Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1920)
- Date
- 1920-04-30
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Komárom 1× ep/1047609
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197 Bekämpfung bt'fc Spielse-uche. Er erinnerte die Antifeuriten an ihr christliches Programm, doch blieb \mx Appell an die rechte Seite des Hauses vergeblich. Sein Antrug wurde von den Parteien der Lullen gegen die chrrstllchsozmlen und alldeutschen Stimmen angenommen. Die antisemitische „Reichspost" fand den traurigen Mut, den Sozialdemokraten mit dem „christlichen Volkszorn" zu drohen, weil sie für den Antrag des Juden Stricker gestimmt hatten. * Die in Wien erscheinende Korrespondenzzeitung für allgemeine jüdische Interessen („Jüdischer Pressebericht") sendet uns mit der Bitte nm Veröffentlichung folgenden Ausruf: An unsere in den Km l t u r sta a te n lebenden Glaubensu n d S t a m m e s b r ü der! Gla ubens- und Stanuitesgenossen! Wir aus unserem Vaterlande, Ungarn, vertriebenen Juden wenden uns an Euch nicht unseretwegen, sondern für jene Zehntausende unserer Brüder und Schwestern, die unter den: weißen Terror leiden und für ihr Leben zittern müssen! Die Stunde der Tat, des Handelns hat geschlagen! Im Namen des jüdischen Gefühls und der Solidarität rufen wir Euch zur Tat! I n u n s e r e nt Vaterlande tobt der weiße Terror und holt heute seine Opfer schon fast ausschließlich aus den Reihen der Inden. In unserem Vaterlande regiert Nikolaus v. Horthy im Namen des lebendigen Rechts und der verbrieften Gesetze, aber die mehrfachen Mörder und Pogromhekden Pronah, Salm, Hejjas gebieten selbst dem Regenten. In unserem Vaterlande, dem Lande Ludwig Kossuths, wagt es kein Jude, sich nach 7 Uhr abends auf der Straße zu zeigen, da er Gefahr läuft, wegen seines „verdächtigen" Aussehens, eventuell nach erfolgter Leibesuntersuchung niedergemacht und ausgeraubt zu, werden. In unserem Vaterlande Hel die Zahl der spurlos verschwundenen ungarischen Juden fast 800 erreicht. Die Zahl fremder, hauptsächlich galizischer Juden (der Baruch Reich, Moritz Gelder: Kategorien der bei Komorn verschwundenen gatizischon Juden) wird erst nach Monaten sestgestellt werden können. In u n s e r e m V a t e r I a n b e hoben viele Hunderte Offiziere der Nationalarmee in die Hände des Feldvikars Pater Zadrawa den Eid geleistet, während ihres Kreuzzuges keinem Juden Pardon zu gewähren. Und ach, die Ossiziere unseres Vaterlandes sind Männer, die Wort halten! Die Wehklagen der Waisen und Witwen machen die i Luft erzittern.-. Lebendig begrabene Juden, aus der Wiege gerissene Säuglinge, die sie an bie Wand schleuderten, daß ihr Hirn . die Wand bespritzte .... Jüdische Mädchen, die angesichts ihrer Mütter, jüdische Frauen-, die in Gegenwart ihrer Ehemänner, ge-! schändet wurden.... Die Gefängnisse und Jnterniertenlager sind - vollgepfropft mit Tausenden unserer Glaubens- und Stammesbrüder .... Die Sünde all dieser Opfer ist, daß sie Juden ■ sind .... Seit acht Monaten ist das zaristische Rußland mit seinem Kischen-ew und Odessa rehabilitiert! Unser — Vaterland ist heute führend. In unserem Vaterlande baden die Offiziere der Nationalarmee in Judenblut. Seit Monaten warten wir, ob die bessere Einsicht nicht doch Einkehr halten werde, die menschlichen Gefühle nicht doch die Oberhand gewinnen werden in unserem Vaterlande. Vergebens. Alles vergebens. Die traurige Statistik, die ziffernmäßigen Daten der ' Pogromstatfftiik wachsen von Tag zu! Dag mehr an. Glaubens- und Stammesbrüder wendet alles auf, damit wir den j nngarlündischen Juden in ihrer trostlosen Lage durch internationale Intervention zu Hilfe eilen können. Die Assimilanten feilschen mit den Blutschändern. Der Verband derrmgarischel: Juden veröffentlicht selbst nach der großen Serie der aufreizendsten Verbrechen rechtfertigende Erklärungen. Die „jüdische" Presse hilft, anstatt überhaupt den Mund zu halten, die Vorfälle zu bemänteln. Auf diese Weise gelingt es. bei den Untersuchungen mit der ausgesuchtesten Spitzfindigkeit alles zu vertuschen. Das Ausland, die fremden Missionen, alle, alle werden irregeführt. Glaubens- und Stammesbrüder, die Ihr in einen: freien Vaterland freie Bürger und freie Juden seid, eilet und helft unverzüglich! Setzet alle moralischer: Werte und geistigen Kräfte in Bewegung im Interesse eurer jüdischer: Brüder in Ungarn! Das bewußte Judentum von Wien hat sich bereits h: Bewegung gesetzt, nur die „Tabarin- und Theaterlogenjuden" rühren keinen Finger. Einer der ausgezeichnetsten Juden, der Stolz des Judentums, Oberrabbiner Dr. Ehajes, hat unter den: donnernden Applaus tausender Ar- Hörer das emzige» Heilmittel verkündet: Boykott gegen die Regierung Ungarns! Mit den Knechten von Raubmördern muß jede Verbindung abgebrochen werden! Folget den Vertretern der Labour Party und der Arbeiterorganisationen ans das Gebiet der Tat! Ans zur Arbeit! Gegenüber Bell: Khun und Genossen hat Elemenceau wegen viel gelinderer Tater: von dem Rechte der Retorsion Gebrauch gewacht Nun soll es sich Zeigen, wie lange man mit den weißen Banditen die diplomatischen Verbindungen ausrechterhalten wird! m Derselben Korrespondenz entnehmen wir auch folgenden Bericht: Auf Grund ber den: „Jüdischen Pressebericht" zugekommeneu Meldungen läßt sich nunmehr seststellen, daß die in der Umgebung von Kecskemet veranstalteten Pogrome von dem berüchtigter: Pronay- DetachemM gemeinsam mit Mitgliedern der Hsjjas-Gruppe inszeniert wurden und jetzt ausgeführt werden. Der Plan zu diesen Pogromen wurde in den ersten Apriltagen anläßlich der auf der Orgovanyer Puszta äbgehaltener: Versammlung ausgeheckt. Die „Erwachenden Ungarn" haben nürnlich unter dem Vorsitz des Oberstuhlrichters Ludwig Förster und Oberleutnants Ivan Hejjas ihren Organisationskongreß abgehalten, auf welchem gegen jede mäßigere Richtung in entschiedenster Weise Stellung genommen wurde, und die praktische Anwendung der Parole „Haut den Juden!" gefordert. Der „Jüdische Pressebericht" hat zu allererst von dieser für die Pessachsesttage vorbereiteten Versammlung Mitteilung gemacht und die Intervention der Mächte gefordert. Die Ereignisse haben unsere Befürchtungen gerechtfertigt. Die Intervention Romanelli, wo bist du? - ist leider ausgeblieben. Nunmehr können wir nur noch schmerzenden Herzens die einlangenden Berichte registrieren. Die gesamte jüdische Bevölkerung der Umgebung von Kecskemet flüchtet. Die christliche Bevölkerung protestiert gegen diese Greuel, aber ohnmächtig. . . . Die zu Fuß wandernden Flüchtlinge werden unterwegs von den Offizieren der Brachialgewalt ausgeraubt. Tie Züge werden von einer eigens zu diesen: Zwecke organisierten Patrouille inspiziert. . . . Diese flüchtenden Juden haben aber auch vor Budapest, wohin sie sich wenden, Angst, denn an den Toren der Hauptstadt harren ihrer gewiß neue Schändlichkeiten der Brachialofsiziere. In der Gemeinde Kiskmnajsa wurden die Jude:: an: letzten Pessnchtage aus der Synagoge getrieben. Die Pronay- und Hejjas-Offiziere 'ließen die Männer und Frauen in Re ihren aufstellen. Geschwister und Verwandte mußten einander gegenüber Ausstellung nehmen, die Kinder und Frauen bildeten eine eigene Gruppe. Den Stärkeren wurde ein Knüppel in die Hand gegeben und an sie die Aufforderung gerichtet, ans die schwächeren Juden mit voller Kraft loszuschlagen. Schlug einer nicht ans voller Kraft zu, wurde der Knüppel den: ursprünglichen Opfer in die Hand gedrückt. Tie Unglücklichen blieben in ihrem Blute auf der Wahlstatt Liegen, umgeben von ihren Frauen und Kindern . . . Gegenüber diesen Bluthunden waren selbst die spanischen Inquisitoren in der Erfindung von Peinigungsmitteln die reinsten Engel! * Neue polnische Pogrome. Flüchtlinge aus Ostgalizien, die vor wenigen Tagen aus den Gegenden von Kolomea, Brody und Tarnopol nach Wien gelangt sind, berichten über furchtbare Ausschreitungen der in Ostgalizien zun: Kampfe mit den Bolschewisten zusammengezogenen polnischen Truppen. Diese Ausschreitungen richten sich ausschließlich gegen Juden und Ukrainer. In den meisten Städten und Städtchen fanden Pogrome statt. Die polnischen Soldaten plündern unter den Augen ihrer Kommandanten. Das berüchtigte Bartabschneiden, ein Hauptspaß der Truppen des Generals Haller, wird neuerdings praktiziert. Die