Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 192 gearbeitet hat, steht zum Sehl uh verblüfft und erschrocken vor den Sätzen, welcl)e Karl Marx, Enkel des Rabbiners Marx Lelvi in Trier, int Jahre 1844 als Extrakt seiner Ausführungen über die Berechtigung der Jtldenentanzipation und in einer Polemik gegen zwei Schriften Bruno Bauers über die Iudensrage folgendermaßen formuliert: „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Tie Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Jrrdentum, wäre die Selbstemanzipation unserer Zeit. Eine Organisation der Gesellschaft, loelche die Voraussetzungen des Schachers, also, die Möglichkeit des Schachers, aufhöbe, hätte den Juden unrnöglich gemacht. Wir erken neu also im Judentum ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element, welches durch die geschichtliche Entwicklung/ an welcher die Juden in dieser schlechten -Beziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe getrieben wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich notwendig auflösen muß." In scheinbar wissenschaftlichem Gewände findet sich hier das ganze Rüstzeug der heutigen antisemitischen Literatur und — loelche Freude für die Antisemiten von einem Juden zusammengetragen. Wie ganz anders hat Gabriel R i e ß e r, der klassische Borkämpfer der Judenemanzipation, diese Fragen behandelt! Das Geld ist, nach Marx, der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf. Der Wechsel ist der wirkliche Gott des /rüden. Das Verhältnis von Mann und Weib wird ihm zu einem Handelsgegenstand. Das Weib lvird verschachert. Die schimärische Nationalität des Juden ist, die Nationalität des Kaufmanns, überhaupt des Geldmenschen. Durch sie nur konnte das Jndentum zur allgemeinen Herrschaft gelangen, usw. Doch genug! Als Karl Marx diese Urteile niederschrieb, war er 26 Jahre alt. Es ist bedauerlich daß er späterhin, als geistiger Führer der Internationale und Begründer der deutschen Sozialdemokratie, nicht Zeit gefunden hat, sich noch einmal mit der Iudensrage zu beschäftigen. Vielleicht hätte er danlt doch, in geistiger Reife, gefunden, daß das Judentum noch etwas anderes ist als Egoismus und Schacher, vielleicht hätte er, gleich seinem Mitarbeiter Heinrich Heine, in dessen späteren Lebensjahren, den Wert der weltgeschichtlichen jüdischen Idee und Mission erkannt, die sich nicht im Gelderwerb und Handel erschöpft. Trotz dieser äterfennatn-g. des wahren Wesens des Juden, des Judentums und der jüdischen Religion wollen wir nicht übersehen, daß Karl Marx im Grunde für edle Ziele, die Selbstentäußerung, die Vergeistigung des Lebens und die ethische und kulturelle Fortentwicklung des Menschen kämpft, und deshalb mag diese Schrift als interessantes historisches Dokument gelten, aber als ein ganz ungeeigneter Versuch zur wahren Lösung der Judenfrage. Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l (Lissa). * F r i, d t j o f Nansen. Frei-luftleben. F. A. Brockhaus, Leipzig, 1920. Gebunden 9 M. Gesundheit -und Freiheit sind die lockenden Ziele, die Fridtjof Nansen in seinem soeben erschienenen Buch „Freiluftleben" der am Kriege leidenden gesamten Menschheit, vor .allem aber den itt den Fesseln des „Friedens" schmachtenden T,eutscheu zeigt, nicht,' wie so viele Weltverbesserer, als trügerische Fata Morgana, sondern greifbar nahe. Nansen, der Mann der Tat,' -der zähen Energie, der Sieger über die feindlichen Gewalten des Polareifes, weist uns den sicheren Weg. Er ist ein Führer, dem sich jeder nt-ii Freuden anvertraut, an der -Hand prächtiger. Reifeschilderungen, in denen Nansen als Meister bekannt ist. "Das Herz geht einem auf, wenn man sich mit Nansen iw den schneebedeckten Bergen seiner nordischen Heimat herumtreibt unter den Kerngestalten dieser Bauern, die, gestählt int Kampfe mit einer kargen Natur, ihre Freiheit und Gesundheit nicht tauschen wollen mit bent üppigen Luxus dort nulten in den engen Städten der Ebene. „Los von der modernen Kulturlüge! Zurück zur Natur!" ist die Forderung, die Nansen mit zwingender Notwendigkeit erhebt. T'Urch die sieben Abschnitte des Buches gewinnt der Leser auch einen tiefen, erquickenden Einblick in das warmfühlende Herz dieses Nor dl ands recken, und der köstliche Humor, der die Jagdgeschichten durchweht, macht uns ihn vollends zum Freund. Auch Exemplare der auch in unseren Alpen Vortom Uten den „Familie Ekel" treten auf; sie sind ebenso erheiternd als abschreckend. Das „ Kiste nl eben" der Städter, das uns Nansen mit derben Strichelt malt, ist eine köstliche Persiflage auf die vor bent Krtege so viel gerühm'.te moderne Kultur. Die Menschen., die wir an 'den Grenzen des Lebens;, hoch oben in 'den Bergen und wm Rande des Polareises, kennen lernen, sind vielleicht arme Teufelaber es sind zufriedene, ganze Männer, die sich ihres Wertes bewußt sind. Das schmucke Buch, dem der berühmte Forscher ein besonderes, beachtenswertes Vorwort „An den. deutschen Leser" ans den- .Weg gegeben hatl, ist ein Labsal für jeden, der ans der -heutigen Enge hinausstrebt und Herz und Sinn frei machen will. Er mahnt an das Hillelsche Wort: Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem, anderen zu. Mag sein, daß in Deutschland da ünd dort im einzelnen Widerspruch laut werden wird; das darf unseren Dank an Nan.sen nicht schmälern, und vor allem die Jugend aller Konfessiorien wird das Merk mit Begeisterung aufnehmen-. * — Der Tragödie z w e i t e r Teil: Ter Friedensschluß. Von Georg Brandes. Autorisierte Uebersetzung von Erich Holm. „Brücken", vierter Band. Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., Gotha. Preis 6 Mark. In einer Reihe glänzend geschriebener und vortrefflich über-- setzter Aussätze schließt Brandes mit dem vorliegenden Buch seine Bel rächt nagen über die große Menschhe itstragö die ab. Es ist das er sie ma l, daß von gänzlich unbeeinflußter Seite -und durch einen der geistreichsten und politisch einsichtigsten Köpfe der Gegenwart die Ereignisse des Jahres 1919 einer kritischen Beleuchtungunterzogen werden. Im Mittelpunkt stehen der Friedenskongreß und das Erzeugnis seiner Mitglieder: der Scheinfriede, dessen Grundcharakter an der Hand ähnlicher weltgeschichtlicher Vorgänge rücksichtslos bloßgelegt wird. SOIit der erfrischenden Schärfe und Souveränität des wirklichen Könners und Kenners, der zu hoch steht, tim vom Fanatismus von da oder dorther auch nur erreicht zu werden, rechnet Brandes mit den verschiedenen Nationen und ihren Machthabern ab, hat auch für Deutschland -manch strenges Wort, nimmt aber dendeutschen Menschen gegen-'die Flu-t boshafter Schmähungen, die die Welt über ihn ausgeschüttet, entschlossen in Schutz. Eine Fülle des Interessanten über die Zustände und Veränderungen politischer, moralischer und geistiger Natur, die der Krieg -auf der Erde hervor-g-ebracht hat, kommt Seite für Seite zutage, wobei der Verfasfer besonders die schwachen Stellen bei den Siegern zu treffen weiß, die diese ,a>msorgfältigsten verhüllen möchten, wie etvu'a die Mißhandlung fremder Völker, deren- Art und Verhalten gegen das von' der Welt nur' immer allein bemitleidete Belgien weit in den Schatten stellt. Besondere Beachtung, verdienen seine Auslassztngen bezüglich des geplanten jüdischen Staatsgebildes in Palästina; er warnt vor allzu -großen' Erwartungen. Das Buch wird bei unseren Peinigern wenig Freunde finden: das ist seine beste Empfehlung^ * G i l e a d. Ein Jahrbuch. Prag 1919, Verlag „Jung Juda". (96 Seiten.) Wer die Mängel und Schwierigkeiten kennt, die mit der Herausgabe einer Zeitschrift isü-r die jüdische Jugend verknüpft sind, wer sich dabei ncch bewußt ist der -dringenden- Ausgaben, hie eine' solche Zeitschrift gerade in der Gegenwart zu erfüllen hak, der kann es auch er,messen, welches Maß von Entsagung und Aufopferung es bedurfte, um zwanzig Jahre hindurch der jüdischen Jugend eine solche Zeitschrift zu bieten. Und das ist das nicht hoch genug ztt schätzende Verdienst -des Verlages „Jung Juda" in Prag, der unter dem Titel „Gilead" seinen Freunden und Lesern ein Jahrbuch in die H-and gibt, dessen Titel schon verrät, i-n welchem Sinne es geschrieben ist. Unter den Mitarbeitern finden sich neben Schriftstellern von Ruf und Namen wie Max Brod und Heinrich Löwe andere, deren prosaische -und poetische Beiträge, letztere besonders, die Absicht merken lassen und verstimmen. Leider entspricht die Ausstattung und insbesondere die Wiedergabe -vielfach alter und veralteter . Bilder nicht dem Grundsätze, daß für die Jugend das Beste gerade gut genug sei. — Mag auch -der vorliegende Versuch als nicht vollständig gelungen zu bezeichnen sein-, so wünschen wir. den fo-lgenden desto mehr Glück und Erfolg! Stuttgart. Professor Dr. A. Rosen zweig.