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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-23 · Heft 17 (23.4.1920) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 17 (23.4.1920)
Date
1920-04-23
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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So fnh jener Hof -des bischöflichen Palastes die furchtbarsten Szenen. Unabweisbar brach das Verhängnis über diese armen Menschen zusammen, und wollten sie nicht in die Hände der Feinde fallen, so mußten sie sich gegenseitig töten, wie wir es oben geschildert haben. Und trotz allen Mitleides, das wir mit diesen Menschen empfinden, ist es doch auch wieder ein Gefühl des Stolzes über die Art und Weise, mit welch innerer Standhaftigkeit sie in den Tod gegangen sind und einer dem anderen durch sein Vorsterben das Ende leichter machen wollte. Müssen wir nicht wenigstens jene Rachel nennen, die Tochter des R. Izchak ben R. Ascher, die Gattin des R. Jehudah, die ihre eigenen Kinder tötete, um sie nicht lebend in die Hände der Feinde fallen zu lassen, damit sie im Irrglauben erzogen würden? Ueber tausend Tote barg dieser bischöfliche Palast, und nur Tote fanden die Feinde, als sie eindrangen. Doch genug von diesen Greueln! Die Welle jener ersten Kreuzzugshorde verebbte, nachdem ihre letzten Brandungen bis nach 8er Donau und nach Böhmen gestrandet waren. Ob viele von diesen blutbefleckten Mördern das Heilige Land gesehen haben? Wohl kaum! In ihrem Blutrausch hatten sie Befriedigung gefunden, ihrer Beutegier hatten sie genügt und sich bereichert! Bekanntlich ist jene erste Welle der Judenverfolgungen in den Kreuzzügen nicht die letzte geblieben, auch die Einnahme von Jerusalem (1099) war mit den furchtbarsten Judenverfolgungen verbunden, und ebenso brachte ein halbes Jahrhundert später der zweite Kreuzzug ungeheures Leid über die Judenheit. Nachdem erst einmal der Anfang' gemacht worden war, wußten die Nachfolgenden, wie sie sich zu benehmen hatten! Wir wollen nicht noch einmal die grausigen Bilder vor den Augen unserer Leser entrollen. Das, was wir zu zeigen beabsichtigten, glauben wir gezeigt zu haben: die Kehrseite der Kreuzzüge, von der man in der nichtjüdischen Geschichtschreibung so bitter wenig hört und die doch geeignet ist, in unserer Auffassung das Bild von den Segnungen der Kreuzzüge in das Gegenteil zu verkehren. Und noch eins, was vielleicht noch schlimmer ist, als die Verfolgungen selbst! Diese Verfolgungen, sie haben den innerlich stolzen Juden gebrochen, sie haben aus dem frei dahinschreitenden Menschen einen gedrückten, scheu sich umsehenden Knecht gemacht, der sich ewig verfolgt glaubte und der den Mut ziun Leben verlor. Nur noch in der Stille des Gettos, in das er sich zurückzog, hinter den verschlossenen Toren seines Judenoiertels, da fühlte er sich sicher, und nur noch in der Beschäftigung mit den heiligen Schriften lebte seine gequälte Seele wieder auf. Wer also ist schuld an jenem Typ des Juden, den sie nun so verachten, in dem sie etwas Minderwertiges sehen, wer hat. ihn zu dem gemacht, was er noch heute in vielen Ländern ist? Am Anfang einer neuen Epoche stehen die Judenverfolgungen der Kreuzzüge; nun wurde der Golus für die Juden erst die Verbannung im eigentlichen Sinne. Wohl sind fast tausend Jahre seitdem vergangen, aber das, was jene Epoche uns erzählt, ist doch gerade in den heutigen Tagen gar sehr bedeutsam. Interellgnte Lebrnserjmikrungtn. Von Regina Ne l h er (Breslau), or uns liegt der erste Band eines hochbedeutenden Werkes^), das dereinst nach seinem- Abschluß einen wichtigen Beitrag zur Vorgeschichte des Weltkrieges bilden wird. Der Verfasser hat, dreiundzwanzig Jahre der deutschen Botschaft in London angehöcend, auf ausgedehnten Reisen Welt und Menschen kennengelernt und zu den meisten führenden Persönlichkeiten der Wilhelminischen Aera insbesondere in mehr oder minder nahen Beziehungen gestanden. Für uns können hier nur seine Berührungen mit Juden und Juden- I „LebenserinErungen und politische Denkwürdigkeiten von Botschaftsrat a. D. Hermann Freiherrn, von Eckardstein", Bd. 1. Verlag Paul List, Leipzig. äbköttnnlingen,' deren wir mehrfach finden nnb denen nachzugehen von höchstem Interesse ist, in Betracht kommen. Als elfjähriger Junge begegnete ihm auf dem Landsitze seines Onkels, von Theodor Fontane dort eingeführt, der Chevalier Wollheim di Fonsecca. Dieser, als Jude in Breslau geboren, war zu Anfang der vierziger Jahre bei Metternich in Wien als Schreiber tätig, ging alsdann auf Reisen, nachdem seine Hoffnung, zum! Geheimsekretür des Kanzlers ernannt Zu werdem sich nicht erfüllt hatte, kam auch nach Portugal, wo er geschäftliche Tätigkeit entfaltete und eine Mademoiselle di Fonsecca heiratete, deren Namen er dein seinen znsügte. Hierauf ging er nach Dänemark, wo er Privatsekretär des Königs Friedrich VH. wurde. Während des Feldzuges 1870/71 tauchte er plötzlich im Hauptquartier auf, wo er von Bismarck empfangen und der Heeresleitung empfohlen wurde; bald darauf gab er in Reims die Kriegszeitnng heraus. In Brüssel leitete er später ein Theater und madjte mehrere Jahre viel von sich reden, und hatte alsdann in Leipzig, wo er sich längere Zeit aufh'ielt, die Absicht, eine große Tageszeitung zu gründen. Er beherrschte -mehrere Sprachen und man sagte von ihm: er spricht .vierzig Sprachen und lügt in füufnndvierzig. Während des Berliner Kongresses, Juni/Juli 1878, wurde der Vierzigjährige im Hotel Kaiserhof durch den Grafen Peter- Schnwalow Lord Beaconsfield (Disraeli) vorgestellt. An dem runden Stammtische der alten Berliner Weinstube von Lutter n. Wegener in der Charlottenstraße ist in späteren Jahren Baron v. Eckardstein noch öfters mit dem Chevalier Wollheim di Fonsecca, wenn diesen sein Weg nach Berlin führte, zusammengetroffen; dort erschien auch zuweilen der amüsante Geheime Justizrat Prünker. In Paris besuchte Freiherr v. Eckardstein ans der Reise nach Madrid den bekannten jahrelangere Vertreter der „Times", Monstern' de Blowitz, den er schon früher in Berlin kennengelernt hatte. Dieser rvar von jüdischer Abstammung, sein Geburtsland war Böhmen und sein eigentlicher Name Heinrich Stephan Oppert; in Paris hatte er sich aber den Namen Monsieur de Blowitz beigelegt. Er hat in seinen Allüren ihn stets an den Chevalier Wollheiur di Fonsecca erinnert. Selten, hat ein politischer Journalist eine derartig einflußreiche Stellung in der Welt eingenommen, wie dieser ll^e Monsieur de Blolvitz. Uns Deutschen gegenüber hat er sich währWW seines langen Wirkens als Pariser Vertreter der „Times" stellenweise nicht gerade sehr lvohlwollend benommen, denn viele seiner Sensationsartikel aus Paris trugen einen durchaus deutschfeindlichen Charakter. Dann schwenkte er aber auch öfters ein und schrieb zur Abwechslung eine Zeitlang deutschfreundlich. Er sprach und schrieb ein vorzügliches Französisch; sehr interessant sind zum Teil seine vor mehreren Jahren erschienenen Memoiren. Aus Madrid berichtet Freiherr v. Eckardstein kurz darauf: „Der bekannte Vertreter des Hauses Rothschild in Madrid, Herr Bauer, hatte mir einen Empfehlungsbrief an die Weinmagnaten von Jere's de la Frontera mitgegeben. Als ich dieses präsentierte, wurde ich mit großer, fast beinahe zu großer Gastfreundschaft ausgenommen. Von dort, beziehungsloeise Sevilla, fuhr ich nach' Cadiz. Auch hierher hatte rnir der liebenswürdige Herr Bauer, physisch wie seelisch eine typische Nathansigur mit weißein, langem Bart, Entpfehlungsschreiben; mit auf dem Weg gegeben." Im Herbst 1891 schreibt Baton v. Eckardstein aus Biarritz: .„In meinem Hotel lvohnte um diese Zeit auch der bekannte deutsche : Politiker und Schriftsteller Ludwig Bamberger, welcher neben Eugen Richter damals einer der maßgebendsten Führer der Frei- ■ sinnigen Partei im Reichstag war. Ebenso lvohnte dort sein Bruder, welcher an der Spitze eines Pariser Bankhauses stand. Ich freundete : mich mit den Gebrüdern Bamberger an, und wir machten so manche , Fußtour zusammen. Sehr lehrreich war es für mich, der ich in Deutschland doch mehr oder weniger in streng konservativen Kreisen auf-; gewachsen war, mit einem so bedeutenden liberalen Politiker wie Ludwig Bamberger, politische Diskussionen zu haben. So manche, unzeitgemäße Vorurteile, die naturgemäß infolge nreiner ganzen Erziehung noch an mir hafteten, wurden dadurch zerstreut. Bamberger lvar stets ein großer Verehrer meines Großvaters, des Grafen Hermann Kleist v. Nollendorff, gewesen, weil dieser, seiner Zeit, in politischer wie sozialer Beziehung weit vorauseilend, in den dreißiger Jahren als Landrat und besonders auch int Ihre 1848 die Demagogen, welche eine Verfassung forderten, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln unterstützt hatte. Ludwig Bamberger lvar im Jahre 1849

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