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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-07 · Heft 19 (7.5.1920) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 19 (7.5.1920)
Date
1920-05-07
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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209 bin ich angesichts der 'bevorstehenden Wahlen zur Unterrichtung mtb namens der sehr zahlreichen, allen politischen Parteien angehörigen Bundesmitglieder und Freunde beauftragt. Sie zu bitten, die Stellungnahme Ihrer Partei klar zu umschreiben bezüglich a) der Judensrage im allgemeinen. Sodann bitte ich im einzelnen um klar? Feststellung der dortig vertretenen Anschauungen über b) sofortige Ausweisung der seit Kriegsbeginn zahllos in Tentschland eingewanderten Ostjuden und lveiterhin Verbot jeder ferneren Zuwanderung vonJuden überhaupt, ■c) Stellung der landsässigen Inden und Judenstnminlinge unter ein billiges Fremdenrecht, 1 d) amtliche Uebersetzung aller jüdischen Religionsbücher und zunächst der umstrittenen Stellen aus ihnen, o) Eheverbot Zwischen Deutschen und Juden, f) Schutz der deutschen Familiennamen gegen deren Annahme durch Juden und andere Ausländer. Einer Antwort wird bis zum 25. d. M. entgegengisehen, andernfalls angenommen lvird, daß die dortige Partei unsere Bestrebungen ablehnt. Mit deutschem Gruß, Kurt Kerlen, Landesgeschäftssührer. Die 'wißbegierigen Schutz- und Truhbündsler 'haben sich zunächst in der Adresse geirrt. Wir haben gar nichts zu umschreiben, weil unsere Stellung zu allen wichtigen Fragen der Politik, Wirtschaft und Kultur seit 50 Jahren genügend bekannt ist. Der Herr Landesgeschäftsisührer mag sich ein Erfurter Programm kaufen. Das vereinfacht die Sache wesentlich. Lediglich zu Punkt e): Eheverbot zwischen Deutschen und Juden, wäre kurz zu bemerken: Wer hat denn die Töchter der jüdischen Hochfinanz bis jetzt geheiratet? Uns ist kein Fall einer Hochzeit bekannt zwischen einem Fabrikarbeiter und einer mosaischen Millionärstochter, wohl aber weiß alle Welt um zahllose Ehen zwischen Offizieren, Diplomaten, Großunternehmern und ähnlichen Leuten mit ausgeprägtem Rassebewußtsein und Jüdinnen. Dielse Zeitgenossen sind aber politisch bei den Rechtsparteien organisiert, nicht bei uns. Dorthin muß sich Herr Kurt Kerlen also wenden. Das ist auch der beste Schutz gegen die Annahme 'beutfdiier Familiennamen. Ueber die Annahme, daß die ,-dortige" (patentes Deutsch!) Partei unsere Bestrebungen ablehnt, werden wir uns zu trösten wissen". * Auflösungsprozeß der deutschen Juden. Unter diesem Titel bringt die „Frankfurter Zeitung" vom 24. April folgende Ausführungen: Die Judenfragü spielt augenblicklich, namentlich im Zusammenhang mit dem Ostjudenproblem, in Deutschland eine große Rolle. Man spricht viel von einer angeblichen Ueberschwemmung mit unwillkommenen Einwanderern ans Galizien usw. Dieses schwierige politische Problem soll hier nicht behandelt werden. Wohl aber dürste es für manchen von Wert sein zu erfahren, daß sich die alteingesessenen deutschen Juden in einem ganz außerordentlich schnellen Auflösungsprozeß befinden. Ob man diese Tatsache bedauert oder begrüßt — weglengnen läßt sie sich nicht. Drei Kräfte wirken in dieser Richtung: die Taufe, der Makthusianismu's und die Mischehe. Bon diesen fällt die Tau.se am wenigsten ins Gelvicht, besonders wenn man die Merkmale für den Juden nicht nur in dem Religionsbekenntnis sieht. Erheblich bedeutsamer ist es, daß in lvenigen Jahrzehnten der sprichwörtliche Kinderreichtum ins Gegenteil nmgeschlagen ist. Schon vor dem Kriege erreichte infolgedessen bei den deutschen Juden die Zahl der Geburten nicht mehr die der St erbe fälle. Seit 1914 aber ist fraglos Jahr für Jahr ein ganz außerordentlicher Fehlbetrag in der Bevölkerungsbilanz cingetreten. Und rum zum dritten, den Arischehen. Früher, bei der großen Abgeschlossenheit der Juden, als sie noch zum großen Teil im.Getto oder aus kleinen Plätzen wohnhn, zählte eine Eheschließung zlvischen Christen und Inden zu den Seltenheiten. Das ist in den letzten Jahrzehnten und Jahren mit einer geradezu verblüffenden Schnelligkeit anders geworden. Amtliches Ziffer mrmt er ial hierüber wurde zuerst für das Jahr 1901 Mfammengestellt, und diese Reichsstatistik reicht bis in das Jahr 1916. Aus 109 reinjüdische Chen entfielen: 1901 bis 1903 1907 1914 1915 1916 17 23 50 104 75 Mischehen Es werden somit in den letzten Jahren schon annähernd so viel Mischehen zwischen Juden, und Christen wie reinjüdiche Ehen geschlossen. Wer die Verhältnisse näher kennt, wird sich über diese Dinge nicht weiter wundern. Das Einströmen der Juden vom platten Land und. ans dem Getto in die modernen Großstädte brachte ein Nachlassen der religiösen Observanz und eine gesellschaftliche wie geschäftliche Annäherung an die Nachbarn. Es ist kein Zufall, daß gerade die durch Reichtum und bürgerliche Stellung über den Durchschnitt ihrer Glaubensgenossen herausgeivachsenen Juden den weitaus größten Anteil zu öen Mischehen stellen und daß bei den jüdischen Angehörigen der freien Berufe, also Personen, die weniger als andere an eine gewisse Kaste gebunden sind, nachgerade die Mischehe fast zur Regel, die reinjüdische Ehe fast zur Ausnahme zu werden beginnt. Umgekehrt ist es recht amüsant, daß mit der fortschreitenden Mischung die Zahl der rassenantisemitischen Führer mit jüdischen Verwandten oder gar jüdischen Frauen immer größer wird. So viel wird heute der objektive Statistiker feststellen müssen: geht die Entwicklung so weiter und-kommt keine Massenwanderung aus dem Osten, so wird in weniger denn hundert Jahren in Deutschland von einem Judenproblem nicht mehr viel zu sehen sein. U Aus München wird uns geschrieben: In einer am 20. und 21. April in Nürnberg zusammengetretenen, von mehr als 200 Kultusgemeinden beschickten Tagung wurde ein Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden begründet. Der Verband soll als öffentliche Körperschaft im Sinne des Artikels 137 der Reichsverfassung die jüdischen Gemeinden in Bayern zusammenfassen. Die Hauptaufgabe des Verbandes wird die Fürsorge für die nicht genügend leistungsfähigen kleinen Gemeinden und ihrer Beamten sein. Zu diesem Zwecke ist dem Verband ein Besteuernngsrecht gegenüber den Verbandsgemeinden zugestanden worden. Die vorläufige Verfassung des Verbandes lvurde auf Grundlage eines von Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer (München) verfaßten und in eingehenden Referaten vertretenen Entwurfs beschlossen. Organe des Verbandes sind hiernach die aus allgemeinen Wahlen hervorgehende Tagung sowie der aus Vertretern der Gemeinden, Rabbinern und Gemeindebeamten bestehende weitere Rat; sein Ausführungsorgan ist der engere Rat. Wahlen zu Tagung und Rat sollen erstmals im Oktober 1920 stattfinden. Die Vorbereitung der Wahl obliegt einem in Nürnberg gewählten neungliedrigen Ausschuß. Mit der Schaffung des Verbandes ist eine seit mehr als einem Jahrzehnt bei den Bestrebungen für die Revision des bayerischen Judenedikts von 1813 stets in erster Linie aufgestellte Forderung erfüllt: die Heranziehung der Leistnngskrast .der Großgemeinden zur Erhaltung der Landgemeinden. Da im übrigen die Vorschriften des bayerischen Judenedikts durch Reichs- und Landesverfassung aufgehoben sind, insbesondere die freie Bildung von Gemeinden gewährleistet ist, haben damit die „Revisionsbestreb nngen", die seit dem Jahre 1907 die jüdische und allgemeine Oeffentlichkeit beschäftigt hatten, ihren erfolgreichen Abschluß gefunden. Die. Namen des unermüdlichen Vorkämpfers der Revision des Judenedikts, des Kommerzienrats Sigmund Frankel (München), und des Schöpfers der Verfassung, Oberlandesgerichtsrats Tr. N e u m eher, werden mit dem nengchchaffenen Verband und der Geschichte der bayerischen Judenheit dauernd verbunden bleiben. . * Antisemitische Exzesse in Wien. Aus Wien wird unter dem 28. Ilpril gemeldet: Die fc e u t f d) it et t i o it. a 1 e it Stud e n t e n , unter denen seit längerem eine auf ungarische weißgardistifch^kreise zurückzusührenöe antisemitische Hetze betrieben wurde, haben gestern ‘8!c Tore der Universität besetzt und den jüdischen Studenten den Eintritt verweigert. Es kam bis zu den Mittagsstunden zwischen den sich.

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