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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-23 · Heft 17 (23.4.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 17 (23.4.1920)
Date
1920-04-23
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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94. Jahrgang. Nr. 17 Der Oenmndelme. °»u-- Betlase zur „Allsemeinen Leitung deK Judentums". LorrrsponLentzen und Kachnchten SrutschlanL. Berlin, 20. April. Am Sonntag, den 18. d. M.. beging die Berliner I ü d i s th e R e f o r m g e m e i n d e den 78. Jahrestag ihres Bestehens durch einen Fe st gottesdien st in ihrem Gotteshause in. der Johannisstraße. Eine große Zahl von Andächtigen füllte den Tempel, der schön geschmückt und festlich erleuchtet war. In den ersten Reihen des Gotteshauses saßen Vorstand und Repräsentantenversammlüng der Reformgemeinde und die Vertreter der Hauptgemeinde, sowie viele bekannte Persönlichkeiten der jüdischen Gesellschaft Berlins.. Ein Orgelpräludium bildete den Auftakt der Mer, die der Tempelchor mit Lewandowskis Gesang: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob" einleitete. Nach dem Vortrag des Doppelquartetts aus dem „Elias" von Mendelssohn sprach der langjährige Neligionslehrer und Liturg der Reformgemeinde: Herr Blumenthal ein tiefempfundenes Gebet. Hierauf folgte der Vortrag der deutschen. Kedus cha nach Lewandowski, dann hielt Prediger Dr. Jelski die Festrede, in der er als Wesen und Aufgabe der Reformgemeinde die Vereinigung von Deutschtum und Judentum bezeichnete. Der Aufruf vom 2. April 1845, der den Anstoß zur Begründung der Reformgenieinde gab, ist auch heute noch ihr Programm geblieben, nachdem nach Sturm und Drang der ersten Jahre die Gemeinde in liturgischer Hinsicht eine Reform zu einer mehr traditionell gefärbten Richtung in sich selber durchgemacht hat. Der Posaunenruf jenes ersten Aufrufes dnrchhallt die Herzen der Gemeindemitglieder in heutiger bewegter Zeit ebenso stark wie in jenen Gründungstagen. Immer noch knüpft die Reformbewegung an den großen Reformator des deutschen Judentums, Moses Me n'de ls s oh n, an, der in seinem unsterblichen Werke „Jerusalem" sagt: „Jetzt kann dem Hause Jakobs kein weiserer Rat erteilt werden als dieser: Schickt euch in die Sitten und die Verfassung des Landes, in welches, ihr versetzt seid; aber haltet auch standhaft an der Religion eurer Väter!" Dieses Wort Mendelssohns bezeichnet den Standpunkt der Begründer und Anhänger der Berliner jüdischen Reformbewegung, die über Mendelssohn nur insoweit hinausgewachsen ist, wie dieser die Tradition überwertet, während die religiöse Idee, die in« der Reformgemein'de ihre Ausprägung findet, an Stelle der Form das Innerliche hochhält. Aus diesem Grunde wurden auch, ohne die hohe Bedeutung des altjüdischen Sabbats, und der hebräischen Sprache für Israels Kultur und Kultus zu verkennen, die sonntägliche Andacht und die deutsche 'Gebetsprache eingeführt, um durch diese Neuerungen der jüdischen Religion einen Dienst zu erweisen. Väterglaube und Muttersprache sind der Reform gleich heilige Begriffe. Sie hat aus dem Gedanken eines deutschen Judentums ernst gemacht und aus ihm die letzten Konsequenzen gezogen: den deutschen Gottesdienst. Aus ihrem Kultus ist alles ausgeschieden, was nur ethnische und nicht ethische Bedeutung hat. Das Judentum ist für die Glieder der Reformgemeinde kein völkisches und nationales, sondern eine Religion und eine Religionsge.meinschaft. Der Sonntagsgottesdienst mit seiner einfachen Form ist allen Gemeindemitgliedern verständlich und zugänglich allen jenen, die den Sabbat nicht mehr halten können, weil er ihnen unter dem Zwange der Verhältnisse zum Werktag geworden ist. Die Bestrebungen der Reformgemeinde haben zu allen Zeiten Anfeindungen erfahren: in 75 Jahren aber hat es sich gezeigt, daß der vielgeschmähte und verschrnähte Stein zu einem Eckstein des modernen deutschen Judentums geworden ist. — Der formvollendeten Festpredigt und dem herrlichen Vortrag des 111. Psalms (Chor und Solch folgte die von Prediger Dr. C ob lenz geleitete Seelenseier, an die sich der Gesang „Du meine Zuflucht, du mein Panier" schloß, den Frau Gina Goetz-Levh aus der Liturgie der Reformgemeinde vortrug. Nachdem Prediger Dr. Lehmann Gebet und Segen gesprochen hatte, beendete der Chor mit Beethovens „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" die eindrucksvolle Feier. # 3fr Berlin, 20. April. Die Berliner Jüdische Gemeinde hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. Einer ihrer angesehensten itttb vornehmsten Vertreter, S t a d t ä l te st e r Dr. Max Weigert, Vizepräsident der Aeltesten der Kaufmannschaft und Mitglied der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde, ist am 14. d. M. nach langem Leiden im 74. Lebensjahre verstorben. Dr. Weigert zählte zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Verwaltung der Reichshauptstadt; er gehörte auch seit dem Jahre 1893 ununterbrochen der Repräsentantenversammlung an. Der Verstorbene verstand es, Bürgersinn und Liebe zum Judentum in harmonischer Weise zu betätigen und Stadt und Religionsaemeinschaft nach besten Kräften'zu dienen. Nach absolvierten nationalökonomischen Studien widmete sich der Verstorbene dem Kausmannsstande. Neben seinem praktischen Wirken entfaltete Dr. Weigert auch eine reiche schriftstellerische Tätigkeit. Im Aufträge der Reichsregierung verfaßte er den amtlichen Bericht über die Textil- und Bekleidungsindustrie aus der Wiener Weltausstellung von 1873. Im Jahre 1876 wurde er als Juror für die Textilindustrie auf die Weltausstellung nach Philadelphia gesandt. Seit 1886 war Dr. Weigert auch Mitglied des Königlichen Beirats des Kunstgewerbenuiseums. An den handelspolitischen Kämpfen zu Ende der 70er Jahre nahm er in Wort und Schrift lebhaften Anteil. Im Jahve 1882 wurde er in das Kollegium der Aeltesten der Kauftnannschuft gewählt. Seit 1885 gehörte Dr. Weigert auch dem Ausschuß des Deutschen Handelstages an. 1888 wurde Dr. Weigert urcheso-ldetes Mitglied des Berliner Magistrats. Wie den allgemeinen städtischen Angelegenheiten, so hat Weigert auch'den jüdischen stets ein lebhaftes Interesse zugewendet. Er gehörte fast drei Jahrzehnte der Repräsentantenversannulung an und beteiligte sich lebhaft und eifrig an ihren Verhandlungen, namentlich in Fragen, in denen seine Kompetenz unbestreitbar war, wie Finanzangelegenheiten und alle das Krankenbaus betreffende Fragen. Der Verstorbene gehörte der äußersten Linken der Repräsentantenversanunlung an und wußte seine Meinung energisch, und geschickt zu vertreten. Seit etwa drei Jahren war es ihm infolge eines Schlaganfalles nicht mehr möglich, an den Beratungen der Versammlung. teilzunehmen. Die Gemeindeverwaltung klagt um den Verlust eines Mannes, der ein Menscheimlter^ lang an allen ihren Aufgaben tätig mitgearbeitet hat. — Die T r a u e rfeier für den D e r st o r b e n e n fand am letzten Sonntag iit der Villa des Entschlafenen statt, an der zahlreiche Mitglieder der Ltadtverordnetenversammlnng, des Magistrats, des Vorstandes und der Revrüsenkantenversanumlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, das Aeltestenkollegium. der Kaufmannschaft und zahlreiche Korporationen kaufmännischer und industrieller Organisationen teitnahmen. Prediger Tr. Jelski hielt die Gedächtnisrede, in der er das soziale Wirken Weigerts hervorhob. Einern tiefempfundenen Nachruf hielt namens der Aeltesten der Kaufmannschaft Stadtrat Budde, der die unbeugsame Tatkraft des Verstorbenen Pries und seine hingebungsvolle Vaterlandsliebe, die sich in rastloser sozialer Arbeit äußerte. Eiu intimer Freund des Toten, der zu seinen politischen Freunden gehörte, ließ das Lebensbild des Politikers Dr. Weigert entstehen, des überzeugten Demokraten, der gemeinsam mit seinen Freunden Eugen Richter, Richert, Barth und anderen an der Verwirklichung seiner politischen und wissenschaftlichen Ziele arbeitete. Oberkantvr Davidsobn gab der Feier mit verschiedenen Gesängen, welche die ernste Andacht umrahmten, künstlerische Weihe. Berlin, 20. April. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde sendet uns sein neues Programm, das wir, obgleich der Termin für die Reprüsentantenwahlen noch nicht festgesetzt ist, schon heute zur Kenntnis unserer Leser bringen. Das neue Programm des Liberalen Vereins umfaßt folgende neun Punkte: Die Jüdische Gemeinde ist eine Religionsgemeinde. Wir lehnen ihre Umwandlung in eine Volksgemeinde (politische Vertretung der Juden als einer nationalen Minderheit) ab. Wir bekämpfen alle nationaljüdischen Bestrebungen innerhalb unserer Gemeinde. Wir fordern I. a u f r e l i g i ö s e m Gebiet: 1. Gleichmäßige' Berücksichtigung aller religiösen Züchtungen. 2. Für den Gottesdienst in den Shnagoqen mit liberalem Ritus: a) Erweiterte Anwendung der deutschen Gebetsprache. b) Ausbau des Gemeindegesangs.

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