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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-07 · Heft 19 (7.5.1920) · p. Seite 207

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 19 (7.5.1920)
Date
1920-05-07
Page
Seite 207 (sequence 3)
Language
German
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207 Die Polizei kann nicht jeden fassen; Hurra, das Verbrechen ist frei, die Moral ist entthront. Narren, die sittlichen Denker und Bildner! Manche Arbeiter stehen dem Handel zu fern, um ordentliche Schleichhändler zu werden; ja, sie wollen nicht einmal stehlen. Da suchen sie durch Streiks ihre Löhne zu erhöhen. Die anderen sehen's nicht gern, müssen aber schließlich manches bewilligen. Wird es ihnen gelingen, die Löhne mit dem ständig teurer werdenden Lebensbedarf im Einklang zu halten? Wird -nicht die Valuta durch immer neue Ausgaben des Staates für Löhne, Sachen, Renten, für Wiedergutmachung an den Feind immer wieder schlechter, das Leben immer wieder teurer werden? Doch genug der grausigen Bilder. Ungeheuere L a st e n sind jetzt aufzubringen, um unser Volk wieder lebensfähig zu machen und die größten Gefahren von ihm abzuwenden. Durch Steuern müssen zuerst die Schuldenzinsen aufgebracht und die Kapitalschuld, wenn möglich, verringert werden, müssen Renten und Pensionen ohne neuen Notendruck beglichen und schließlich auch Mittel zum Aufbau der verwüsteten Länder des Feindes geschaffen werden, Für Idealisten und kleinere Kapitalrentner werden diese Lasten sicherlich unerträglich sein. Aber auch den Arbeiter werden sie sehr schwer drücken. Die eigentliche Schicksalsfrage ist aber, ob die großen Kapitalisten einen genügenden Anteil ihres Konjunkturgewinnes herausgeben werden, da sie allein zur Ausbringung der Lasten imstande sind. Die enorme Höhe der Gewinne hat sie nie erschreckt. Werden sie jetzt denselben Gleichmut bewahren oder wird die Größe des Anteils, den sie herausgeben sollen, sie in Verwirrung setzen? Wird ferner die staatliche Gesetzgebuna solcher Verwirrung Meister werden können? Die Höhe der Forderunaen ist ungeheuer, aber nicht mehr zu vermeiden. Wird das Volk sie erfüllen? Die Gewinnsucht beschränkter Unmenschlichkeit hat den Krieg herbeigeführt so spricht nicht mehr der Zweifler, sondern der aufrichtige Wi sser; sie ist es auch, die den Gedanken des ewigen Friedens in ewige Ferne rückt. Sie darf das jetzige Chaos nicht unlösbar machen. Noch ist es zur freiwilligen Buße Zeit, die einen Anfang der Reinigung der Gewissen und Gesinnungen herbeiführen könnte. „Werden die Frevler nicht bestraft, wie sollten sie Erkenntnis lernen?" Die Zahlung der Buße ist nicht mehr abzuwenden, da sonst gewaltsame Erschütterungen, deren erste Wellen wir schon erlebt haben, über uns kommen müssen, um gewaltsame und gefährliche Heilungsversuche anzustellen. Aber auch die sittliche Weltordnung läßt es nicht zu, daß der Geist unsittlicher Erkenntnislostgkeit, der Egoismus der Konjunkturspekulanten, diesen furchtbaren fünfjährigen Weltkrieg ungefährdet überstehe. Das wäre der Ruin aller Sittlichkeit und aller Religion. Für unabsehbare Zeiten würde dann Dichtung zur Gaukelei, Geist zur Narretei, Religion zum Aberglauben und Sittlichkeit zur Kinderphantasie werden. Es ist echt jüdische G e s ch i ch t s a xt f f a f f u n g , die pessimistisch-sittliche Auffassung der jüdischen Propheten, die von der Entwicklung d e r G e s chicht e s e l b st die Bestrafung der Unsittlichkeit verlangt, damit der Sittlichkeit überhaupt ein Zugang zur Wirklichkeit des praktischen Lebens bereitet werde. Die Zahlung der Buße ist aus praktischen Gründen unabwendbar, aber sie wird auch von der sittlichen Weltauffassung verlangt. Vor dem Kriege konnte der Ethiker daran denken, durch Verfolgung und Verhinderung der Gesetzesumgehungen den Sinn für Gerechtigkeit zu heben; ferner die Schwachen der großen Volksmasse dadurch besser gegen Ausbeutung zu schützen, daß die allgemeine Schulbildung gehoben und auch die Ein- Ncht in die wirtschaftlichen und technischen Erfordernisse der einzelnen Berufe und Gewerbe hurch Fachschulung gefördert würde. Doch wer hatte damals für so nebensächliche Dinge Interesse in jener so vollkommenen Zeit! Der Krieg brachte dann den Gedanken nahe, daß das Volk zu tieferer geschichtlicher Einsicht durch Vertiefung der allzu formalen Schulbildung und dadurch zugleich zu größerem politischen Interesse geführt werden müsse. Jetzt sind alle diese Aufgaben in weite Ferne gerückt. Denn jetzt sind dem Staat alle Ausgaben durch die drückende Notlage, durch den Schrei der Not diktiert. Die Gewinnsucht muß dahin zurückgelenkt werden, daß sie die nötigen Mittel herausgibt, damit Volksgemeinschaft und Volksgenossen wieder leben können. Erst nach solchem Bußopfer der Gewinnsucht kann eine Gesinnung entstehen, die neuen Katastrophen Vorbeugen läßt und eine Aufrichtung der Sittlichkeit für die Zukunft möglich macht. Volk und Staat sind in größter Gefahr. Aber viel Größeres steht noch auf dem Spiel: Existenz und Möglichkeit aller Sittlichkeit. Das Judentum ist nicht O p t i m i s m u s; es wäre sonst so fad, wie Schopenhauer es darstellt. Es gleicht aber auch nicht dem Nihilismus Buddhas, sondern ist P r o p h e t i sm u 8. Es steht mit dem strengen Auge des Richters der düsteren Wirklichkeit ins Antlitz und erwartet von der Entwickelung der praktischen Notwendigkeiten, daß der Unsittlichkeit schließlich Einhalt geschieht und eine Umkehr zur Sittlichkeit angebahnt wird. Bit Mochr. Berlin, 3. Mai. rotz aller Bedenken, die einer Wahl vor den Abstimmungen in den bedrohten Gebieten entgegenstanden, mußte sich die deutsche Regierung vorzeitig zur Ausschreibung von Neuwahlen .entschließen, um »die durch das Verbrechen Kapps und seiner antisemitisch-reiaktionären Spießgesellen Bredereck und Genossen hervorgerufene Beunruhi* gung der Bevölkerung zu bannen. Freilich ist das nun ailch wieder den völkischen Herren nicht recht, droht ihnen doch der Plltschwahnsinn die Wahlaussichten noch mehr zu ruinieren, als selbst die blutrünstigste antisemitische Hetze aufzuwiegen imstande sein dürste. Daher die plötzliche Durchschlagskraft, die die Gründe gegen baldige Neuwahlen auf Herrn Dietrich und seinesgleichen ausüben. Zweifellos wäre es besser gewesen, die Nationalversammlung hätte ihre Arbeit in Ruhe beenden, besonders auch die Wahlgesetzberatung für die Dauer erledigen können, und man hätte nicht in den Abstimmungsgebieten den Gedanken auskommen zu lassen brauchen, man gäbe sie schon verloren und wähle daher, bevor noch ihr Schicksal entschieden 'sei. Alle diese Nachteile kommen auf das schon so schwer belastete Schutdkonto der Antisemiten und ihrer reaktionären Schleppenträger. Der Wählkampf hat bereits mit aller Schärfe eingesetzt, die ersten Kandidatennormierungen werden allmählich bekannt. Nun also soll die „antisemitische Welt", um mit Herrn Hergt zu reden, den Wählkalnpf für die Deutschnationale Volkspartei bedeutend erleichtern. Ein sehr Peinlicher Auftakt freilich war für diese Partei der Austritt des eigentlichen Vaters des D. N. V.-Gedankens, v. Kardorff, rsowie der früheren freikonservativen Abgeordneten Dr. Arendt und v. Dewitz nach der Niederlage, die ihr Wortführer H ö tzsch im Parteivorstand gegen den mit dem radikal-antisemitischen Flügel durch dick und dünn gehenden Grafen Westarp erlitt. Diese Niederlage mußte naturnotwendig erfolgen, denn die Deutschnationale Volkspartei hätte die Abspaltung der Deutschkonservativen, die Graf Westarp androhte und der die völkischen Kreise sich zweifellos angeschlossen hätten, nicht überleben können, zehrt sie ja doch nur von der Agitation dieser Leute. Das wissen die Antisemiten sehr wohl, und so benutzen sie die Verlegenheit der Partei dazu, ihre Schreckens-

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