Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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selbst Politischer Flüchtling, gew-es-en und dadurch mit v:LlW,psijveren seiner Leid-ensgenvssel: im Auslande in Berührung gekommen. Er erzählte nur, daß viele von diesen während ihres Exils im Auslande von meinem Großvater mit beträchtlichen Geldmitteln unterstützt worden seien, damit ihre geistige Kraft dem Deutschtuyr nicht,Perloren gehen solle, und um zu verhindern, daß sie, durch äußere 'Umstände gezwungen, sich vielleicht vom Deutschtum abwenden und ihre Kraft in den Dienst anderer Nationalitäten stellen könnten. Bon Bismarck sagte Ludwig Bamberger: „Ich habe mich nebst meinen Parteigenossen gezwungen gesehen, Bismarck sehr oft auf das schärfste im Reichstag und in der. Presse zu bekämpfen. Aber jetzt, wo er nicht mehr am Ruder ist, kann ich es A^rpst sägen, er ist bei alledem ein wahrhaft großer Mann und wird für alle Zeiten in der Geschichte als solcher dastehen. Im, Innern hat er zwar so manches verschuldet, aber in der äußeren Politik war er eins der größten Genies, welche die Welt je hervorgebrcht hat. Jetzt, wo er seit kurzem die Zügel nicht mehr in Händen hält, kann man ja schon bemerken, wie die gesamte Weltlage sich Zuungunsten Deutschlands zu verschieben beginnt. Wohin unser junger Kaiser uns schließlich führen wird, das weiß niemand." In späteren Jahren habe ich Ludwig Bamberger sowohl in Berlin als in Paris noch wiederholt gesehen und viele interessante politische Unterhaltungen mit ihm gehabt." — Ferner heißt, es: „Einer der reichsten Männer in Europa war damals — in der Mitte der neunziger Jahre — ein gewisser Baron Hirsch. Er besaß allgemein den Beinamen „Türken-Hirsch", weil der größte Teil seines Vermögens erworben war, indem er. für die türkische Regierung die sogenannten „Orientalischen Bahnen" auf dem europäischen Gebiete der Türkei geballt hatte. Er war Bankier von Beruf, stammte aus München und hatte lange Jahre sein Hauptgeschäft in Brüssel. Später gab er sich im allgemeinen nur noch mit der Verwaltung seines riesigen Vermögens ab, besaß eines der schönsten alten Häuser in London, ein prächtiges Haus in Paris und ein Schloß nebst großem Landbesitz an der ungarisch-mährischen Grenze. Er lebte abwechselnd in London, Paris und auf seinem Besitz in Mähren. Gegen Ende-der ack^iger Jahre war er in London mit dem Prinzen von Wales be- 0mnk geworden. Dieser besuchte ihn unter anderem auch wiederholt auf seinen: Schloß in Mähren, wo im Spätsommer große Treibjagden, insbesondere auf Rebhühner, abgehalten wurden. Ter Besitz hieß St. Johann. Nach dem Tode des Barons Hirsch kaufte, ihn der. Fürst - Christian Kraft zu Hohenlohe. Wiederholt war ich vom Türken-Hirsch eingeladen worden, während der Anwesenheit des Prinzen von Wales bei den Jagden in St..Johann sein Gast zu sein, leider aber habe ich nur einmal davon Gebrauch machen können. Ich reiste mit dem Prinzen von London über Wien, wo wir uns nur kurz aufhielten, und blieb dort etwa eine Woche. In jeder Beziehung waren wir in St. Johann crus das beste ausgehoben. Der Türken- Hirsch, dessen Sprache von klein auf das Deutsche war, hatte, obgleich er sonst eine gute Schulbildung besaß, erst in späteren Lebensjahren Französisch und Englisch dazugelernt, aber keins von beiden vollkommen. Sowohl in der Aussprache als auch in der Anwendung von Ausdrücken machte er oft große Fehler und rief dadurch Heiterkeit unter den Zuhörern hervor. Schließlich konnte er aber auch nicht mehr richtig Deutsch sprechen und warf in einem manchmal ganz unverständlichen Kauderwelsch alle drei Sprachen durcheinander. An der Parkseite des Schlosses St. Johann befand sich eine Terrasse, von welcher aus man einen herrlichen Blick auf die Karpathen hatte. Wenn fremde Gäste .ankamen, führte er sie gewöhnlich auf diese Terrasse, um ihnen den Blick aus die Karpathen zu zeigen. In einer sonderbaren Mischung von Englisch und Deutsch sagte er dann, mit der Hand auf das Gebirge zeigend: „And those sind die Karpathen." Am meisten amüsierten sich hierüber seine englischen Gäste, vor allem auch der Prinz von Wales. Ter Türken-Hirsch war im übrigen auch ein ganz sonderbares Gemisch von Großzügigkeit und Geiz. Unter Umständen gab er für wohltätige Zwecke und auch an Freunde die größten Summen, welche mitunter in die Millionen liefen. Dann aber knauserte er zuzeiten wieder um wenige Pfennige. Eines Abends sah ich ihn einmal bei strömendem Regen vor einem Klub in London stehen und sich mit dem Kutscher des Cabs, der ihn dort hingefahren hatte, um sechs Pence zanken. „Kommen Sie doch endlich aus dem strömenden Regen heraus und in den Klub!" sagte ich zu ihm. „ED ist doch vernünftiger. Sie zahlen den: Kutscher die sechs Pence, statt 100 daß Sie sich erkältet: und womöglich tagelang auf der Nase liegen." Der Türken-Hirsch erwiderte: „Das ist schön gesagt, aber ich habe ineine Prinzipien." (Schluß folgt.) Llther. (3. Forts.) Roman von Clementine Krämer. sther denkt, nun werde die Tante von ihrer Reue um das Verlorene erzählen. Doch nein: „Weißt du, Estherchen, schließlich Hab' ich mir gedacht, meine Eltern haben es gewollt, da — da mußte ich doch gehorchen, nicht wahr? ,Der Segen der Eltern', du weist doch." Nein, da konnte Esther nicht mitgehen. Einen heiraten, den man nicht mag, besonders dann, wenn man auch noch einen anderen lieb hat in seinem Herzen! Nein, das verstand nnn Esther nicht: „Man hat doch auch Pflichten gegen sich selber, Tante Hannchen!" Davon hatte die Tante nie etwas gewußt. Es gab Kindespflichten, die Pflichten der Gattin — ach sie waren nicht allzeit leicht gewesen — und Mutterpflichten. Und so weiter. Aber von etwas anderem — nein von anderem wußte Tante Hannchen nichts. „Ja Tante, dann — dann kannst du mir wohl nicht helfen? Dann bin ich umsonst in der Sonnenglut die Stunde da herübergerannt." Aber nein, natürlich würde Tante Hannchen ihr Estherchen nicht im Stich lassen. Das Kind möge nur sagen, was sie tun solle. Na also, Tante solle mit der Mutter reden, daß daraus — mit dem Liepmann — nichts werden könne. Diese Ausgabe war nun nicht leicht. Hannchen Kahnheimer kannte ihre Schwägerin und wußte, daß selbst ihr seliger Bruder Veit — olow ha scholom — er komme zum Frieden — nicht immer leichten Stand gehabt, wenn sich Fradel etwas in den harten Kopf gesetzt hatte. Doch wollte sie den folgenden Sabbat hinüberkommen und ihrem Estherchen beistehen, soviel in ihren Kräften stand. Dies war indes wenig genug. Fradel Stein fand, sie wisse allein — ganz allein —, was zu tun sei., Was den Liepmann beträfe, so sei der um all ihre Angelegenheiten besorgt, schaue, daß sie zu ihrem „Sach" käme, indem er ihr die rückständigen Gelder eintreibe, und kurz und gut, es sei nicht zu viel verlangt, wenn er dafür . . . Was sich Esther überhaupt einbilde? — Männer wären rar, ihre Mutter habe schon immer gesagt, daß das Pfund Ochsensleisch mehr gelte wie das Pfund Knhsleisch. Was die Schwarzwaldbauern bekanntlich so ausdrückten: „Will jo bei Buemei Mädle?"—das wolle bekanntermaßen sagen, wer eine Tochter habe, müsse dazu tun und das Feuer in der Asche suchen. Ob Esther vielleicht eine Prinzessin wäre und keiner gut genug für sie? Was sie für sich überhaupt Besseres erwarte als diesen, der ein rechtschaffener Mensch und ein tüchtiger Handelsmann sei — was denn, bitte? - Escher konnte kein Wort Vorbringen, aber Tante Hannchen erklärte an ihrer Stelle, daß jene den Liepmann nun einmal nicht lieben könne. Doch da kam sie schön an: Lieben! — Sie Hannchen — gerade sie mit ihren überspannten Redensarten habe dem Fräulein Tochter noch gefehlt. Hätte vielleicht Hannchen den Daniel „geliebt"? Und habe ihn darum doch genommen, weil ihre Eltern es so gewollt. Und wiederum stickte Frau Fradel dem Gewebe der blühen» den Rede eine rankende Rosengirlande ihrer Spruchweisheit