Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- Seite 208 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229461--75725-3288249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
, -208 Herrschaft in der Deutschnationalen Volkspartei offen zu stabileren. In einem „Deutschvölkffchen Arbeitsring" vereinigt, beschlossen sie, «sofort eine Liste aller Persönlichkeiten aus dem ganzen Deutschen Reich aufzuistellen, die diejenigen FührereiaensHasten besitzen, die notwendig zur Rettung unseres Volkes sind, und von der Parteileitung „nachdrücklich" zu fordern, „eine Anzahl führender Persönlichkeiten aus der deutsckwölkischen Bewegung in aussichtsreiche Stellen der WahlvorMäae zum Reichstag zu bringen". Zur Durchfübrung der Beschlüsse wurde ein Dreimän-nerausschuß eingesetzt, dessen Namen für sich selbst sprechen: Knüppel- Kunze, R. Wulle und der Pogrom-Privatdozent Dr.-Rüge (Heidelberal. Die Deutschnationale Volkspartei, 'der in besauter Elck'chlietzung attestiert wird, gemäß ihreß Programms den Kampf aeaen das Judentum ausnelunen zu können, wird dessenungeachtet mit schweren Vorwürfen überschüttet. sie habe nickü den ..fetten Willen zur Bekämpfung des Judentums". „Männer und Kranen, die dem Judentum rücksichtslos entaeaentreten, sind bisher fast gänzlich von den führenden Stellen der Partei fern-aebalten worden", auch „andere Mängel" noch finden die Pogromfreunde im Programm der DeU'tschnationalen Volkspartei, die ia nun weih, was sie zu tun hat. wenn sie den vernichtenden Zorn des Triumvirats vermeiden will. Aus Berlin und Umaeaend hört inan vorläufig betreffs der Kandidaten noch nichts Bestimmtes. aus dem Reich nicht viel, Elemens v. Delbrück, den die Antisemiten Thüringens in so schroffer Weise abaeiägt haben, toll nun doch auf die Reichsliste kommen, auch Professor H ötz>l cb soll sich, entaeaen anderslautenden Meldnnaan. ul einer Kandidatur bereit finden lassen, ltnb der cntacnMtdf* licke Heros aller Antisemiten und Reaktionäre, der betriebsame Herr Helfferi eb . kandidiert sogar doppelt: in Braunschweia-Hannover und Hessen-Nassau, wo er offenbar als brauchbarer Ersatz fitr den - soweit man sieht nicht wieder erscheinenden Ernintr'emiftn L a t t m a n n gewertet uürd. Das bat er ia auch um die völkische Sache Wohl verdient, und sein Auftreten in der ersten Wablversauunlnna in Hannover zeigte deutlich, daß er das Zutrauen seiner augenblicklichen Kamvfm nollen kaum so mißbrauchen wird, wie er einst seine früheren freiheitlichen freunde enttäuschte. Mann über Bord! Es bleiben andere, die der Wahrheit bei nutzt bleiben, die Ludwig Bamberger in einer Wahlrede 1892 aussprach mit den Worten: ..Der Antisemitismus ist eine derienieen formen, welch" die Teind" der Freiheit n-äblt-en, mit diese ,m bekam wen. Gerade indem sie jetzt zu den niedrigsten und ek.'M-astesten Waffen griffen, bezeugen ne. »ot schwer es ist. die Liberalen noch mit anständigen Waffen zu besiegen. Das beste Mittet der Abwehr ist die liberale Bewegung selbst. Das sage ich immer auch allen denen, die diese Abwehr ans konfessionellem Boden betreiben »vollen, geh rrnie ihnen zu: Seid liberal, dann bekämpft ibr am wirksamsten den Antisemitismus, wie die Reaktion den Antisemitismus hegt, um da? liberale Prinzip zu bekämpfen/' £ D i e Razzien i m S ch e u n e n v i e r t e l gehen weiter, obwohl' das bisherige Ergebnis dieser Menscheniagden -durchaus unbefriedigend war. Tie Truppen sperren das erbeutete ostsüdische Wild in den Hof der Aleranderkaserne und können schließlich von 299 bis 399 Personen 3 bis 3 Prozent in Hast nehmen. Auch eine kürzlich abgehaltene Razzia hatte ein ähnliches Ergebnis. Nach den Erfahrungen, die bei den wiederholten Razzien der letzten Monate gemacht worden sind, wird ein Urteil über die Maßnahme erst nach dem Ergebnis der Untersuchung zil fällen sein. Immerhin ist die Tapferkeit, mit der die Polizei gegen die gefährlichen Ostjuden vorgeht, zu bewundern. Ta unsere Offiziellen mit der Iudenjagd zu sehr beschäftigt sind, ist es auch weiter gar nicht verwunderlich, daß folgende Anzeige tn einer Berliner Zeitung erscheinen konnte, ohne bei der „überlasteten" Polizei bemerkt zu werden: „Höchstzahlend kauft Landwirt Militäroffiziersuniformen, Stiefel, Schuhe, Tuch- und Reithosen, Anzüge, besonders Drillichanzüge, Zeltbahnen und Jagdgewehre." Man fragt sich? Was will der Landwirt mit den Militärausrüstungen? Es scheint fast, als ob er aus wütendem Antisemitismus eine Produktenhandlung aufmachen und mit den jüdischen Althändlern in Konkurrenz treten will. Durch die Absicht, Juden zu schädigen, scheint er unseren Offiziellen so sympathisch geworden zu fein, daß sie die Eigenart dieses laüdwirtschaftlichen „Unternehmens" nicht 'bemerken. Vielleicht erhofft man sogar aus diesen Kreisen Unterstützung bei weiteren Judenjagden. * Die „Ostjudenschwärine" in Deutschland. Liest man die deutschnationalen und sonstigen konservativen Zeitungen, so sind die Ostjuden in Schwärmen wie die Heuschrecken über Deutschland hergefallen. Wie übertrieben die Vorstellungen über diese Zuwanderung in Wirklichkeit sind, hat Dr. Paul Nathan vor einiger Zeit treffend dargelegt. Nunmehr bietet sich die Gelegenheit, an Hand von amtlichen Mitteilungen derjenigen deutschen Großstadt, die nach Mitteilungen aus unbekannten Quellen durch Ostjuden ganz besonders „verseucht" sein soll, nachzuweisen, wie sehr in diesen Dingen übertrieben und dadurch au der Beunruhigung der Oeffentlichkeit gearbeitet wird. Der Magistrat der Hauptstadt Breslau hat am 6. April d. I. eine interessante Denkschrift in Sach.'n Wohnungsbau heraus gegeben und zu dieser Denkschrift tabellarische Anlagen gefertigt, ans denen sich auch der Zu- sowie Abgang von Aus- und Inländern nach und von Breslau ergibt. Aus diesen Zahlen möchten wir die folgenden hervorheben: Es sind polizeilich gemeldet worden als von auswärts nach Breslau zu dauerndem Aufenthalt zugezogen im Jahre 1918 116 121 Personen, davon aus Oesterreich-Ungarn, Rußland und Polen im alten Umfang: 3357! Das bedeutet: Nur 2,9 Prozent sämtlicher Zuzüge kamen im Jahre 1918 auf. das Konto des Ostens, wobei noch zu berücksichtigen ist, daß zu diesen Zuzügen aus dem Osten nicht nur Juden das Kontingent gestellt haben. Für das Jahr 1919 sind die Zahlen für Breslau folgende: 128 908 Zuzüge im ganzen, davon 2592 ans den genannten östlichen Gebieten, was einer Prozentnorm von 1,9 gleichkommt. $yür die beiden Monate Januar und Februar 1920 sind die entsprechenden Zahlen: 13 219 Zuzüge im ganzen, darunter 259 (gleich 1,9 Prozent! aus dem Osten. Des ferneren ist aber noch, wie aus dem Material des Breslauer Magistrats hervorgeht, zu berücksichtigen, daß den 3357 Zuzügen ans dem Osten im Jahre 1918 1441 Abzüge im Jahre 1918 nach dem Osten gegenüberstehen: den 2502 Zuzügen von 1919 998 Abzügenach dem Osten im -gleichen Jahre und den 259 Zuzügen im Januar/Februar 1929 98 Abzüge in den Osten in denselben zwei Monaten. Der Breslauer Magistrat gibt in einer dritten Tabelle schließlich mich einen Blick, der verstattet, den Ueberschnß der polizeilich gemeldeten Zn- und die polizeilich gemeldeten Weggezogenen zu ermitteln. Danach brachte das Jahr 1918 einen Gesamtüberschuß von 48 585 Personen, und der Osten partizipiert an dieser Zahl mit sage und schreibe 1916, d. h. 4, 3 Prozent. - Für das Jahr 1919 sind die entsprechenden Zahlen: 37 925 und 1518, für den Osten also 4,1 Prozent, und endlich für die Monate Januar/Februar 1929 8571 gegen 166, gleich 4,6 Prozent. Ueberblickt man diese Zahlen und vergegenwärtigt man sich, welches Geschrei im Anschluß an diese Dinge erhoben wurde und aus nur zu durchsichtigen Gründen weiter erhoben wird, so mutz man erkennen, das; kaum jeinals mit derartiger Leichtfertigkeit operiert worden ist wie in Sachen des „ungeheuren Zustroms" der Ostjuden nach Deutschland. * Der neugierige Schutz- und Trutzbunv. Die „Fränkische Tagespost" Nr. 84 berichtet: „Dem Vorstand des Sozialdemokratischen Vereins Nürnberg geht folgendes Schriftstück zu: Dem Borstand der mehrheitssvzialistischen Partei Nürnberg!, Breite Gasse 25. Als Geschäftsführer für den Landesverband Bayern des über den politischen Parteien stehenden Deutsch-Baltischen Schutz- und Trntzbnndes