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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-23 · Heft 17 (23.4.1920) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 17 (23.4.1920)
Date
1920-04-23
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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milden und versöhnlichen Wirkensauch das Vertrauen der konservativen Kreise unserer Gemeinde, so daß ohne Uebertreibung gesagt werden darf, daß unsere gesamte Gemeinde sein voraussichtlich im August d. I. erfolgendes Scheiden bedauert. W. Posen, 16. April. Im Jüdischen Gemeindehause fand die Jahreshauptversammlung des Jüdischen Dolksrates Posen statt. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Direktor Rosenthal erstattete Rechtsanwalt Dr. Kallenscher den Tätigkeitsbericht. Nach einer kurzen Darstellung der Rechte der nationalen Minderheiten im Staate entrollte der Redner ein knappes Bild der Aufgaben und Ziele des Jüdischen Volksrates sowie der von -ihm im abgelausenen Zeitabschnitt geleisteten Arbeiten. Weiter gedachte der Redner des Hervortretens des Volksrates anläßlich des Besuches der Morgenthauschen Mission >in Posen, der alle nötigen Aufklärungen und Auskünfte über die Verhältnisse der hiesigen Jüdenschaft gegeben hat, sowie seiner Rücksvrache im Ministerium für das ehemals preußische Teilgebiet in der Angelegenheit der verschiedenen, das Judentum berührenden fragen des öffentlichen Lebens. Betreffs der zur Pflege des jüdischen Geistes vom Volksrate erhaltenen und gegründeten Anstalten erklärte der Redner, daß die jüdischen Schulen in der Provinz Posen infolge der Abwanderung vieler Lehrer in eine sehr schwere Lage geraten sind, daß einige dieser Schulen eingegangen sind und daß die anderen ihren Unterrichtsgweck bei weitem nicht voll erfüllen können. Etwas günstiger gestaltet sich die Lage der jüdischen Schule in Posen, und es wird auch an die Angliederung -einer höheren Schule gedacht. Hierauf erstattete den Rechenschaftsbericht der Kassenführer Direktor Rosentbal. An Mitgliederbeiträgen sind eingegangen: 23 485 Mark, an Spenden 374 Mark, an Einnahmen aus der Herausgabe des „Mitteilungsblattes des Volksrates" 5696 Mark: verausgabt wurden 7309 Mark, für die Herausgabe des „Mitteilungsblattes" 12 014 Mark, für Gehälter und Miete, für weitere Bedürfnisse 1101 Mark. Der Berichterstatter wandte sich an die Versammlung mit der Bitte um reichliche Spenden, da die Hilfe des Volksrates von den in der lebten Zeit immer mehr aus Kongreßvolen nach Posen Zureisenden sehr stark in Anspruch genommen wird. — Leipzig - 16. Avril. D i e H ö h e r e I s r -a e l i t i s ch o S ch u l e lJsraelitiscke Realschule) veranstaltete vor kurzem im Festsaal des Bolkswobl-Hauses ilire diesjährige Abitur i e n te n - E n t l a s f u n g s f e i e r. 17 Schüler und auch Schülerinnen nahmen nach Absolvierung der ersten Klasse ihren Abschied von Lehrern und Kameraden. Ansprachen hielten der Direktor, Rabbiner Dr. Carlebach, sowie der Leiter der Mädchenschule. Rabbiner Dr. Neuhaus. Namens der abgehenden und verbleibenden Schüler sprachen Vertreter der Schülerschaft. Gesang und Jnstrumentalvorträae des Schulchors und des Scknlorchesters umrahmten stimmungsvoll die schlichte Zweier, bei der die jüdische Bevölkerung Leipzigs durch sehr zahlreichen Besuch ihre starke Teilnahme an dem Ehrentage der angesehenen und beliebten Lehranstalt bekundete. J. A. Nürnberg, 16. April. Im Bibliothekverein hielt am 29. v. M. Herr Rabbiner Dr. S a l z b e r g e r aus Frankfurt a. M. einen interessanten und mit großem Beifall auf genommenen. Vortrag üher den jüdischen Dichter Arnold Zweig, dessen Dichtungen und Dramen in letzter Zeit außerordentlich große Beachtungfinden. Der Vortragende, welcher den jungen- Pichter bei einem Seder-- abend aus dem westlichen Kriegsschauplatz kennenlernte, verstand es, die Eigenart! und starke Begabung Arnold Zweigs in fesselnder Weife zu schildern, die Hauptwerke in kurzen Strichen z.u charakterisieren und den Hörern verständnisvoll -nahe zu bringen. Das erste Werk des Dichters ist „Die Geschichte der Familie Klopfer". Arnold Zweig, der bekanntlich ein eifriger Zionist ist, schildert darin im Mittelpunkt einen jungen Arzt Heinrich Klopfer., der gemeinsammit seiner geliebten Schwester, die ebenfalls Arzt! ist, im Heiligen Lande lebt, aber weder -im Glauben der Väter noch in der nationalen Gemei n scha ff Befriedig un.g findet und losgelöst von allem, was ihm früher heilig war-, genau wie fein Vater durch Selbstmord den Tod findet. Das Meisterwerk von Arnold Zweig nannte Dr. Salzberger dessen zweites Werk: „Die Novellen um Claudia", -ein Meisterwerk wegen der Reinheit und Feinheit der Sprache, die der Musik und der Malereizu vergleichen ist, und wegen der Idealisierung der Fraueng,estal-t!. Das erste Drama Arnold Zweigs ist „Abigail und Nab-ali". Es wird darin ein 'biblischer Stoff nicht gerade glücklich modernisiert. Nabah der alles besitzt, was Menschenherz begehrt, Reichtünier, viele Diener und ein schönes Weib, wird -dadurch nicht frei, sondern gefefselt und niederged-rnckt. Abigail schleicht des Nachts ins L-a.ger Davids, um ihren Mann zu retten, und ist, als sie heimkehrt, in hei-ßer Liebe zu David entbrannt. Nab-ali -macht seinem Leben mit dein Schwert ein Ende, weil sein Dasein ein nutzloses und verfehltes ist. Das meist beachtete Werk und Drama „Die Sendung Sema-els" behandelt den- Ritnalmordprozeß von Tifza Eszlar, welcher bekanntlich in Ungarn im Jahre 1882 ein ganzes Jahr lang die Gerichte beschäftigte und mit der Freisprechung der Angeklagten endete. Arnold Zweig wird in diesem Werke ganz zum> jüdischen Dichter, lvelche r, 'begeisterst für sein Volk und dessen Mssi-on, als Gottes kämpfe r auftri-tt. Tie Judensind nicht allein Händler Rechner, sie leben und fühlenvielmehr noch im Geist der Propheten und hoffenauf den Messias, auf eine Zeitdes Lichtes nach finsterer Nacht. Me in dem Ri't!ualmord.prozeß und inb-eiu Drama die Unschuld schließlich siegt und trotz der lügenhaften Angaben des Moritz Scharf die Angeklagten vom Kerker zur Freiheit gelangen, so müssen am Ende trotz aller Verfolgungen un seres Volkes Menschenliebe und Manischen rech t siegreich triumphieren über die Bosheit und Schlechtigkeitder Menschen. Darum sagt im Drama der greise Rabbi: „Die Gerechten aller Länder haben Anteil am Reiche Gottes." — Bonn, 16. April. „Ter Brief des U r i a", ein Drama von Emil Bernhard (di-chterisckos Pseudonym unseres Gemeinderabbiners Dr. Emil Cohn), erlebte hier seineErstaufsührung. Das Trauerspiel fand starten Beifall, der durchaus nicht nur als Sympathiekundgebung für den sich erst am Schluß nach heftigem Hervorrufe zeigenden Verfasser zu betrachten ist. Die Tragödie ist nach antikem Muster angelegt. Der bekannte biblische Stoff erfährt eine interessante Beleuchtung: entgegen der Legende, wo llria ahnungslos bleibt und ahnungslos seinen Todesbrief an Joab überbringt, ist hier Uria selbst es, der David diesen Brief diktiert und so den von seiner Tat schwer bedrückten König erst blutschuldig macht. Uria geht als wahrer König und Sieger, David bleibt als au-sgeplünderter Mensch auf dem Throne zurück. Die Gestalt der Bathseba ist antik erschaut, aber nicht einheitlich vollendet. Viel Verworrenes, logisch llnverstehbar es bleibt an dieser Frau wie -im Stücke überhaupt. Zahlreiche Fundamente für monumentalen Gedankenaufbau, einzelne Pfeiler ragen auf, das Ganze bleibt Fundament: das interessante Bühnenprobestück eines Dichters voll Geist und Farbe. Lrutsch-Vkstkrrkich. Z. Wien, im April. Die -allgemeine Defizitwirtschaft in Lester'- reich, lvelche eine Folge der Teuerung und der desolaten Valutaverhältnisse ist, macht sich seit langer Zeit auch in dem Betriebe der Wiener Israelitischen Kuttusg-emeinde geltend, welche ihre Bilanz vermutlich mit einem sehr beträchtlichen Defizit abschließen lvird. Aber .gerade dieser Körperschaft hätte -das allgemeine Schicksal aller öffentlichen -österreichischen Institutionen erspart bleiben können, wenn es die Kultnsgem-einde verstanden hätte, -aus ihrer traditionellen Isoliertheit Herauszutreten und endlich den- Kontakt mH der jüdischen- Dessen tlichkeit zu suchen, lvelcher man bisher systeniatisch au-sgew-ichen ist. Durch die ungünstigen Finanzverhältnisse sind die sozialen Institute der Kultusgemeinde wiederholt in Gefahr gekommen und das von ihr verwaltete Rothfchild- Spi-tah welches bei der Wiener Spitalsnot die einzige Zufluchtsstätte für mittellose Juden bildet, stand wiederholt vor der Gefahr der Schließung. Gegenlvärtig sind mit den: amerikanischen Joint Distribution Committee, welches in Wien eine große Filiale unterhält, Verhandlungen im Zuge, die, wie es heißt, vor dem Abschluß stehen und zu einer Uebernahme des jüdischen Spitals, des Alterversorgungshauses der K-ultusgemeinde und der übrigen ähnlichen Institutionen führen dürften. Eine solche Erledigung wäre sehr zubegrüßen, -da sich die Wiener K-ultusgemernde immer unfähiger erweist, der Schwierigkeiten Herr zu werden. Der Wahlreformentwurs der Kiultu-sgemeinde liegt noch immer unerledigt bei der niederösterreichischen Landesregierung, so daß der Termin für die allgemein erwarteten Kultus-Wahlen noch nicht

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