeit verloren hat, und schloß mH dem Hinweis auf die großen Aufgaben, welche der Ivdenheit beim Aufbau Palästinas erwachsen. Nach dieser Rede, die von der tausendköpsigen Versammlung stehend angehört wurde, sprach das» Mitglied des Aktionskomitees Dr. Schmarja Lew in, der in warmherzigen Ausführungen den großen Moment der Erlösung feierte und den Augenblick, der dem jüdischen Volke die ersehnte Möglichkeit eröffnet, als einen „Trostsabbat" bezeichnete. Nicht durch physische Kraft, sondern durch ihren Geist sollen sich die Juden ihre Position im Lande ihrer Väter erwerben. Das sichtbare Symbol für diese Aufgabe ist mit der Grundsteinlegung für die Universität in Jerusalem eingeleitet. Frau Anita Müller (Wien), die sich durch die Organisierung, des jüdischen Hilfs-wertes im Kriege außerordentliche Verdienste erworben hat, appellierte an die Frauen, denen in Zukunft eine besonders verantwortliche und wichtige Aufgabe zufällt. Der Vorsitzende der deutschen Zionisten, Dr. Alfred K l e e, sprach von der hohen Bedeutung des Augenblickes, der das ganze Leben der jüdischen Gemeinschaft wandle. Das jüdische Land wird den jüdischen Menschen bilden. Nach einem temperamentvollen Appell des Vorsitzenden schloß die eindrucksvolle Veranstaltung mit der Absingung der Hatitwa. Wie wenig wir auch mit dem politischen Zionismus sympathisieren, so begreifen und würdigen wir doch die Freude und den Jubel der Zionisten und gratulieren ihnen aufrichtigen Herzens zu der Entscheidung von San Remo, die ihnen nunmehr die Möglichkeit praktischer Arbeit im Heiligen Lande bietet’ Mit der von dem Obersten Rat der Großmächte getroffenen Entscheidung, daß Palästina die nationale Heimstätte des jüdischen Volkes werden soll, beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte Israels, dessen großer Prophet schon vor Jahrtausenden das Wort geprägt hat: „Zion wird durch Recht erlöst!" Möge die Hoffnung, die ein großer Teil -der Weltjndenheit an die Entscheidung von San Remo knüpft, keine Enttäuschung erfahren! Für die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden ist und bleibt unser deutsches Vaterland die nationale Heimat.