Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1920)
- Date
- 1920-04-30
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 — 2; Tue Nntionaldeuwtrgtie will dasselbe wie die Deutsche Volks- Partei, mit Ausnahme der Republik und der Judenfrage. K. Die Nationaldemokratie will dasselbe wre die Deutsche 'demokratische Partei, aber sie ist antisemitisch. Dies vielversprechende Programm scheint nicht den gewünschten Zulauf gehabt zu haben. Denn in einer Gründungs- Versammlung der „Großdeutschen F r e i h e i t s - .Partei", deren Aufruf ein ähnliches Politisches Potpourri enthält, ereignete sich, wre wir einem Versammlungsbericht entnehmen, folgendes: „Zum Eintritt in die Partei wurde durch Zettel aufgefordert, die den Vermerk trugen: „Werden Sie Mitglied". Darunter war ein drei Finger breiter Streifen aufgeklebt mit der Aufschrift: Der Großdeutschen Freiheitspartei treten als Mitglied bei: (Namen, Stand, Wohnort. Straße). Hielt inan diese Beitrittsaufforderung gegen das Licht, io trat unter dem aufgeklebten Papierstreifen folgende Aufschrift hervor: „Werden Sie Mitglieder der Nationäldemokratischen Partei durch Unterschrift: Ich erkläre hiermit meinen Beitritt zur „Nationaldemokratischen Partei" und verpflichte mich zur Zahlung eines Eintrittsgeldes von 1 Mark und eines laufenden Jahresbeitrages von 2 Mark." Die Herren, die ihre . Maske so häufig wechseln, müssen doch ein sehr schlechtes Gewissen haben! * Major Osman Beh. Ein neuer Schwurzeuge der Antisemiten erscheint auf dem Plan. Im Verlage von Karl Rohm in Lorch lWürttemberg), übrigens eine der schlimmsten .urrb gefährlichsten antisemitischen Südelküchen, die in Deutschland existieren, erscheint bekanntlich, der „Leuchttnrm", der den hübschen Untertitel führt: „Briefe über praktische ltnb übersinnliche Wissenschaft. Philosophie und Religion und Urteile über das geistige Leben der Gegenwart". In diesem „Leuchtturm" wird seht in Fortsetzungen eine Schrift des Majors Osman Best: „Die Eroberung der Welt durch die Juden" (in Paris im Jab re 1887 erschienen) veröffentlicht, die voll der perfidesten und gehässigsten Angriffe gegen die Juden ist. Mau wird sich nun nicht zu wundern haben, wenn man demnächst unter Berufung auf die Autorität eines türkischen Majors in antisemitischen Zeitungen, Flugblättern oder Broschüren Stellen beaeanet wie der folgenden: „Der Jude ist dem Engländer, was dem Jager der Hund: der eine stöbert das Wild ans, der andere legt auf dasselbe an. Aber nur bis dahin ist der Vergleich exakt, denn der Jude zerfleischt und verzehrt uisterweos seine Beute, statt sie unangetastet zu überbringeu; der englische Jäger kann sich glücklich schätzen, türmt er den Zähnen seines Hundes noch die federn m entreißen vermag." Wer aber in der Geschichte der antisemitischen Bewegung einigermaßen bewandert ist und sie namentlich in den siebziaer und achtziger Jahren j des vorigen Jahrhunderts genau verfolgt hat, dem ist der ,.Maior Osman Bev" nickst unbekannt. An diesen Namen knüvfen sich besonders perfide und gehässige Berunglimvfnnaen des edlen indischen Menschenfreundes Mistes Montefiore. Wer war aber in Wirklichkeit diestr angebliche türkische Major Osman Bev? Hinter diesem volltönenden Namen verbirgt sich die Persönlichkeit eines internationalen Hochstaplers und Betrügers, eines gerichtsnotorischen Schwindlers niedrigster Sorte, der vor 80 bis 50 Jahren viel von . sich reden gemuckst hat. Er war iirdischer Herkunft und hieß in Wirklichkeit Millinger. Nach echter Renegatenart gefiel er sich vornehmlich in Schur ähr in gen und Herabsetzungen des Judentums: io verfaßte -er die Scbandschriften „Der Mord in Damaskus", „Der Kampf gegen Judas Geldmacht", „Tie Eroberung der Welt durch - die Juden" ufw., die zu den schamlosesten Erzeugnissen der antisemitischen Hetzliteratur gehören. Ter Schauplatz seiner Tätigkeit ronr bis zum Jahre 1870 Italien, und Mar Venedig; in diesem Jahre rvurde er von dort durch Dekret des Präfekten wegen Schwindeleien aller Art ansaewies-en. Nachdem er die Schweiz, Deutschland und Italien unsicher gemacht, kehrte er im Jahre 1880 nach Venedig zurück, erhielt aber wiederum die Ausiweifungsorder. Aller Mittel entblößt, durch die Welt vagabundierend, entdeckte er nunmehr sein antisemitisches Herz und veröffentlichte in rascher Folge seine Lügenelaborate, von deren Ertrag er eine Zeitlang sein Abenteurerleben fristete. Im darauffolgenden Jahre verfügte der Minister des Innern abermals seine Ausweisung aus Italien; er wurde in einem Mailänder Hotel verhaftet, nach Novara eskortiert, dort wieder entlassen, aber bald darauf. in Florenz neuerdings verhaftet und gefesselt nach Mailand transportierst. Vor dem dortigen Untersuchungsrichter gab er die schriftliche Erklärung ab, daß er Millinger heiße und jüdischer Herkunft sei, zugleich widerrief er alle die Infamien, die er gegen die Juden und das Judentum geschrieben hatte. Von Mailand wurde er gefesselt nach Udine transportiert und, nachdem er wegen Betrügereien eine siebzehn- . tägige Hakt abgebüßt, über die Grenze geschafft. Er schnorrte sich bis nach Shra durch, bis ihm auch dort der Boden zu heiß wurde, und trieb sich dann in Athen umher, wo er die Ritualmordaffäre von Korfu in einer Hetzschrift ausschlackstete, mit der er von Haus zu Haus bettelte. Dann verlegte der Glücksritter den Schauplatz seiner Schnorrtätigkeit nach Konstaniinopel, wo aber, da seine früheren Schwindeleien unvergessen waren, die Polizei sich mit ihm beschäftigte: er flüchtete daher nach Alexandrien. Man hörte dann eine lange Zeit nichts mehr von ihm, bis er plötzlich, im November 1804 in Zürich auftauckste. Er gab in Bern ein Buch über den Tod Aleranders III. und Alexanders II. heraus. Darin suchte er den Nachweis?it leisten, daß es die Juden und die israelitische Alliance I gewsten seien, welche, wie sie einst die französische Revolution ber-! voraerusen hätten, auch in Rußland die Revolution herbeiführen j wollten und zu diesem Zwecke die Nihilistenverscb>wörunaen anftifteten. So hätten sie den Tod Aleranders II. verschuldet und Alexander III. zu Tode oebetzt. Auch dem Deutschen Kaiser Wilhelm II. würden sie ein bstes Ende bereiten. Zudem prophezeite Osman Beh unter dessen Regierung das Hereinbrechen der Revolution. Diese Prophezeiung des Majors Osmar Beh alias Millinger hat. sich tatsächlich nach 14 Jahren erfüllt. Cs ist überaus interessant festzustellen, daß alles das, was heute unsere Antisemiten über die angebliche Schuld der Juden an der Entthronung Kaiser Wilhelms II. und an dein Ausbruch der Revolution zetern, ihnen bereits vorgesagt worden ist. In dein in Rede stehenden Buche berichtet^ Osman Bev auch allerlei über seine persönlichen Schicksale. Er erzählte, daß er im damalsten Russisch-Türkischen Kriege unter russischer Fahne gekämpft habe. Er sei der eigentliche Eroberer der Festuna Kars, wodurch der Feldzug in Kteinasien für die russischen Waffen die aünstiae Wendung genommen hat. Aber Loris Melikoff habe ihm den Ruhm wegaenommen und werde fetzt als Eroberer Kars" gepriesen. Loris Melikoff habe auch, obschon er mehrfach von ihm, Osman Bev gewarnt wurde, keine Maßnahmen gegen die Verschwörung der Nibilstten getroffen. Und als dann später Osman Bev sieb um eine Belob nnna für seine Kriegstaten bewarb, wurde er ausaewiesen: ex wurde auch ans Dänemark verbannt, als er den König Christian IX. wegen des Schicksals warnte, das seinem Schwiegersohn bevor stehe. Einige Jahre später gab Osman Beh alias Millinger die Absicht kund, nach Deutschland zurücknlkehren, um hier seine antisemitische hetzerische Tätigkeit wstder aufzunehmen: er gab aber bald seinen Plan wieder ans, nachdem die deutsche Presse r r ihm gewarnt batte. I Osman Beh war ein Busenfreund des aus dem Xantener Knabe-n- , mordprozeß und dem Astwartschen Judenflintenvrozeß sehr unrübm- I li'h bekanntgelvordenen Polizeispitzels und Hochrstaplevs. NorMlannj Schumann, des einstigen Vertrauten des Hofpredigers Stöcker. Aus! der Schweiz ging Osman Beh nach Wien, von wo er nach Verübuna zahlreicher Betrügereien wieder flüchtig wurde. Im September 1898 wurde er in Pola verhaftet: man nahm indes davon Wstand, ihn wegen der von ihn: verübten Betrügereien und Hochstapeleien vor; Gericht zu zsthen, sondern beschloß, ihn über die Grenze zu schaffen, j In Trieft gelang es ihm, sich durch die Flucht dieser Zwangsmaßregel! zu entziehen. Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört. Es! scheint, daß er bald darauf gestorben ist. j Die Südeteien eines solchen Mannes aber bilden das Evangelium,; auf das die heutigen Antisemiten schwören. * Deutsch-arisch-cheifWche Moral« In der letzten Sitzung der österreichischen NationalversammIung stellte ein Christlichsozialer den Antrag, die Nennwettsteuer herabzusetzen, weit sonst dem Publikum die Möglichkeit genommen würde, zu spielen. Der jüdhchnationale Abgeordnete Stricker gab seiner Entrüstung über den Antrag Ausdruck und forderte energische