Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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191 ein, iifbem sie vv» bcnt Ei sprach, das nicht klüger sein svlle als die Henne. Und heute sähe Hannchen wohl selbst, daß sie auf diese Weise besser gefahren wäre, als wenn sie den Wunsch der Eltepn mißachtet haben würde und des Markus Löb Frau geworden wäre. Darauf erwiderte Tante Hannchen, daß sie nicht von ihr, sondern von Esther reden wollten. „Schließlich zwingen . . .", meinte Tante Hannchen. Doch Fradel schnitt ihr so böse das Wort ab, daß sie gern verstummte und nur dachte: da wird sie ihn halt in Gottes Namen nehmen müssen. Em anderes bedachte Esther: aus welche Weise das, was ihr der Vetter Abraham vvrgeischlagen, durchzuführen wäre. München — nach München! — So zitterte und bebte und flutete und sang es in ihr, bewußt und unbewußt, bei Tag und bei Nacht. In der Wohnstube hing ein ganz altes Bild an der Wand, schon stockfleckig unter dem Glas, ein Stich mit Türmchen und Häusern und einem Fluß. Und vorn spazierten kleine Männchen mit altfränkischen Zylmderhüten und Frauchen mit sonderbaren Hauben und winzigen Sonnenschirmen. Und darunter stand zu lesen: Die Stadt Muenchen an der Isar. Anno Domini MLCCCXXXV1II. Eines Tages stand Esther aus der Haidevstadter Brücke und blickte lange da hinab in daS Wasser. Und wieder den Hügel hinan in die schwarzen Tannen hinein, dorthin, wo sie ihr den lieben Vater zur Ruhe gelegt hatten. Und dann wieder stand dies Bild ihr vor dem Auge: Muenchen an der Isar . . . Und das Mädchen dachte: es bleibe ihr diese Gewißheit, wenn sie hineinginge in die große Ungewißheit, -aß überall ein Bett bereitet wäre für einen Menschen, der nicht wußte, wo aus noch ein, es müßte nicht gerade das Bett des heimatlichen Etzbach sein. Der Fluß Isar würde ihr diesen lieben Dienst ebensogern tun... * Am Tag ist auch die Prima ballerina wie andere Leute angezogen. Auch liegt dann ni# dies holdselige Lächeln auf ihren Lippen. Im Gegenteil. Ihr Mund ist setzt unjung und brutal, wie sie wartend steht in dem kahlen Bretterraum, da Esther vor ihr tanzen soll. Wo nur der Klavierspieler bleibt? — Jetzt zwängt sich der junge Dramaturg durch die schwere Eisentür. Er fragt, ob er zusehen dürfe. Und küßt der Ballerina die Hand. Schon ist sie gnädig und hold. Esther scheint er übrigens die Hand nicht zu küssen . . . Doch der Klavierspieler kommt nicht. Da fragt der junge Mann, ob er vielleicht . . .? Daß Esther keine „Schule" hat — na ja, das wußte ja Madame Falliera, doch Alfred Oppenheim und der. junge Doktor Grünerz, der Dramaturg, haben sie beredet, sie wäre dennoch des Sehens wert, denn diese junge, herbe, eben nur gerade ihr eigene Grazie . . , ach was, denkt die Falliera, tanzen muß sie können, tanzen . . . aber da ist kein einziger ordentlicher Pas . . . kann sie auf den Fußspitzen gehen . . .? nichts . . . kann sie „wirbeln" . . .? nichts, nichts. In diesem Augenblick hält Esthers Schritt. Was raschelte da über die leeren Bretter? — Eine Ratte. — Eine große, lange Ratte. — Wer füvhtet die Ratte? — Eine Ratte fürchten? im Gegenteil! — weiß Esther nicht, daß die Ratte auf ihrem Schwanz den Erfolg trägt? Den Ruhm? Das Glück? Die Falliera beneidet Esther um diese Ratte und läßt sie fast wanken in ihrem Urteil. Denn da — sieh mal—, da kommen schon wieder zwei aus der Ecke hervor — zwei ganz junge. Die spielen und suchen sich zu haschen und rennen im Kreise, die eine der andern Schwänzlein nach. Oder sind es diesmal bloß Mäuse? Die Falliera tritt näher herzu. Da verschwinden die Tierchen natürlich. Die Ballerina nimmt an, es seien diesmal nur Mäuse gewesen. Denn die Mäuse bringen im Gegensatz zu den Ratten ... Im übrigen — es ist nichts. Die Falliera kann Esther nicht aufnehmen. Wo Grünerz und Oppenheim nur hingedacht haben?. — Als Einzelelevin — nicht daran zu denken. Nicht mal in einer Reihe. Selbst dann nicht, wenn Esther das vorschriftsmäßige Alter noch nicht überschritten haben würde. - „Estherchen, was sagen Sie zu dem Getier?" fragt Grünerz draußen. „Fein, fein", macht er fort, „großartig — die Falliera und die Ratten! Das andere sollten Mäuse gewesen sein? Lassen Sie sich nichts weiß machen, Esther, es waren Ratten, kleine, junge Ratten; dafür verpfänd' ich meinen Schädel mit meiner neuen Geschichte drin: „Die Ratten". Natürlich kriegt sie einen anderen Titel, zum Beispiel —" er sinnt nach ... Esther denkt: Für ihn ein Novellenstoff, für mich das Todesurteil. „Auf alle Fälle", sagt sie, „haben m i r diese Ratten kein Glück gebracht." „Wo denken Sie hin, Esther, bloß geht das nicht so eins, zwei, drei; Sinnbilder sind langfristig . . ." Grünerz ist eines großen Kaufmanns Sohn aus dem Norden und entnimmt seine Ausdrücke gern und bewußt dem väterlichen Milieu. — — Daheim in Haiderstadt gilt ihnen Esther für ein „verlorenes Mädchen". Schon soll sie nicht mehr des Abraham Oppenheim, des „ewigen Studenten", Geliebte sein, sondern sie wäre — heißt es — seitdem durch drei, vier Hände gegangen. Die einen wollen wissen, sie lebe augenblicklich mit einem Komödianten zusammen, andere haben von einem Grafen gehört. , Die ganz Unterrichteten sagen ferner, daß sie nackt vor den Leuten tanze. Ganz nackt. Natürlich nur vor Herren. O ja, das könne man alles haben in der Großstadt. Und jeder weiß, wo sie enden wird: aus dem Mist natürlich. Oh, Haidersladt wird berühmt, richtig berühmt. Erst haben sie der Welt einen Raubmörder, den Ädlerschorsch, geschenkt; und jetzt eine Dirne großen Stils. Und sie haben, wenn sie zueinander „zu Licht" gehen, Gesprächsstoff für den ganzen Winter bis zu Purim. (Fvrtp'tzimn folgt.) Litrrsrilche. Mittrilungm. — K a r I M et r x, Z u r Iudenf r et g e. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin. 1919. Herausgegeben und eingeleitet von S t e fa n Groß mann. Unter dem Titel ,,Umsturz und Aufbau" erscheint eine Folge von Flugischriften, welche Dokumente vereinigen sollen, die „wie Leu echtst gnale einer besseren Zukunft über unserer verzweifelnden Gegenwart schweben sollen". Zeitgenossen sollen hier zu Worte komutett, die von der Leidenschaft gegenwärtiger Kämpfe durchglutet sind. Aber neben ihnen sollen auch reife Geister der Vergangenheit sprechen, deren Ruf, an keine Zeitlichkeit gebunden, klärend und erlösend in unsere verwirrten Tage klingt. — So sind die Intentionen des Verlages Ernst Rowohlt in Berlin. Aber ob die Aeußeruugen von Karl Marx zur In den frage, die in dieser Schrift ausgegraben worden sind, klärend und erlösend für unsere von schweren sozialen Krämpfen durchrüttelte Gegenwart wirken tuerden, möchten wir bezweifeln. Stefan Großmann, der diese Schrift heran sgegebeu hat, behauptet in seiner Einleitung dazu, daß Karl Marx, indem er seine Meinung über die In de ns rage kundgab, sich nicht als Jude, nicht -als Judenfeind, sondern als Verkünder und Bürger einer neuen Welt fühlte. Aber wer in seinen Empfindungen hin und her gerissen, zu dt^er Schrift greift und iit ihr ein Leuchtstginal einer besseren Zukunft", ein abgeklärtes Urteil eines hervorragenden sozial-philosophischen Geistes zu finden hofft, der wird bitter enttäuscht. Stefan, Großmarur bezeichnet die beiden Aufsätze, welche die Schrift enthält und die zuerst in den deutsch-französischen Jahrbüchern Ruges erschieneu sind, als „nicht ganz leicht lesbar". Das ist ein mildes Urteil. Aber wer sich durch diese eigenartige Dialektik mühsam hindurch-