Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1920)
- Date
- 1920-04-30
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Kaum ist Grünerz (Mangel!, klopft es bei Esther. Wer ist das? Das ist Herr Petuchowskp, der Rabbiner ans Haiderstadt. Er komme',' Esther heimholen aus einer Welt, vor der der liebe Gott alle jüdischen Kinder behüten möge. ,Esther' --- das habe sie selbst bei ihm in der Neligionsstunde gelernt ,Esther' bedeute ,der Stern', und es möge das Kind der Mutter wiederkehren als ein helleuchtender Stern in deren Dunkel . . ., und wie habe Esthers hohe Ahnfrau geheißen, ehe sie die Gemahlin des Perserkönigs Terres Ahasverns ward? ... Wie denn? Esther weiß wohl, wohin ihr ehemaliger Lehrer zielt, doch sie mag nicht Antwort stehen diesem altfränkischen Examen. Na, wie denn? So wolle er es selbst »tagen: Hadasa die Mhrthe hätten sie jene genannt. Mhrthe gleich Sinnbild der Unschuld! Sie aber Esther habe sich in eine Welt begeben, darin die Unschuld - er wagt nicht recht weiter vor und schwenkt um. Und kurz und gut denn, sie nröge heimkehren zu der einsamen alten Frau. Einsam - und Isak, der kleine Bruder? „Isak, dein Bruder Isak, der liebe Gott hat ihn am ersten Peachtage heimgeholt." Und der Geistliche fügt halblaut das hebräische Wort zu des Kindes Gedenken an: olow ha scholom er komme zum Frieden. „Gestorben, unser Isäkle gestorben", leise und noch ohne den Sinn ganz zu saften, spricht es Esther für sich. „Komm heim und stütze die Mutter, und sei du ihrer alten Tage Licht und Stern, du Esther! Komm und tröste die Mutter!" „Trösten", wiederholt Esther, und zwei Tränen fallen chwer über die erbleichten Wangen. „Ja, Herr Rabbiner, ich will kommen, gleich will ich . . . doch ihrer alten Tage Stern, sagten Sie nicht so? Wenn die Mutter meint, daß ich für innner . . ." „Gewiß, mern Kind, nur dann, wenn du ihr für immer beimkehren willst aus einem nichtsnutzigen Sein ..." Esthers Augen funkeln: „Still, sage ich, was wißt Ihr von meinem Leben!" Der kleine Landrabbi lenkt ein: „Es ist wohl wahr, Esther, ich kenne dein Leben nicht, doch man weiß, wie überall so auch in Haiderstadt, daß der Lebenswandel einer, die vor den Leuten um Geld tanzt - das ist stärker als eine 'chwache Frau. Und wenn du heute noch brav bist und rein, glaub' mir doch, Kind, der Tag wird kommen, da dies Leben mächtiger sein wird als du, und die Versuchung, vor der der liebe Gott alle jüdischen Kinder möge behüten und bewahren." In diesem Augenblick will Abraham Oppenheim eintreten. Er bleibt in der Tür. „Unser Jisäkle, Alfred, mein Isäkle ist gestorben", weint Esther dem Vetter entgegen, „denk mal Alfred, schon zu Pesach." Trotz ihres Schmerzes wird ihr bewußt, daß zum erstenmal, seitdem sie die Heimat verlassen, sich ein jüdisches Wort über ihre Lippen drängt. Alfred und der Rabbiner reichen sich die Hände. „Möchte Haiderstadt wohl ein Kalb schlachten zur Wiederkehr der verlorenen Tochter?" fragt der ewige Student. „Schweig du!" herrscht ihm Petuchowskh an. Sonderbar mit Esther ist er da nicht voll Güte und Geduld? Es ist, als 'hiebe er alle Schuld an Esthers Flucht ihm zu, den er ebenfalls einst zu seinen Schülern gezählt. „Schweig' du, über dich wird kommen das Gericht. Ist es erhört, bas Kind der Mutter 'wegzuschleppen in Gemeinheit >ind Schande? Gib uns dies Kind zurück, dessen Seele Gott dir einst abfordern wird!" „Pfaff" — denkt Alfred und nichts weiter. „Nein - o nein, Herr Rabbiner", kommt Esther dazwischen, von keinem soll Abrechnung gefordert werden, wenn nicht von mir. Kein anderer soll für mich stehen, nicht in diesem Leben und nicht in einem anderen. Wenn es eines gibt" fügt sie halblaut hinzu. „Glaubst du, ich werde mich in eine Disputation mit dir cinlassen? Leugne du nur Gott, du Kind!" Esther horcht in sich hinein: „Ich, ich" unsicher kommt es auf die Lippen, „ich weiß nicht, daß ich Gott geleugnet, ich weiß es nicht, ich wollt' es nicht; ich, ich bin noch nicht so weit, daß ..." „Doch dauert's nicht mehr lang in dieser Schule", und der Rabbiner deutet auf Alfred. Esther schüttelt und weil sie in ihrer Seele sucht, sagt sie still: „Sie müssen mich verstehen, Herr Rabbiner: Bei uns daheim, bei Ihnen im Unterricht, Herr Petuchowskh. da oekommt man den lieben Gott fir und fertig verabreicht nnb muß nie darüber Nachdenken, nicht wahr? Glauben Sie, das ist gut? Glauben Sie, das reicht aus fürs Leben? Ob man an den lieben Gott glaubt, ob man zu ihm hinkommen kann, das muß man doch erst bedenken rn-iit sich selber . . ." „Eine Frau hat darüber nicht zu -denken, Esther, das Weib hat zu glauben." Sie wehrt ab: „Nein, Herr Rabbiner, damit weiß ich nichts anzufangen, das paßt bloß für Haiderstadt; für außerhalb, wissen Sie, ist das zu - zu bequem, Herr Petuchowskh. Wir machen's uns hier nicht so leicht; auch nicht wir Frauen. Wir ringen wie um unser Leben so um unsere Anschauungen." Dies spricht dieselbe, die noch vor einer halben Stunde sich wie ein kleines Schulmädchen nach dem Wesen einer Weltanschauung befragt hatte, „llnd darum," fährt sie fort, „darum, das sehen Sie selbst, darum würde ich wohl auch gär nimmer dorthin gehören, heim nach Haiderstadt." (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilche JjBittnlunpn. v. Stein: Erlebnisse und Betrachtungen ans der Zeit des Weltkrieges. Verlag K. F. K ö h l e r , Leipzig. Wir leben in einer Zeit der Hochflut der Erinnerungsbücher: allerdings sind es nur ftriegserinuernngen, die von führenden Männern geschrieben wurden, zumeist in apologetischer Form Tie Kriegserinnerungen des Heeres und des Volkes fehlen noch: erst wenn diese vorliegen werden, wird man in der Lage sein, das Material zu vergleichen und zu sichten. Es kann an dieser - Stelle nicht unsere Aufgabe sein, diese Erinnerungsbücher als solche zu werten: nur wo sie auf jüdische Dinge Bezug nehmen, sollen sie erwähnt werden^ llnd das ist der Fall in dem vorliegenden Merke des ehemaligen Generalgnartierm-eisters und späteren Kriegsministers v. Stein. Er spricht von den internationalen Beziehungen (S. 125): „Fürsten, Adel, Gelehrte. Künstler, Vertretet des Handels und Verkehrs, Geldlenke und Reisende haben sie gepflegt. Aber die Zugehörigkeit zu bestimmten Volksgemeinschaften setzte ihnen Grenzen. Am freiesten von solchen Grenzen haben sich die Beherrscher des Geldmarktes und die Inden gemacht, die beide vielfach znsammenfallen. Es gibt aber auch unter ihnen Ausnahmen." Ein Urteil, wie man es sich schiefer nicht denken kann: schon die Gleichstellung: „Beherrscher des Geldmarktes und Inden", alsob - das christliche Kapital der Schwerindustrie nicht viel internationaler wäre, als ob die Juden n'.chi während des Krieges oft mir einem gewissen Uebereifer immer wieder ihre Zugehörigkeit 31t Deutschland betont und dafür gekämpft haben, rtird) die, die völkisch sich als selbständig fühlten. Als ob die Internationalität, wie sie von den Inden gepflegt worden ist, nicht eine wäre, die als Ideal mit den Fragen der Landesverteidigung gar nichts zu tun hat und nur als Verwirklichung des messianischen Ideals anznseh-en ist! Es ist so leicht, in den. jetzigen Zeitläuften das Judentum ans die Anklagebank zu setzen: es wird doch alles geglaubt. . Ich aber frage den ehemaligen Herrn Kriegsminister: Was weiß cr vom Jndentnm, was kennt er von ihm; hat er Gelegenheit gehabt, mit jüdischen Frontsoldaten zu sprechen, hat er ihnen diesen Satz voll der Jnternationalität des jüdischen Kapitals-gesagt/ hat er über-