Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-30 · Heft 18 (30.4.1920) · p. Seite 202

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 18 (30.4.1920)
Date
1920-04-30
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229460--75714-3288237
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

202 Strafte, die allerdings über gute Menschen- und bedeutende Sprachkenntnisse verfügen müssen. Beherrschte Glaser doch 13 Sprachen in Wort und Schrift! Llther. (4. Forts.) Rornan von Klementine Ironier. sther tanzt trotz der Fallicra. „Nu grade", hatte Grünerz gesagt. Er versprach dem Jose Falk goldene Berge und eine Sensation. Und da Falk das eine für sich und das andere für sein Brettl „Das Körnchen" jederzeit brauchen konnte, war er leicht zu gewinnen. Nach der Pause setzt sich Grünerz an« den Flügel und Direktor Jost mit Der Künstlerlocke in der Stirn preist die neue Nummer an. Langsam beginnt Grünerz zu spielen. Langsam schreitet Esther die Bühne ab. Langsam wieder zurück. Schneller fließen die Töne, schneller fliehen die Füße. Schneller noch zurück den kleinen Raum, als kehre die Tänzerin rückweichend heim. Heim zu sich selber in ihr Allerinnerstes. Tanzt sie? Esther findet jeder Schwingung in Tönen nachzuschwingen - ach nein, sie wandelt. Was auch der Spieler gibt, sie formt cs in ihrer Weise. Was er auch bringt, ob Mozart, Chopin oder Liszt, sie leiht das rhythmische Ornament. In immer neuer Art übersetzt sie den Ton in ihre Sprache des Schreitens. Jose Falk ist zufrieden, und der Vertrag kann unterzeichnet werden. Zwar wird das kleine Gehalt noch nicht ganz zum Leben hinreichen, und der Vetter Alfred muß seinen Wechsel noch eine Weile länger mit Esther teilen.- Dann sitzen sie beieinander und begießen in der kleinen Pension den Erfolg. Esther und Alfred und Grünerz. Und die Palma, die Malerin. Die Palma ist nie ohne das Skizzenbuch. Tie hat Esther diesen Abend in zwanzig verschiedenen Stellungen hingezeichnet. Und Esther staunt ob ihrer selbst. Also das ist sie? So steht sie da? So schreitet sie? So neigt sie den Kopf? — Sonderbar. Sonderbarer noch, daß das ein Mensch festzuhalten vermag, bloß mit dem Bleistift. Das muß eine lustigere Kunst sein, als das Tanzen. Wieso? ob denn Esther das Tanzen nicht lustig fände? Ach nein — ach nein, da müßte man fast vergehen vor . . . Die beiden Männer blicken sich an. Die beiden Männer, die um Esther siv) un) sich ihrer Gunst nicht rühmen. Wie gesagt, eine lustige Kunst muß das sein, das Zeichnen. Und sie erbittet von der Palma den Bleistift und das Buch. Und siehe, Esther beginnt zu stricheln. Und siehe, da ist der Kopf der Palma, vlu bißchen zu alt — arme Palma — aber wahrhaftig ganz mit dem vornehm Zurückgehaltenen Beobachtcrblick. Sie wundern sich. Auch Esther. „Das geht ja leicht" nwmt sie, und strichelt den Vetter Alfred hin. Aber nein, Esther, diesmal hast du übertrieben, so groß ist seine Na'e wirklich nicht. „L ja. Alfred, genau so", und sie stellt sich neben ihn unt> mißt mit dem Bleistift nach. Dann kommt Tr. Grünerz dran. Aber diesmal übertreibt sie die Eigenart seines Gesichts mit Willen. Bald verdient Esther ihren Unterhalt allein. Denn das Karikaturenzeichnen macht sich bester bezahlt noch als der Tanz. - Dann wUl Alfred Oppenheim, sie solle nun in beiden Künsten ordentlich und mit System sich vervollkommnen. Aber Esther will nicht. Ach nein studieren will sie ganz was anderes. Na, was denn? Sie will — „Bildung lernen". wie sie daheim in Häiderstadt sagen. Wenn man tanzen und zeichnen könne, wozu man da noch die „Bildung" brauche, fragt Grünerz. Er habe gut reden, der Satte wisse nicht, wie dem Hungrigen zumute sei. Sie wolle nicht dasitzen und schwitzen vor Angst, daß jemand einen französischen Satz sage, den sie nicht verstehen, könne. Also sie will erfahren, wanv Friedrich der Große geboren ist. Und Napoleon. Und Mozarr und Beethoven und all so was. Grünerz will die Notwendigkeit noch immer nicht emsehen. Wie gesagt, wiederholt Esther, eiilsach wegen der anderen. Sie mag sich nicht blamieren vor den Tischgästen in der Pension. Und vor der Palma und so. Seufzend gibt Grünerz nach. Esther findet es lustig, Französisch und Englisch zu lernen. Bald kann sie ein paar Sätze sagen, rasch geht es voran mit dem Parlieren. Und dann der Geschichtsunterricht. Grünerz nnnmt mitten drin den Faden ans, und erzählt, wie sie ln Frankreich dem sechzehnten Ludwig den Kopf abschnitten, wozu sie sich vorher bei dem Engländer die blutige Weltanjchauung geborgt hätten. „Weltanschauung," unterbricht Esther, „bei uns hier ib der Pension haben alle Menschen eine Weltanschauung.. Dazu muß man kvohl außerordentlich gebildet sein?" Der Gefragte erfreut sich an Esthers kindhaster Art. Ihr unverbildeter Geist fällt niemals in den Fehler, scheinen zu wollen, was er nicht ist. Er erwidert ihr: „Lernen und Wissen sie mögen notwendig sein als Vorbedingung für das Erkennen, eine Krücke, die man indes später am besten wegwirft, sonst bleibt man seiner Lebtag ein Lehrling. Frauen aber, Estherchen, - - Frauen sollen erfühlen, sie sollen, was der Mann sich mühsam zilsammensuch'en und -denken muß, mit einem Schlag wie von selber in sich haben. Sonst fehlt ihnen das Beste. Darum, mein Kind, fürchte ich sehr von Ihrer sogenannten Bildung für - " er unterbricht sich, „Sagen Sie mal" fährt er neu fort, „wer war es, der jeden Unterricht von sich gewiesen hat im Tanzen und Zeichnen? - Und wissen Sie auch, weshalb Sie das taten? Weil Sie erfühlten, daß das Beste daran, allzubewußt geworden, seine schlafwandelnde Sicherheit einbüßen möchte. Was habe ich Ihnen da neulich von Ronsteau erzählt?" „Jean Jacques Rousseau" - halblaut sagte sie den vollen Namen, und fügt gleich Geburts- und Sterbedatum hinzu. „Na?" „Er dachte, im Gegensatz zu dem, was die Bibel lehrt, daß die Menschen gut wären von Jugend an." „Und Zweiter? Wir lernten den Satz französisch, gleichzeitig als grammatikalisches Ereinpel." Die artige Schülerin antwortet: „Revenons k la nature! Lastet uns zur Natur zurückkehren!" „Gut," fährt der Lehrende fort, „ich kann nun, nicht, einsehen, weshalb dieser Umweg wieder und wieder gemacht werden mutz. Wenigstens nicht von den Frauen. ,Lasset die Frauen wie Blumen «sein, wie wandelnde Blüten im Maien, lasset die Frauen wie Blütenschnee . . /" Esther kennt das Gedicht. Es ist aus einem Zyklus für sie von Walter Grünerz. „Aber," fährt dieser dann fort, „darin seid ihr Juden alle gleich: lernen, lernen, lernen! Bildungsprohen seid ihr." „Da. haben Ihre Ahnen schuld, Walter Grünerz", gibt Esther dagegen. „Die haben uns ins Getto gesperrt, da mußten wir anders werden wie die anderen, und. jetzt wollen wir das wieder reparieren." „Das ist gar nicht einmal so dumm," sagt .Grünerz gönnerhaft, „doch es ist Zeit, Esther, in zwei Stunden müsteil Sie tanzen." Und er beginnt kunstvoll den Chopiuschen Trauermarsch zu Pfeifen, und schreitet ~T- Esthers Tanz karikierend — langsam und feierlich zur Türe hinaus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.