Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1920)
- Date
- 1920-04-30
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Ijöupt irgend etwas über Inden und Judentum einmal gelesen,, außer den Dingen, die von Haß gegen - u ns erfüllt sind? — Aus-? ehrlicher kornmt er bei der Bohcmdlung der Bundesgenossen und der Besprechung des österreichisch-ungarischeir Heeres auf die Judenfrage sprechen. Er sagt: „Hohe Offiziere und viele andere Oesterrei-cher ^zeichneten die zahlreichen Juden unter den Offizieren und Mannschaften als den Krebsschaden der Truppen. Die Judenfrage hat bei uns im Heere trotz allem Lärm kaum eine Rolle.gespielt. Sie wird sie aber wahrscheinlich in Zukunft spielen. Ich bin kein Judenfeind ugd werde rneine jüdischen Mitkämpfer immer als Kameraden be.-- grsißen! — Für die Erziehung der Truppe halte ich sie aber nicht geeignet. Sie haben einen uns fremden Geist, dem wir in vielen Stücken widersprechen müssen" usw. Im Rahmen einer kurzen Besprechung ist es unmöglich, eine völlige Widerlegung dieser Sätze zu geben; es hieße ein ganzes Buch schreiben. Die Zornesröte aber steigt dein.ehemaligen Frontsoldaten in die Wangen, wenn er diese Zeilen liest! Es gab also keine Judenfrage im deutschen Heere, Herr Kriegsminister?! Es gab schon eine, aber Sie wußren nichts davon, denn in den Berichten, die Sie lasen, stand natürlich nichts von der fortgesetzten Folter, die man so vielen Inden durch ständige Zurücksetzung und Ehrenkränkung - schlimmster Art angetan hat! Sie haben auch nicht die vielen Juden gesehen, die im deutschen Heere als Unterführer gefallen sind-, als Unterführer ihre volle Leistungsfähigkei-i gezeigt haben; darum ist es für Sie auch so leicht, ihnen die Geeignetheit abzusprechen. Eine Beschimpfung j am Soldatengrab schlimmster Art, die auch durch die abschwächenden Worte nicht getilgt wird! Wir können auch an dieser Stelle die weiteren Ausführungen des Gpnerals v. Stein nicht abdrucken, in denen er sich fernerhin zur Judenfrage äußert (S. 165—167). Er arbeitet eben mit den alten Vorurteilen, die in seinen Kreisen überliefert sind. Nicht die Religion sei der Grund der Abneigung gegen die Juden, „das Trennende ist und bleibt die Stammesei gen schuft". Wer sich näher mit dein Antisemitismus und seiner Geschichte befaßt hat, weiß, daß er nicht vom Volke.ausgeht, weiß, daß er eine von oben künstlich gezogene Giftpflanze ist; der. Soldat hat auch mit sei nein jüdischen Kameraden gut gelebt, besonders im Anfang des Krieges. Erst als er merkte, daß der Jude von den Vorgesetzten zurückgesetzt wurde, daß er als minderwertig angesehen wurde, da begann auch er aufzumerken. Zu Beginn des Krieges hat in den Soldatenmassen kein Mensch Unterschi,ode der Stammeseigenschaften empfunden; man focht für die gemeinsame Sache! Wir wollen nicht weiter auf diese Dinge ein gehen.! Gewiß gehört Stein seinen Aeußeruugeu nach nicht zu den bösartigen Antisemiten'. Ein gewisser Wille, den Juden gerecht zu sein, mag ja vorhanden sein; aber niemals kann er wirklich ernsthaft versucht haben, sich ein Bild vom deutschen Juden zu machen. Nun aber, da wir dieses Buch gelesen haben, wird uns so manches klar, was wir draußen im Felde gelitten haben! Denn wenn der Wind schon im Kriegsministerium so wehte, wie mußte er erst in den unteren Kommando stellen wehen! Dr. Willy Cohn. * — „M aser." Von Maier Aaron Goldschmidt. Mit Zeichnungen von Benno Wulssvhn. Berlin, Axel Juncker Vertag. Preis 2,60 Mark, .Halbleder 12 Mark. Eine stille, seine Erzählung wird uns hier geboten! Simon Levi, ein geknickter, armer Jude, macht plötzlich eine große Erbschaft und sträubt sich lange innerlich, den Zehnten, den er nach dem Gesetz der Thora zu geben hat, den Armen zu geben, den „Maser". — Als aber seine Schwester Gidel, an der er aufs innigste hängt, operiert werden soll, da entschließt er sich, dies zu tun, wozu er sich lange nicht verstehen konnte! Aus seiner Guttat aber entsprießt ihm reicher Segen! So zieht sich anspruchslos der Faden der Handlung hin, das Schönste aber ist die Schilderung dieser jüdischen Menschen, die in ihrer Bescheidenheit gar nicht wissen, wie sie sich gegenüber dem neuen Reichtum verhalten sollen. In Armut sind sie alt geworden und auch das neue Geld macht sie zu keinem anderen Menschen. Das hübsch ausgestattete Bändchen ist eine schöne Besicherung jeder jüdischen Bibliothek. Daß immer mehr moderne Verleger sich jüdischen Stoffen zuwenden und dadurch für ein Verständnis jüdischer Art arbeiten, verdient besonders angemerkt zu werden. W. C. * Das neue jüdische Palästina. Bon Dr. Kurt Nawratzk i. Jüdischer Verlag, Berlin 1919. Das stattliche Buch,, dem eine schöne Karle von Palästina beigefügt ist, gibt vor allem eine Darstellung der Entwicklung! der jüdischen Kolonisation Palästinas bis in die jüngste Zeit. Aber der Verfasser begnügt sich nicht damit. Er behandelt auch in recht interessanter Weise die wirtschaftliche und kulturelle Lage des jüdischen Volkes in der Diaspora. Er knüpft große Hoffnungen an die Erklärung der englischen Regierung wie der verschiedenen Großmächte, dem jüdischen Volk eine nationale Heimstätte in Palästina zu garantieren, was in gewissem Umfange eine Lösung der jüdischen Frage bedeuten würde. Ob diese Hoffnungen sich in dem wünschenswerten Maße erfüllen werden, bleibt abzuwarten. Eine Fortführung des jüdischen Kolonisationswerkes erscheint als eia segensreiches Ziel, auss innigste zu wünschen. Möge Palästina, das leider dem Lavakessel der national-türkisch-syrisch^arabischeli Bewegnng so nahe liegt, von den dort drohenden Eruptionen so wenig wie möglich berührt werden! Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l (Lissa). * — Georg Herman n : Randbemerkungen (1914 -1917). Verlag von Egon Fleischel u. Co., Berlin W. Preis 4 Mark. Das uns vorliegende Buch tour de mit dem ersten Tage des Krieges begonnen und längst vor dem Abschluß dieser erschütternden Welttragödie vollendet. Es ist ein Bekenntnisbuch. In der Form des Aphorismus spiegelt es die Ansichten des Verfassers über all jene sozialen, staatlichen und psychologischen Fragen wider, die mit dem Kriegsproblem innig verknüpft sind. Trotz gelegentlicher Opposition und Schärfe ist das Buch frei von jeglicher Partei Politik oder gar kleinlicher Gehässigkeit. Vieles, was heute im Brennpunkte des öffentlichen Interesses steht, ist hier zum erstenmal angeschlagen morden, und hätte die Zensur während des Krieges nicht jede freie Meinung untergraben — vielleicht hätte das Buch Gutes, stiften können-. Die Judenfrage als solche wird in diesem Buche nicht berührt. Dem Antor steht über der Religions- und Nationalitätenfrage die Menschheitssrage (S. 11). Dennoch finden sich gelegentlich Betrachtungen, die von dem stark ausgeprägten jüdischen Stammes bewußtsein. des Autors Zeugnis ablegen. „Ich gehöre als Jude", sagt Georg Hermann (S. 151), „einer zu alten Rasse an, um den Massensuggestionen zu verfallen. Worte wie Volk, Krieg, Staat sind für mich färb- und klanglos. Für mich haben nur die Worte Mensch und Leben Klang, aber einen Klang von einer Hoheit und Fülle, den zu empfinden die anderen Rassen anscheinend noch zu jung sind." Auch folgende Auslassung (S. 49) sei hier angeführt „Heldentum: . Auf der „Titanic" stand ein alter jüdischer Mann — er war einer der Reichsten dieser Welt —, und er sagte „Ich habe lange genug geltebt. Erst kommen die Jungen." Und er sprach mit seiner Frau, die wie er dachte, die To-tengebete während das Schiss langsam sank. Er hätte nur sein Scheckbu^ zu ziehenbrauchen und zu schreiben, und es hätten sich hundert für einen gefunden, die den beiden Platz auf den Rettungsbooten geschasst hätten. Als aber in Paris ein Basar brannte, da schlugen die Eomtes, die Grasen und Fürsten Frankreichs und dei Welt die Frauen nieder, um über ihre zertretenen Körper in* Freie zu gelangen. Dieselben gewiß, die für sich heute den Ti-tei des Heldentums beanspruchen." (S. 9.) Die. „Randbemerkungen" sind zwar aus der Zeit heraus ent standen, im Stehen und Gehen, zwischen der Lektüre bei einsamen Mittagsmahlzeiten in Restaurants, auf Bahnhöfen usw. fleißig nieder geschrieben worden. „Das wenigste daran ist Schreibtischarbeit bemerkt der Autor im Vorwort. Dennoch wird das kleine Buch mich über die Zeit hinaus seinen Wert behalten. Es ist das Dokument einer starken Persönlichkeit und besaßt sich mit ewigen Dingen. Blanca Katz.