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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-30 · Heft 18 (30.4.1920) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 18 (30.4.1920)
Date
1920-04-30
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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ist, für -die Tat eines einzelnen Juden die jüdische Allgemeinheit verantwortlich zu machen. Wir hielten es für ausgeschlossen, daß jemand auf den Gedanken kommen könnte, aus Anlaß dieses Falles den Juden den ganzen KaPP-Putsch zur Last legen zu wollen. Das für unmöglich Gehaltene scheint aber nun doch Ereignis werden zu wollen. Herr E. R., der Graf Ernst Reven-tlow, bemüht sich in der „Deutschen Tageszeitung" krampfhaft, unter allerlei Kapriolen den Nachweis zu erbringen, daß Herr Trebitsch die Seele des Putsches gewesen sei und daß er diesen im Solde und im Interesse Englands angezettelt habe. Er hätte sich an den Obersten Bauer und dessen Freunde herangeschlängelt, die ihm „ein unverständliches Vertrauen und eine noch unverständlichere Wertschätzung entgegengebracht" hätten. Herr E. R. schreibt in der Nummer vom 13. April: „Herrn Trebitsch-Lincolns .Hauptaufgabe in Deutschland ist gewesen, den Monarchismus und feine Anhänger, das alte Offizierkorps, die nationalen Parteien zu kompromittieren und verhaßt zn machen . . . Ebenso sicher wie notorisch ist, daß das Vertrauen auf englische Sympathien (!) und deren Betätigung eine der Grundvoraussetzungen für den Putsch gewesen ist. Dieses Vertrauen ist von englischer Leite nicht allein genährt, sondern erzeugt worden unter geschickter, dabei nicht allzu schwieriger Benutzung deutscher Illusion und deutscher Unkenntnis der britischen Politik und ihrer Ziele in Europa. Das Ziel dieser britischen Propaganda ist gewesen, den Putsch hervorzurufen, von denn man wußte, daß er nicht gelingen konnte, dadurch und durch die Diskreditierung der Offiziere und möglichst der Rechtsparteien eine innere deutsche Gesundung zu verhindern, das ganze Land wieder in Zerrüttung und- Ohnmacht hineinzu stoßen." Da-s erheiterndste bei der ganzen Affäre ist, daß Herr E. R. auf einmal bsi seinen Gesinnungsgenossen ein so großes Vertrauen auf englische Sympathien feststellte. Man glaubt zu träumen, wenn man so etwas liest; gerade diese Kreise haben sich doch immer als die glühendsten Englandhasfer bekundet, und der wütende Englandhaß der in Deutschland leider tonangebend gewesenen Leute war doch einer der Hauptgründe dafür, daß wir in den verderblichen Krieg geführt wurden. Und über Nacht sind diese Herren begeisterte Englandschwärmer geworden! Man weiß aber, worauf Herr E. R. hinaus will: England hat die Militärverschwörung angestistet; es fehlt nur noch die bekannte Gleichung John gleich Cohn; die englische Regierung ist ja nach dem antisemitischen Dogma nur eine Filiale und Ansführungsbehörde der Alliance Israelite. Wir dürfen uns rntrt ganz und gar nicht wundern, wenn wir nun im Wahlkampfe der antisemitischen Lüge begegnen werden, daß das internationale Judentum: Alljudaan den Kapp-Putsch angestiftet habe, um damit seinem Ziele, der jüdischen Weltherrschast, wieder einen Schritt näherzukommen. Mit antisemitischen Wahllügen werden ja auch diesmal die Wähler wieder gehörig gefüttert werden. In dem antisemitischen Arsenal wird sicherlich auch diesmal wieder die angebliche bolschewistische Gefahr eine große Rolle spielen. Im Zusammenhang mit den Spartakusputschen in der Reichshauptstadt hatten sich ja bei den Wahlen zur 'Nationalversammlung im Hinblick auf die vermeintliche Bolschewistengefahr gerade viele Wähler Berlins bestimmen lassen, reaktionär zu wählen und so zum Jubel der Rückschrittler und ]ux Schande für die Berliner Bevölkerung, einem Antisemiten .n die Nationalversammlung zu verhelfen. Mit der Gefahr des Bolschewismus hatten ja auch die MRtärverschwörer in Berlin operiert, als der von ihnen angezettelte Kapp-Putsch kläglich gescheitert war. Zur Bekämpfung des Bolschewismus sind Millionen aufgebracht worden, und auch wohlhabende Inden haben sich an den Spenden für diesen Zweck beteiligt; nun weiß man, daß diese Riesensummen ausschließlich im antisemitischen Interesse und zur schmählichen und gehässigen Bekämpfung des Judentums verwandt werden. Jetzt, wo es zu spät ist, sehen diejenigen, die so zur Förderung des Antisemitismus beigetragen haben, ein, welche Riesendummheit sie gemacht haben. Auch mit dem Antisemitismus hat es bekanntlich die „Kapp-Regierung" versucht, sie hat aber damit ein Riesenfiasko erlebt. Man möchte wünschen und hoffen, daß diese Blamage auch für die jetzige Wahlagitation der Deutschnationalen Volkspartei, die sich ja hauptsächlich des Antisemitismus als Zugmittel bedient, vorbildlich fein möge, leider aber hat sich durch die unermüdliche Hetz- und Pogrom- Propaganda das antisemitische Gift in verschiedenen Schichten des deutschen Volkes, und namentlich der sogenannten Gebildeten, so tief eingefresfen, daß für jetzt noch kein vollständiger Gesundungsprozeß zu erwarten steht. Darum heißt es, sich wacker zu rühren und zu arbeiten, damit all den antisemitischen Lügen, Entstellungen und Verleumdungen, mit denen sie auch die jetzige Wahlbewegung wieder vergiften werden, möglichst wirksam entgegengetreten werden kann. In seiner liberalen Aera hat einmal Herr T r a u b in einer von ihm gegen den Antisemitismus gehaltenen Rede gesagt: „Ans den vielen, die mit flatternden Fahnen, gegen das Judentum auszogen, ist ein kleines Häuflein geworden." Wir haben keinen sehnlicheren Wunsch, als daß dieser damalige Herzenswunsch des Herrn Traub sich recht bald erfüllen möge. Das kann aber nur geschehen, wenn jeder Freund der Freiheit und des Fortschritts seine Pflicht in der Bekämpfung des Antisemitismus erfüllt und wenn wir alle namentlich bei den bevorstehenden Reichst,rgswahlen nach Kräften dafür Sorge tragen, daß die antisemitische Flut eingedämmt werde. * Aus dem Wahlprogramm der Deuischnationalen Voltspartei. Tie Dentschnationale Voltspartei veröffentlicht ihr Wahlprogramm.- Tie Einleitung, in der die Verbindung von nationalem und christlichem Geist als Richtschnur der Betrachtung der staatlichem geistigen und wirtschaftlichen Fragen und das Ringen nach Formen, in denen, Arbeit und Kapital sich versöhnen, als Voraussetzung für Einheit und Zukunft der Ration bezeichnet werden, gipfelt in den Worten: „Zn ruhigem Vertrauen harren mir der Zeit, wo die heilige Flamme vaterländischer Begeisterung die müde gewordenen Herzen und trägen Geister entzündet, wo der feurige Idealismus der Jugend sich in männlichen Daten bewährt und in der nationalen Einheit eines geläuterten Voltes unter den alten i Reichsfarben Schwarz, Weiß. Rot das Kaiserreich der Zukunft er- | wächst." Unter der Ueberschrist „Volkstum" wird die antisemitische Tendenz in folgende Formel gekleidet: „Rnr ein starkes deutsches Vvlkstnm, das Art und Wesenwahrt und sich von fremdem Einfluß frei hält, kann die zuverlässige Grundlage eines starten deutschen Staates lein. Deshalb kämpfen wir gegen jeden zersetzenden, nndentschen Geist, mag er von jüdischen oder anderen Kreisen ansgehen. Wir wenden uns nachdrücklich gegen die mit der Revolution immer verhängnisvoller hervortretende Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Oesfentlichkeit Der Zustrom Fremdstämmiger über unsere Grenze ist zu unterbinden." Sonst ist der Wahlaufruf eine Sammlung der alten Redensarten. Eine klare Stellungnahme zu den großen Wirtschafts- und Finanzproblemen vermißt man in diesen Parteigrnndsätzen. * „Neue" Parteien. R a t i o n a l d e m o f r a t e n u n d F r e i h e i t s p a r t e i. Unter dem Namen „Nationaldemokratische Volkspartei" null, wie das „Berliner Tageblatt" in der letzten Sonntags- Ausgabe mitteilt, ein antisemitisches Grüppchen eine „Partei der Mitte" gründen. Was die „neue" Partei will.? In einem Flugblatt gibt sie auf diese Frage folgende Antwort:!. Dm Nationaldemetratie null dasselbe wie die Dentschnationate Vrlkspartei, aber sie ist gegen die Monarchie.

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