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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-05-07 · Heft 19 (7.5.1920) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 19 (7.5.1920)
Date
1920-05-07
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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. 206 Aber es ist der Ausdruck dafür, wie weit verbreitet die eigen- ' nützige Gesinnung ist, wie gering das Recht des Nebenmenschen geachtet ist. Hat denn der Laut gepriesene Kant so vollständig unrecht, daß es auf das Bewußtsein, auf den guten [ Willen gar nicht ankommen soll, sein Mangel ruhig soll geduldet werden können und der oberflächliche Schein einer formalen Ordnung für die Sittlichkeit genüge? Viele Geschäftsleute werden davon reich, daß sie die Unwissenden, wirtschaftlich Unkundigen und wirtschaftlich Schwachen, systematisch ausbeuten. Hört, wie sie miteinander geschäftlich zweideutig verhandeln! Wie jeder lauscht, ob ihn nicht der andere mißverstehe oder halb verstehe, -bannt er ihn he.reinle.gen könne? Geht auf die Straße und seht, wie sich dort die Menschen behandeln! Wie jeder dem anderen Bosheit zutraut und sie mit Bosheit zu vergelten sucht! Wie sie sich zu beleidigen suchen und bei jeder Kleinigkeit ins Gesicht schlagen, als Hütten sie nie etwas von der Würde des menschlichen Antlitzes gespürt. Die Wohltätigkeit wirft Brocken hin und sucht damit die zurückgesetzten Schichten der Bevölkerung zu beruhigen. Mit dem Schein der Wohltätigkeit wird der Ernst des Lebensinhalts verdeckt, der in Geschäft, in Nur-Geschäft, oft nur in Betrugsgeschäft besteht. Geschäftliche Kälte, Scheinehrlichkeit, Roheit in der Behandlung des Mitmenschen und sinnliche Unsittlichkeit waren Merkmale der Paradiesisch schönen Zeit des Jahres 1913. 19 14 bis 1915: Dann aber erwachte das Volk, das Kind ward zum Mann, der Tändelnde zum Löwen, der Spielende zum Helden. Man kam zu sich und ward ganz selbst. Schön war die Zeit des 1. A u g u st 1914. Denn der Krieg auch hat seine Ehre, der Beweger des Menschengeschicks. Er öffnete dem Aestheten die Augen dafür, wieviel Spielerisches, Unechtes, Unwahres an seinem Treiben gewesen war, damals als die nackte Menschlichkeit mit ihren Instinkten ihm entgegentrat. Selbst Leute etwas höheren dichterischen Ranges wurden in ihrem Glauben an sich imfc ihr Tun schwankend und glaubten, neue Ideale aufsuchen zu müssen. Knaben aber, welchen diese Geschäftswelt noch unbekannt war, ergriff tollkühner Opfermut für eine heilige, ideale Sache. Das Volk aber glaubte, vertraute: ein Reich, ein Kaiser, ein Volk. Wir müssen siegen. Und sind der Feinde noch viel mehr, viel Feind viel Ehr. Und Lazarette entstanden, Lazarettzüge wurden gestiftet, die Wohltätigkeit hatte es wieder gut. Sie hatte viel, recht viel sogar zu tun. Warum sollte auch der Deutsche der Regierung nicht vertrauen? Waren die Geschäfte nicht in den letzten Jahrzehnten! immer besser gegangen? Durch manche Fährnisse hatte die ' kaiserliche Regierung hindurchgeführt, war aber stets nüt unbezminglicher Macht aufgetreten und hatte Beute hereingebracht. Dieses Kriegsabenteuer mußte ebenso endigen. Es würde zu Reichtum führen, zu unvergleichlich größerem als bisher. Und jeder würde seinen Teil daran haben, der Große viel, der Kleine etwas weniger. Was vermochten die anderen, die neidischen Tölpel, die wir überholt hatten? Der oberflächliche Franzose, der saute Engländer, der schlampige Italiener, der dumme Russe. Nur weiter in dem Zuge, in dem wir ^o schön darin sind! War ja etwas bedenklich gewesen dieser Einfall in das schwache Neutralien, gerade in dasjenige Land, das durch seine Neutralität einen Krieg verhindern sollte. War ja auch etwas auffallend diese eilige.Schärfe des nicht starken Oesterreich, in dem große Volksteite uns nicht einmal günstig gestimmt waren; beides zusammen um so auffallender. Doch darüber denkt man nicht nach; Denken ist schädlich, hinderlich. Wir sind zu Größerem geschaffen, als wir bisher erreicht Haben. Ohne Krieg, ohne forsches Durchsetzen unserer Kraft können wir es nicht erreichen. Jetzt werden wir es erreichen. Halb Belgien, die Erzbecken Nordfrankreichs. lieber die uns mißgünstigen Stämme Oesterreichs, über den Balkan und die Türkei hinweg nach Mesopotamien und Asien. Frankreich ausschatten, England bedrohen, Rußland knebeln. Da braucht man nicht viel zu fragen. Großer Reichtum winkt, große Macht. Knirschend werden sich auch die.Slawen des Ostens beugen. * - ,. Ein kühner Plan?aber auch unglaublich verwegen, s a g t e n d i e Zwe ff ler. War es gut, sich zu fast allen großen Kulturstaaten in Gegensatz zu stellen und außerdem auch noch zu großen Teilen.der einzigen verbündeten österreichischen Macht? War das der Weg, der zum Völkerfrieden und-zur Menschheitseintracht führt? Entsprang solcher Wille sittlichem Idealismus, sittlichem Streben zur Erhaltung, Stärkung, Förderung der Menschheitsbrüder? Ging, das auf ewigen Zusammenschluß der Völker oder auf ewigen Krwg? Sicher, die Probleme der Ordnung der Völker sind schwer zu lösen; ob sich hier aber auch nur der Wille zu solcherLösung äußerte? Bestand bei uns Vertrauen in die sittliche Weisheit der Leitung oder nur in deren geschäftliche Kühnheit und Macht? Hatte das Volk die langen Jahre vorher eine Lösung durch sittliche Weisheit oder solche durch Macht erstrebt und begünstigt? 19 19: Und wieder ward Waffenstillstand, der Vorbote des Friedens. Schnell läuteten die Glocken des Völkerbundes den ewigen Frieden ein, wie er ja nach jedem großen Kriege erblüht war und ihn vor Jahrtausenden schon die gewaltigen Propheten Micha und Jesaja ersehnt hatten. Der Krieg war zu Ende. Er mußte nun möglichst schnell vergessen werden. Man lasse das Vergangene ruhen! Nur der böse Kaiser war daran schuld gewesen. Das gute, unschuldige Volk hatte sich eigentlich um.nichts gekümmert und nur so mitgemacht. Nun kann das Geschäft wie früher weitergehen, nur ohne Kaiser und schließlich auch ohne Mesopotamien. Wozu sich Sorgen machen? Eigentlich ist es wieder ganz schön! Aber die verwüsteten Länder? Ist es nicht nötig, sie wieder aufzubauen, und wie kann dies geschehen, woher die Mittel dazu nehmen? Die Erwerbssucht hatte während des Krieges nicht gerastet. Sie kam vielmehr, obgleich der glückliche Abschluß noch nicht erreicht war, ja ganz ohne Rücksicht auf ein glückliches oder ein trauriges Ende des Krieges weit besser als in Friedenszeiten zu ihrem Erfolg. Darum hatte auch die Kriegslust so viele Jahre lang ausgeharrt, durchgehalten. Gerade die Umwälzungen des Krieges hatten ungeheuer zu verdienen gegeben, besonders denen, die sich um die Folgen ihres Erwerbes für die Allgemeinheit nach hergebrachter guter Art nicht im'geringsten kümmerten, und ihren Dienern. Kriegsindustrie einerseits und Handel mit Lebensmitteln aller Art anderseits forderten zu wucherischen Gewinnen, zur Ausnutzung des Bedarfs und des Mangels geradezu heraus und brachten berghohen Nutzen. Nun waren aber Reich und Staaten verarmt, weil sie außer den Kriegsnotleidenden noch die vielen Kriegsgewinner hatten bezahlen müssen. Aufbau e n sollten sie auch noch, die armen öffentlichen Kassen! Deutschland kann sich auch in Zukunft in vielen notwendigen Artikeln nicht selbst versorgen. Welcher Ausländer wird aber das gefährdete Geld des völlig ausgeplünderten deutschen Staates ohne hohen Aufschlag als Bezahlung der Einfuhr annehmen? Die inländischen Lebensmittel reichen nicht für alle Bewohner aus. Wer von der großen Masse der Aermeren kann sich in Konkurrenz mit den reichgewordenen Ausbeutern und Kriegsgewinnern seinen Anteil an ihnen sichern? Knappheit und darum unerschwingliche Preise im Inland, noch unerschwinglichere Preise für Auslandsware: das nennt man Valutasturz, ein Merkmal unserer schönen Zeit. Viele helfen sich durch Beteiligung an Schleich- und Kettenhandel oder durch Raub, Diebstahl und Hehlerei: oh, der Erfolg macht zufrieden, wer fragt noch nach Moral und Nebenmensch; jede Sache ist gut, die nützt; altmodische Begriffe! Wirst du bewuchert, so bewuchere selbst andere! Wirst du bestohlen, stiehl auch du!

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