Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1920)
- Date
- 1920-04-30
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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Die wir nach Kräften ausnützen müssen. Äehnliche 'Verständigungsorganisationen unter der Studentenschaft und den Lehrern der höheren und niederen Schulen sowie unter den Hochschuldozenten zu schassen, das muß unsere nächste Aufgabe zur Bekämpfung des Antisemitis^rus in der deutschen Jugend sein. - Nicht neue Kamp'fo r-g.a n i stÄ ti.o n e n , sondern V e r st ä n d i g u n g s o r g a n i s a t i o n e n t u \v uns dringend not, nachdem wir so oft u n s e re Kräfte mit den Gegnern gemessen haben und d i e s e r K a m P f w e d e r S i e g e r n o ch Besiegte a u f - weist. Das soll uns selbstverständlich nicht abhalten, mit der gewohnten Energie den berufsmäßigen Hetzern entgegenzu treten. Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhänge auch eine andere positive Maßnahme des preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung bleiben. Unterm 6. Dezember 1919 (M II 2512, M III, M III, A , M III D) wird verfügt: „Da die bisher gebrauchten Lehrbücher für Geschichte den jetzt gestellten Anforderungen nicht entsprechen, so ist eine durchgreifende Umarbeitung dieser Bücher erforderlich, die erst nach der Reichsschulkonserenz erfolgen kann. Für die Uebergangszeit bestimme ich, daß die bisher eingesührten Lehrbücher für Geschichte im Klassenunterricht nicht weiter zu benutzen und ihre Anschaffung von den Schülern und Schülerinnen nicht mehr verlangt werden darf. Hinsichtlich der deutschen Lesebücher bleibt weiterhin der Erlaß vom 18. September 1919 (M III, M III A 1029, M III N'w.) s„Zentralblatt" S. 6011 maßgebend. Nach den Grundsätzen dieses Erlasses ist für die Uebergangszeit auch die Auswahl der in der Schule zu behandelnden Lieder und Gesänge zu treffen." — In richtiger Erkenntnis des Umstandes, daß die bisherigen Geschichts- und Lesebücher fast durchweg die kirchlich unduldsame und politisch reaktionäre Erziehung der deutschen Jugend'gefördert haben, hat der Berliner Lehrerverein in seiner Arbeitsversammlung am 10. Februar d. I. einen Bericht über' rund 50 Satzungen eines besonderen Unterausschusses, der zur Beratung von Grundlinien Professor Ruhlmanns für den Ge-' schichtsunterricht eingesetzt war, entgegengenommen. In dem Berichte cheißt es: „Mit überaus anerkennenswertem Fleiße, mit größter Sorgfalt und Sachlichkeit ist ein Werk geschaffen, das ein unentbehrlicher Führer, für jeden Geschichtslehrer zu werden verspricht." Wir g e b e n h i e v d i e w i ch t i g st e n Stellen aus dem B e r i ch t e w i e d e r, w eil wir d a r a u s d i e s i ch e r e H o f f n u n> g s ch ö p f e n können, daß ein solcher Geschichtsunterricht außero r d e n t l i ch v i e l zur Bekämpfung des A n t i - s e m i t i s m u s i n d e r d e u t s ch e n I u g e n d b e i t r a g e n lv erde: „Auszuschneiden ist alles, was nicht dem Verständnis' der Gegenwart dient. Neu zu berücksichtigen sind die Gedanken der Demokratisierung und des Völkerbundes. Im einzelnen ergeben sich folgende Forderungen: Die Fürstengeschichte ist auf die für die Entwicklung bedeutungsvollen Herrscher zu beschränken; sie ist nicht maßgebend für die Anordnung des Stoffes, die Gruppierung erfolgt nach großen sachlichen Geschichtspunkten. D i e K r i e g s g e s ch i ch t e i st g l e i ch f a l l s ]u beschränke n; i h r Z i e l i st n i ch t die K u n de v o n K r i e g und K r i e g s g e s a h r e n , s o n d e r n d e r W u n s ch , kr i e g e r i s ch e L ö s u n g e n nach Möglichkeit zu vermelden. Neben die bisher vorherrschende politische Geschichte tritt in stärkerem Umfange die Kulturgeschichte, es sind nicht nur Helden des Schlachtfeldes, sondern auch Helden des Geistes und der Arbeit zu berücksichtigen. Tie durch die Verfassung geforderte Staatsbürgerkunde soll Unterrichtsgrundsatz sein." — In diesen Worten hören wir den Geist des Künders vom ewigen Frieden, des Iesaias, der uns das messianische Zeitalter verheißen hat. Die Woche» Berlin. 26. AprM m wenigen Wochen fiÄ-dey dM WäWn zum üxsten Reichs-^ \ tage der n euen deutschen! Republik statt.' M gilt'dann, -mit dem Stimmzettel trt den.Hand den jungen Freistaat gegen die Anschläge der Reaktionäre, verkappten 'Dunkel^v männer und antisemitischen Radauhelden zu verteidigen, .um dem Frieden, dem ^Fortschritt und der Kultur eine bleibende Stätte in Deutschland zu sichern. Die^Mgner^der haben seit den Wahlen zur Nationalversammlung .unglaubliche^. Anstrengungen gemacht und ungeheueres GMmittel ausgewendet, um die Wähler in ihrem iSinne zu beeinflussen. Das geht schon ans der Tatsache hervor, daß seitens der Deutschnationalen Schriftenvertriebsstelle bis zur Tagung des HaupH vorstandes der Partei am 13. Oktober 1919 18 Millionen Flugblätter versandt worden sind. Und dazu nehme man die Flutwellen von antisemitischen Flugblättern, die sich gerade in der letzten Zeit über die Wählerschaft ergossen haben und für deren Verbreitung die Mittel ebenfalls von reaktionärer Seite zur Verfügung gestellt worden sind. Leider ist ein Teil unseres Volkes noch so rückständig, daß er das, was ihm' gedruckt vorgelegt wird, für wahr halt. Solche Leute sind der antisemitischen Agitation, der Propaganda für den „Sozialismus der dummen Kerle",, besonders zugänglich, und wenn sich ihre Zahl auch dank der fortschreitenden politischen Aufklärung von Jahr zu 'Jahr bedeutend verringert hat, so muß man vor allem aber die Tatsache berücksichtigen, daß auf der anderen Seite durch die Ausdehnung des Wahlrechts' auf die Frauen die Zahl der politisch Unaufgeklärten erheblich zugenommen hat. Es liegt uns selbstverständlich fern, diese Erweiterung des Wahlrechts bekämpfen zu wollen, wir halten sie im Gegenteil für eine Notwendigkeit; den Vorwurf aber dürfen wir den jetzigen Mehrheitsparteien nicht ersparen, daß sie bisher den neueil Verhältnissen zu wenig Rechnung getragen Haben, und daß sie sich in bezug auf die Bearbeitung der neu hinzugetretenen Wählermassen von den reaktionären Parteien haben überflügeln lassen. Jetzt aber gilt es, die begangenen Unterlassungssünden, .'soweit es geht, wieder gutzumachen und nachzuholen, was nachzuholen ist. Tie in der Deutschnationalen Volkspartei vereinigten Reaktionäre, Alldeutschen, Agrardemagogen, Schwerindustriellen, Dentschvölkischen und Antisemiten trugen sich ja mit der festen Hoffnung, daß es ihnen bei den Wahlen zum Reichstag gelingen würde, die jetzige Mehrheit zu stürzen und an ihre Stelle zu treten. Deshalb drängten sie so sehr auf die baldige Vornahme dieser Wahlen. Einem großen Teile von ihnen ging es aber nicht schnell genug und so verfielen sie auf die Köpenickiade im großen, den Kapp-Putsch, der sich dann für sie zu einer Weltblamage gestaltete. Das hat natürlich in sehr erfreulicher Weise die Situation der Mehrheitsparteien < gebessert, aber man kann beobachten, daß die Reaktionäre wieder Oberwasser zu bekommen suchen und daß sie vor allen Dingen den unsinnigen Streich, den die französische Großmannssucht und der französische Chauvinismus im Westen verübt haben, ln ihrem Interesse auszubeuten suchen. Auch die Antisemiten, die anfangs recht kleinlaut geworden waren, beginnen sich wieder zu fühlen. Ja, sie beginnen bereits die Kappiade in antisemitischem Interesse auszubeuten. Wir gaben kürzlich eine halb im Scherz gemachte Aeußerung wieder, daß man wenigstens den Juden nicht nachsagen könne, sie hätten bei dem Kapp-Putsch die Hand im Spiele gehabt, und gaben im Anschluß an den Fall des getauften ungarischenglischen Juden Trebitsch-Lincoln, der bei dem Putsch eine hervorragende Rolle gespielt hatte, den Antisemiten zu bedenken, wie töricht doch ihr bisheriges Verhalten gewesen