Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1920)
- Date
- 1920-04-30
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Rothschild, waren die beiden jüngeren Brüder Alfred und Leopold österreichische Freiherren. Doch nannten sie sich nur, wenn sie auf dem europäischen Kontinent reisten, Baron. In England nannten sie sich Mr. Alfred beziehungsweise Leopold Rothschild. Zu allen dreien habe ich jahrelang in engen Beziehungen gestanden, am befreundetesten war ich aber mit Alfred. Dieser befaßte sich am meisten mit Politik, insbesondere mit der auswärtigen. In richtiger Erkenntnis der Weltlage haben alle drei Brüder, vor allem aber Alfred Rothschild, stets ein Zusammengehen Englands und Deutschlands befürwortet, weil sie darin die einzigste Möglichkeit sahen, daß auf die Dauer'der Weltfrieden erhalten bleiben könne. Fortgesetzt waren sie daher bemüht, nach ihren Kräften daran zu arbeiten, Mißverständnisse zwischen beiden Regierungen aus dem Wege zu räumen und ein möglichst freundschaftliches Verhältnis zwischen dest beiden Ländern 'herzustellen«. Erst nachdem sie eingesehen hatten, daß bei der Ziellosigkeit der deutschen Politik sowie der künstlich ins Werk gesetzten Hetze gewisser Kreise gegen England die Möglichkeit eines ersprießlichen Zusammengehens Englands und Deutschlands ausgeschlossen erscheine, wandten sie sich, wie König Eduard dies aus denselben Gründen zuvor getan hatte, von Deutschland ab und unterstützten zunächst eine Annäherung Englands an Frankreich, später auch an Rußland. Alfred Rothschild war Junggeselle. Den größten Teil des Jahres lebte er in seinem schönen Londoner Hause in Seymour.Plaoe. Sein Landsitz in der Grafschaft Buckinghamshire hieß Halton. In herrlicher Gegend, am Fuße eines üppig bewaldeten Höhenzuges,, hatte er dort, nach eigenem Geschmack, ein Schloß gebaut, welches den schönsten alten königlichen Residenzen in Frankreich an Eleganz und Prunk nicht nachstand. Sowohl in Halton als auch in seinem Londoner Hause befanden sich die wertvollsten Kunstsammlungen. Von Jugend aus hatte er großes Interesse für die bildenden Künste gehabt und war in vieler Beziehung auch eine Art Macenas, obgleich er persönlich in erster Linie nur an alten Meistern Geschmack fand. Er machte ein überaus gastfreies Haus aus und bei seinen luxuriösen Diners wie sonstigen Gesellschaften waren neben der eleganten Welt Londons auch die meisten führenden Persönlichkeiten auf politischem, wissenschaftlichem, künstlerischem und wirtschaftlichem Gebiet vertreten. Viele Jahre hindurch habe ich seine vorzügliche Gastfreundschaft in der Stadt wie auf dem Lande ^genossen. Er war von Natur aus sehr gutmütig, und nichts machte ihm mehr Vergnügen, als seine Freunde in der ausgesucht besten und raffiniertesten Weife zu bewirten. Dabei war keine Spur von Protz oder Dünkel in seinem Wesen vorhanden, wie es sehr häufig bei sehr reichen Leuten der Fall ist. Am angenehmsten und interessantesten waren seine kleinen Diners am runden Tisch, wo oft sehr geistreiche Unterhaltungen gepflogen wurden. Wer nicht nur aus England, sondern aus aller Herren Länder traf man im Hause Alfred Rothschilds die interessantesten Persönlichkeiten j-eden Berufes und Standes. Aus meinen politischen Briefwechsel mit ihm sowie auf die vielen geheimen Verhandlungen, welche in seinem Hause zwischen englischen Staatsmiännern und meinem Botschafter, dem Grafen Paul Hatzfeld, beziehungsweise nach dessen Erkrankung, mit mir stattgefunden haben, komme ich iyr zweiten Bande eingehend zurück." Diesem sehen wir in begreiflicher Spannung entgegen. Vergkllm! Von Paul M o ck i I e ä (Hamburg), u der in Nr. 40 (1919) dieses Blattes unter obiger Ueber- J schrift bekanntgegebenen Lebensbeschreibung des jüdischen Forschers und Sprachgelehrten Dr. Eduard Glaser sind wir in der Lage, noch weitere Mitteilungen zu machen, wodurch das durch viele Anfragen von feiten der Leser dieses Blattes bekundete Interesse unserer Glaubensgenossen an dem noch lange 'nicht genug gewürdigten Gelehrten, der mit den höchsten Idealen für die Menschheit und das Judentum erfüllt gewesen war, eine bedeutende Erhöhung erfahren dürfte. Der junge Glaser zeichnete sich durch ein besonders schnelles und intensives Fassungsvermögen aus. Er gchörte zu jenen Schülern, die unsere alten Lehrer bezeichnen mit dem Worte: „schnell im Ausfassen und schwer im Vergessen". Als junger Schüler zog er die Aufmerksamkeit seines Lehrers, des Rabbiners Kahn in Litschkan, wohin er sich mit seinen Geschwistern täglich zu Fuß begeben mußte, um „Jüdisch" zu lernen, auf sich, der es bei den streng orthodoxen Eltern durchsetzte, den zehnjährigen Sohn nach Komotau zu schicken, wo er in die Ünterrealschule und mit 13 Jahren als „Vorzugsschltler" nach Prag in die Oberrealschule eintrat. Als im Jahre 1873 der Geographische Kongreß in Paris tagte, legte der damals noch nicht 18jährige Glaser den Weg von Saaz bis Paris in 19 Tagen zu Fuß zurück und wurde «laute pede den versammelten Kongreßmitgliedern durch die Afrikaforscher Schweinfurt und Nachtigall vorgestellt. Von den Professoren der Universität Prag, an der er seinen Studien eisrigst oblag, war das Eintreffen des jungen Gelehrten zum Kongreß schon vorher mitgeteilt worden. Von allen Seiten wurde hier auf ihn eingowirkt, die damals gerade geplante Fahrt nach dem Nordpol mitzumachen. Der in ihm schlummernde Tatenforscherdrang veranlaßte ihn, seine Bereitwilligkeit zur Teilnahme zu erklären, aber das greise Elternpaar, seine Geschwister und Anverwandten hielten ihn von diesem) für einen so jungen Menschen immerhin doch sehr gefährlichen Unternehmen zurück, und er begnügte sich mit der Stellung eines Assistenten an der Sternwarte der Wiener Universität. Als-1875 der zweite Pariser Kongreß abgehalten wurde, besuchte Glaser auch diesen. Gegen Ende des Jahres 1879 faßte er den Entschluß, nach Tunis zu gehen: es hatte sich ihm hierzu die gute Gelegenheit geboten, als Hofmeister des österreichischen Konsuls Theodorowitsch an Ort und Stelle die Sitten und Gebräuche der Araber, deren Sprache er sehr eifrig studiert hatte, kennen zu lernen. In Alexandrien, wo er später weilte, mußte er infolge eines Massakers gegen Europäer auf ein französisches Kriegsschiff flüchten, fuhr von dort nach Port Said, Tschedde und Hodaia, und von letzterem Ort nach Sanan. Hier blieb er längere Zeit, weil die türkischen Behörden die Einreise in das Innere Arabiens nicht gestatteten. 1882 kehrte er von seiner ersten Forscherreise nach der Heimat zurück und brachte eine große Anzahl wertvoller Handschriften mit, die auf Gutachten der angesehcndsten Gelehrten der Königlichen Bibliothek einverleibt wurden. Die Universität Greifswald ernannte ihn hierauf infolge seiner großen Verdienste um die durch seine Reise geförderte Wissenschaft zum Doktor honoris causa. Nachdem er noch eine zweite und dritte erfolgreiche Reise nach den unwirksamen und unbekannten Gefilden Arabiens gemacht hatte, kam er auf einer 1888 unternommenen vierten Reise nach Marib, von wo er unter großen Lebensgefahren an 1800 wertvolle Inschriften mitbrachte, die über den Ursprung und die Verhältnisse der verschiedensten Stämme dieses Volkes des „Kedem", des Morgenlandes, Ausschluß gaben, was für uns Juden noch von ganz besonderem Interesse ist. Ein Werk über seine Reise und seine Erfolge, das etwa 300 Seiten umfaßt, ist von der Wiener Akademie der Wissenschaften veröffentlicht worden; ein größeres, 1300 Bogen umfassendes Geschichtswerk dieses bedeutenden Mannes wird in nächster Zeit, sofern sich unsere Zeitverhältnisse mehr geklärt und -gebessert haben werden, von dem Wiener Professor Dr. Großmann abgeschlossen und der Gelehrtenwelt bekannt gegeben werden. Im Londoner Museum befinden sich -auch eine große Anzahl Inschriften, Steine, Abdrücke usw-, die Dr. Glaser von dort mitgebracht hat. Nach ihm ist noch kein Forscher so weit in das Innere dieses merkwürdigen Landes vorgedrungen wie unser Glaubensgenosse Dr. Glaser. Aus seinen hinterlassenen Aufzeichnungen geht hervor, daß dort Kohlen, Edelmetalle und Salz in reicher Fülle vorhanden sind und es sehr lohnend wäre, diese Schätze zu heben. Da die Araber heute viel zugänglicher und besonders den Deutschen und Oesterreichern (?) zugetan sind, so bietet sich hier ein großes Feld für junge