Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 84. Jabrgsng Nt. 19 Berlin, 7. Mai 1920 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. 2lbonnementS‘Prtis: durch den Buch» Handel oder die post (in Berlin und vor« orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 AI. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ffttftsHf * Die Prüfung. Von Rechtsanwalt M. L e w ins k i (Berlin). JJ U1JUU «— D i e 26 och e. — Tie Juden und die Berliner PorzellanmanusaktuT im Zeitalter Friedrichs des Grvtzen. Von Dr. Willi) Cohn. — Adam und Eva im Talmud und Midrasch. Von Rabbiner Dr. Josef Stier s. A. — Feuilleton: Esther. Roman von Clement ine Krämer. — Literarisch e Mitteilungen. — B ü ch e r e i n l a n f. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Landsberg a. W., Braunschweig, Weimar, München, Köln, t>en Haag. — Von Nah und Fern. Die Krükung. Von Rechtsamvnlt M. Lewin'fki (Berlin). 1913: Schön ist der Friede, ein lieblicher Rnabe. ir Optimisten fanden ihn schön. Die Menschen hatten zu leben. Sie wußten wenigstens, was sie hatten, und der Morgen konnte es ihnen nicht rauben. Teuerung lind Valuta gab es nicht. Und trat wirklich einmal eine Teuerung ein -- was man. damals so nannte , so streikte man ein wenig und forderte. Der Arbeitgeber ertrug dann die kleine Zulage und beide Teile, Arbeitgeber und Arbeiter, wußten, daß nun auch das Gleichgewicht wiederhergestellt war und mit einer ruhigen Weiterentwicklung gerechnet werden konnte. Jener brauchte weitere unabsehbare Lohnsteigerungen in seine Kalkulation nicht einzustellen: dieser konnte wieder seine Rechnung für die Zukunft aufstellen, was er gebrauchen würde, was er sich leisten und was er etwa sparen könnte. Das Leben war also „menschlich". Denn man lebte nicht von des ungewissen Zufalls Gnaden, sondern gemäß einer Berechnung, also mit einer gewissen Sicherheit, wie es die menschliche Vernunft erfordert. So schien alles planvoll und in bester Ordnung eingerichtet zu sein. Jeder hatte seinen Platz im Weltplan, an dem er verwertet wurde, aber auch sichergestellt war. Das Leben des Tieres, auch der Standpunkt des Wilden war überwunden. Man brauchte weder zu verzweifeln, noch auf verwegenen Raub auszugehen. Wer auf Raub allsging, wurde als Räuber geächtet. Wenn einer unterging, so war das eine Ausnahmeerscheinung menschliche Dinge können ja nicht vollkommen sein. Wenn einer plünderte, so würde man ihn schon fassen: denn die Ordnungsmacht war weise und unbestechlich. Und'lebten noch viele auch nur so, daß ihre Lebensbnsis nur schwach war lind sie nur mit einem kümmerlichen Auskommen rechnen konnten, so war doch das nationale Leben im Ausstieg begriffen. Die Geschäfte gingen jedes Jahr besser: da würde für alle wieder etwas absallen lind sich die allgemeine Lage heben. Die Staatsmittel strotzten in Macht und Pracht. Das Heer eine schimmernde Wehr. Der Kaiser fuhr oder ritt durch die Linden in Berlin sausend und brausend, als Symbol der Macht und der Sicherheit, als Garant für den ständigen Allfstieg, herrlich anzuschauen. Jeden Frühling erneuerte sich der Mensch mit Hoffnung auf vermehrte Blüte. Und die Geistlichen sangen ihr Halleluja dem Herrn, der schon bei der Schöpfung der Welt bestätigt hatte, wie alles so gut und herrlich sei. Was war die Sünde? Eine Kleinigkeit, eine Anomalie, gegen die sie eiferten, um nicht überflüssig zu erscheinen. Oh, der Mensch war gut. Wem es gut geht, wer reich ist, der ist auch gut. Gönne es ihm, Gott hat es. ihm gegeben: denn jeder Arbeiter hat seinen Lohn. Darum sei Optimist, glaube an die Herrlichkeit der menschlichen Ordnung, arbeite an deinem Platze, und du brauchst nicht zu grübeln oder gar zu verzweifeln, da doch die ganze Welt in Ordnung ist! Doch mit des Geschickes Mächten? Aber die Wohltätigkeit! Wo ist man so wohltätig wie bei uns? Das kommt von unserem Kant mit seinem absolut reinen kategorischen Imperativ, der uns in Fleisch und Blut eingegangen ist. Bei uns läßt niemand den Nebenmenschen untergehen, weil wir den Sinn für Humanität haben, das wahre Mitgefühl. Wohltätigkeit regt sich an allen Enden und fi'ir jegliche Not. Zmr die unausbleibliche Enge des Arbeiters aber sorgt die soziale Gesetzgebung mit ihrer Hilfe bei Krankheit, Alter, Unfall und Invalidität. Der Z w e i f l e r s p r a ch: Siehst du denn nicht, daß jeder nur seinem Gewinne nachjagt und gar kein Verständnis für den Mitmenschen hat? Sicherlich, eine gewisse Ordnung herrscht; wir leben nicht in einem Land und in einer Zeit großer wirtschaftlicher Umwälzungen mit gefährlicher Machtstellung wirtschaftlicher Eroberer und großen Schwankungen in den wirtschaftlichen Verhältnissen. Darum weiß wohl ein jeder, was ihm normalerweise geleistet werden wird, und die Ordnungsgesetze haben im allgemeinen ihre Geltung. Aber wo ist etwas vom kategorischen Imperativ des Pflichtbewußtseins zu merken, wer denkt an Mitgefühl, Menschengemeinschaft, an eine uns alle mit ihrer Würde umkleidende göttliche Welt, der wir verantwortlich sind und der wir uns als gleichwerten Bestandteil erweisen müssen? Worin ähnelt dieses Schieben und Hasten der Streber und Genußmenschen der Sehnsuchtsphantasie unserer Humanisten, dem Ideal unserer Dichter, Sänger, Gottesmänner? Bei uns geht man nicht auf Raub aus? Wenn die offenkühnen Iaeibeuternaturen fehlen, gibt es nicht genug v e r st e ck t e Beutemacher, Unterdrücker, Betrüger? .Hat inan nicht in jeder Gesetzesvorschrift eine Lücke gefunden, um sie alltäglich betrügerisch zu umgehen? Haben sich nicht ganze Gewerbe gebildet, um von dein Betrug der Umgehung eines Gesetzes zu leben? Mittel und Wege, um die peinlich offensichtlichen alltäglichen Verhöhnungen des Gesetzes zu verhindern, haben die Gerichte nicht gesunden. Schiebern erlauben sie, üppig zu leben und ihre Familie, der sie sich entziehen, darben zu lassen. Das höchste Gericht sanktionierte viele Jahre hindurch die schlimmste Schiebung, bis sich endlich eine Wirtschaftsgruppe zusammenfand, die eine längst unumgängliche Gesetzesänderung forderte. Ich höre Leute, die dies alles, so alltäglich und allbekannt es ist, als unbedeutend und nebensächlich finden.